Tierpharmazie

Varroose der Bienen

Foto: Ludmila Smite – Fotolia.com

Problem für wichtige Nutztiere – Lösung aus der Apotheke

Sabine Wanderburg | Nach Schwein und Rind ist die Biene das drittwichtigste Nutztier in Deutschland, denn ein Drittel der menschlichen Nahrung ist direkt oder indirekt von der Bestäubung durch Bienen abhängig (siehe Kasten „Bedeutung der Bienen“). Doch Bienen sind durch die Varroamilbe stark bedroht. Spätestens seit der Einschleppung dieses Schädlings existieren kaum noch Wildvölker. Bienenkulturen müssen konsequent behandelt werden, um ihre wichtige Aufgabe auch weiterhin wahrnehmen zu können. Bei dieser Behandlung können sich auch Apotheker profilieren, denn die relevanten Arzneimittel sind nicht verschreibungspflichtig.

Aus tierärztlicher Sicht sind Bienen als Patienten relativ exotisch. Umso größer ist hier die Chance für Apotheker, zumal diese von einer arzneimittelrechtlichen Kuriosität profitieren. Daher machte sogar die Tierärzte-Zeitschrift „VetImpulse“ in ihrer Ausgabe vom 15. Juni auf die Möglichkeiten für Apotheker aufmerksam. Denn Apotheker dürfen die nicht verschreibungspflichtigen Arzneimittel abgeben, ohne die Bienen anzuschauen. Tierärzte müssen dagegen die Bienenvölker begutachten, einen Arzneimittelabgabebeleg ausfüllen und sich vom Behandlungserfolg überzeugen, auch wenn sie nur apothekenpflichtige Arzneimittel an Imker abgeben. Dr. Sven Hoffmann, Tierarzt, Imker und Bienenseuchenwart aus Hessen, wird daher in der „VetImpulse“ mit dem Rat an Tierärzte zitiert, Imker besser gleich an Apotheken zu verweisen.

Auch erwachsene Bienen werden von den Varroamilben befallen (siehe braune Punkte an den Pfeilen). Sie sind auf den ersten Blick nicht leicht zu erkennen und führen zu hohen Verlusten beiden Bienenvölkern. Dabei scheint nicht die Anzahl der Milben eine Gefahr zu sein, sondern die Übertragung von Infektionen beim Saugen der Hämolymphe der Biene. Bereits eine in einer Brutzelle parasitierende Milbe kann die daraus schlüpfende Biene schädigen. Ist eine Brutzelle von mehr als einer Milbe befallen, so weist die schlüpfende Biene oft Missbildungen auf oder stirbt noch vordem Schlupf ab. Foto: Jens Ahne, Gernrode

Gelegenheit dafür gibt es wegen der Varroamilbe reichlich. Der nur 1,6 Millimeter große Schädling wurde vor etwa 35 Jahren aus Asien nach Deutschland eingeschleppt. Die Varroamilbe entwickelt und vermehrt sich in der verdeckelten Bienenbrut im Stock, befällt aber auch erwachsene Bienen (siehe Abbildung). Heutzutage gibt es laut Bayerischer Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau kein Bienenvolk mehr ohne Milbenbefall. Unbehandelte Bienenvölker gehen unweigerlich zugrunde. Mehrmalige Behandlungen im Jahresverlauf sind derzeit unumgänglich und zur Erhaltung der Bienenvölker unverzichtbar.


Erfolgreiche Therapie abhängig von vielen Faktoren

In Deutschland sind zur Behandlung der Varroose organische Säuren (Ameisensäure, Milchsäure und Oxalsäure), Thymol-Präparate sowie zwei synthetische Varroazide (Flumethrin und Coumaphos) zugelassen (siehe Tabelle). Alle Varroazide schädigen auch Bienen. Um den Milbenbefall bei tolerierbarem Bienentotenfall möglichst stark zu reduzieren, sind die Anwendungshinweise der einzelnen Präparate genau zu beachten. Allerdings dürfen Varroazide wegen der Gefahr von Rückständen nur nach Abschluss der Honigernte eingesetzt werden. Die Wahl des richtigen Varroazids ist sowohl von der Außentemperatur als auch von der Jahreszeit und der Situation im Bienenvolk (mit oder ohne Brut) abhängig. Ein ganzheitliches Behandlungskonzept umfasst zusätzlich biotechnische Verfahren, beispielsweise Drohnenbrutentnahme, Fangwabeneinrichtung und Brutablegerbildung. Diese können auch vor und während der Trachtzeit im Frühjahr und Frühsommer durchgeführt werden, wenn ein chemisches Bekämpfungsverfahren nicht infrage kommt. Nach der Honigernte können Varroazide eingesetzt werden, die auch Milben in der Brut erfassen, z. B. Ameisensäure, thymolhaltige Produkte und Bayvarol®. Im brutfreien Spätherbst und Winter können sehr wirkungsvoll Milchsäure, Oxalsäurepräparate und Perizin® verwendet werden.

Bedeutung der Bienen


Wichtige Nutzpflanzen wie Äpfel, Birnen und Pflaumen werden zu 80 bis 90% von Zuchtbienen bestäubt, ebenso Mandelbäume, Melonen, Paprika, Kürbisse, Himbeeren und etwa 90 andere Obst- und Gemüsearten, sowie Klee und andere Futterpflanzen. Den durch die Bienenpollination (Pollenübertragung, Bestäubung) erwirtschafteten Wert schätzen Forscher für Europa auf jährlich bis zu 5 Milliarden Euro. Da andere Insekten die relevanten Pflanzen kaum bestäuben können und die Wildvölker der Bienen durch die Varroamilbe weitgehend vernichtet wurden, bleiben nur die Zuchtvölker für die Bestäubungstätigkeit.

Organische Säuren oft Mittel der Wahl

Ameisensäure ist als 60%ige Lösung zur Bekämpfung der Varroose zugelassen (Ameisensäure ad us. vet.®, Fa. Serumwerk Bernburg AG). Mithilfe geeigneter Applikatoren (Vakuumverdunster) werden im Bienenstock niedrige Dosen gleichmäßig über etwa zehn Tage freigesetzt. Beim Umgang sollten Schutzhandschuhe und Schutzbrille getragen werden. Ameisensäure kann bei Außentemperaturen bis zu 30 °C eingesetzt werden. Empfohlen wird zweimal pro Jahr zu behandeln: nach der Abschleuderung des Honigs und nach der Auffütterung der Winterbienen. Eine Resistenzbildung ist unwahrscheinlich.

Milchsäure ist als 15%ige Lösung (Milchsäure 15% ad us. vet.®, Fa. Serumwerk Bernburg AG) als Tierarzneimittel zur Sprühanwendung zugelassen. Bei Außentemperaturen zwischen 4 °C und 10 °C können brutfreie Bienenvölker im Spätherbst und Winter relativ gefahrlos für Bienen und Anwender behandelt werden. Zweimal im Abstand von einigen Tagen bis wenigen Wochen werden jeweils etwa 8 ml Milchsäure pro Wabenseite gleichmäßig auf die mit Bienen besetzten Waben gesprüht. Dabei sollten Schutzkleidung, Gummihandschuhe, Schutzbrille und Atemschutz getragen werden.

Oxalsäure dihydrat-Lösung 3,5% (m/V) ad us. vet.® (Fa. Serumwerk Bernburg AG) und Oxuvar® (Fa. Andermatt BioVet GmbH) sind zur Träufelbehandlung zugelassene Oxalsäure-Präparate mit einem Saccharosezusatz. Erst unmittelbar vor Gebrauch wird die Saccharose der auf etwa 35 °C angewärmten Oxalsäure-Lösung zugefügt. Die Anwendung ist bei Außentemperaturen zwischen 3 °C und 10 °C bei brutfreien Bienenvölkern einmalig im Spätherbst möglich. Mit einer Einwegspritze werden etwa 5 ml der gebrauchsfertigen Lösung pro Wabengasse direkt auf die mit Bienen besetzten Waben geträufelt. Auf das Tragen von Schutzkleidung, Gummihandschuhen und Schutzbrille ist zu achten. Schwangere sollten den Kontakt mit Oxalsäure vermeiden.


Varroa destructor ist eine ca. 1,6 mm kleine Milbe, die sich bei der Honigbiene festbeißt. Die eigentliche Entwicklung und Vermehrung der Milbe findet jedoch nicht auf der erwachsenen (adulten) Biene, sondern in der verdeckelten Bienenbrut statt. Deshalb handelt es sich bei der Varroose im Wesentlichen um eine Brutkrankheit. Im Winterhalbjahr, wenn keine Brut gepflegt wird, wechseln die Varroamilben vollständig auf die erwachsenen Bienen, um zu überleben. Hier eine rasterelektronenmikroskopische Aufnahme einer Milbe auf einer adulten Biene. Foto: Agricultural Research Service

Thymol-Präparate zur Langzeitanwendung

Thymol wirkt bei guter Bienenverträglichkeit in einer Konzentration ab 5 mg pro Liter Stockluft tödlich auf Varroamilben. Zugelassen sind mit Thymol getränkte Schwammtuchplatten (Thymovar®, Fa. Andermatt BioVet GmbH, und Apilife var®, Fa. Serumwerk Bernburg AG) sowie Schalen mit langsam freisetzendem thymolhaltigem Gel (Apiguard®, Fa. S+B medVET GmbH). Nach der letzten Honigernte des Jahres können bei Außentemperaturen zwischen 15 °C und 30 °C zweimal hintereinander jeweils über drei bis vier Wochen (insgesamt über mindestens sechs Wochen) die Platten bzw. Schalen auf die Oberträger des oberen Raumes im Bienenstock gelegt werden. Thymol wirkt nicht auf Milben in der Brut, aber aufgrund der langen Anwendung werden Brutmilben beim Schlupf der Bienen abgetötet. Da Thymol zu einer Geruchs- und Rückstandsbelastung von Honig und Wachs führen kann, dürfen behandelte Waben auch im nächsten Frühjahr nicht im Honigraum eingesetzt werden. Wegen der potenziellen Atemwegs-, Haut- und Augenreizung sind beim Umgang mit den Produkten Gummihandschuhe zu tragen und das Einatmen von Thymol ist zu vermeiden.

In Deutschland zugelassene Arzneimittel gegen Varroamilben. [Quelle: Vetidata 2012; www.lwg.bayern.de/bienen]

Wirkstoff
Handelsname
Apotheken-
pflicht
Firma
Bemerkung
Behandlung von Bienenvölkern mit Brut
Ameisensäure
Ameisensäure 60%
ad us. vet.®
nein
Serumwerk Bernburg AG
Ameisensäure 85% nicht zugelassen
Thymol
Apiguard®
ja
S+B medVET GmbH
Thymol
Thymovar®
ja
Andermatt BioVet GmbH
Thymol,
Eucalyptusöl,
Campher,
Levomenthol
Apilife var®
ja
Serumwerk Bernburg AG
Flumethrin
Bayvarol®
ja
Bayer AG
häufig Resistenzen
Behandlung von Bienenvölkern ohne Brut
Milchsäure
Milchsäure 15%
ad us. vet.®
nein
Serumwerk Bernburg AG
Oxalsäure
Oxalsäuredihydrat-
Lösung 3,5% (m/V)
ad us. vet.®
ja
Serumwerk Bernburg AG
Oxalsäure
Oxuvar®
ja
Andermatt BioVet GmbH
Coumaphos
Perizin®
ja
Bayer AG
auch zur Diagnostik zugelassen
häufig Resistenzen

Resistenz- und Rückstandsprobleme bei synthetischen Varroaziden

Nach der letzten Honigernte des Jahres können Flumethrin -haltige Strips (Bayvarol®, Fa. Bayer AG) über vier bis höchstens sechs Wochen im zentralen Brutnestbereich in die Wabengassen eingehängt werden. Da weltweit über Resistenzen gegen Flumethrin berichtet wird, sollte der Behandlungserfolg kontrolliert und gegebenenfalls mit anderen Präparaten nachbehandelt werden. Wegen des hohen Resistenzrisikos und eventueller Rückstände in Wachs und Pollen ist Bayvarol® nicht als Regelbehandlung zu empfehlen. Auch kann der Honig durch belastete Wachsreste kontaminiert werden.

Coumaphos (Perizin®, Fa. Bayer AG) ist seit 1985 als Lösung zum direkten Aufträufeln auf die Bienen zum Nachweis und zur Bekämpfung der Varroamilbe zugelassen. Mithilfe eines mitgelieferten Dosiersets und Wasser wird eine gebrauchsfertige Emulsion hergestellt. Die Anwendung erfolgt bei Außentemperaturen über 5 °C zweimal im Abstand von einer Woche entweder im brutfreien Volk im Spätherbst bzw. Winter oder im Frühjahr im Kunstschwarm. Resistenz- und Rückstandsrisiko entsprechen etwa dem von Flumethrin. Jede Anwendung von Coumaphos verunreinigt das Wachs, so dass Wabenhonig in der folgenden Trachtzeit nicht vermarktet werden darf.


Literaturtipp


Ausführliche Hinweise zu den genannten Behandlungsverfahren finden Sie in der Broschüre „Varroa unter Kontrolle“ bei www.diebiene.de/online/102422/ varroa.pdf.

Sehr empfehlenswert ist das Buch „Bienenprodukte in der Medizin – Apitherapie nach wissenschaftlichen Kriterien bewertet“ von K. Münstedt und S. Hoffmann, siehe Rezension in dieser DAZ auf der S. 101.

Eintrag ins Bestandsbuch

Für Bienenhalter gilt ebenso wie für Halter von lebensmittelliefernden Tieren die "Verordnung über Nachweispflichten für Arzneimittel, die zur Anwendung bei Tieren bestimmt sind" vom 10. August 2001 (BGBL I S. 2131). Diese Verordnung verpflichtet den Tierhalter, jede Anwendung apotheken- und verschreibungspflichtiger Arzneimittel in einem Bestandsbuch zu dokumentieren. Dazu gehören Oxalsäure, Thymolpräparate, Bayvarol® und Perizin®. Bei Anwendung der nicht apothekenpflichtigen Ameisensäure und Milchsäure ist kein Eintrag ins Bestandsbuch notwendig.


Quelle

Münstedt, K., Hoffmann, S. Bienenprodukte in der Medizin – Apitherapie nach wissenschaftlichen Kriterien bewertet. Shaker Verlag Aachen 2012.

Vet-Impulse Nr. 12 vom 15. Juni 2012

www.diebiene.de/online/102422/varroa.pdf

Fachzentrum Bienen der bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, www.lwg.bayern.de/bienen

Themenportal "Bienen" des Julius Kühn-Instituts. www.bienen.jki.bund.de

www.gesundebienen.de/scripts/pages/de/produkte/bayvarol/index.php

www.gesundebienen.de/scripts/pages/de/produkte/perizin/index.php

Seiten der Andermatt BioVet GmbH zu Oxuvar® , www.andermatt-biovet.de/p/oxuvar.phtml

Seiten der Andermatt BioVet GmbH zu Thymovar® , www.andermatt-biovet.de/p/thymovar.phtml

www.submedvet.de/Bienen_frm.htm

www.serumwerk.com/de/tierarzneimittel/tierarzneimittel-fuer/varroosebek228mpfung-bei-bienen/


Anschrift der Verfasserin
Tierärztin Sabine Wanderburg, Seeweg 5a, 23701 Süsel



DAZ 2012, Nr. 32, S. 66