Feuilleton

Aromen und Essenzen aus Leipzig

Geschichte der Firma Schimmel & Co. / VEB Schimmel

Das Sächsische Staatsarchiv Leipzig verwahrt 11,80 laufende Meter Geschäftsunterlagen und Dokumente der Firma Schimmel & Co., die einen umfassenden Einblick in die Geschichte des zeitweise weltweit führenden Herstellers ätherischer Öle und Aromen gewähren.
Anbaufläche für Rosen und andere Ätherisch-Öl-haltige Pflanzen in Miltitz. Foto um 1905 Fotos: Sächsisches Staatsarchiv

1895 gelang es Dr. Heinrich Walbaum (1864 – nach 1934), die chemische Struktur des in Pomeranzenblüten enthaltenen Neroliöls aufzuklären und das begehrte ätherische Öl mit der blumig-frischen Duftnote synthetisch herzustellen. Elf Jahre später isolierte er Muscon, die Hauptkomponente des Moschus. Dies sind nur zwei Sternstunden in der Geschichte der Leipziger Firma Schimmel & Co., die 1829 mit der Gründung eines Handelshauses für Arzneidrogen durch den Drogisten Ernst Ludwig Spahn und den Apotheker Gottlob Eduard Büttner begonnen hatte.

Nach dem Ausscheiden Büttners 1838 wurde Friedrich Edmund Louis Schimmel der neue Geschäftspartner Spahns (Fa. Spahn & Schimmel). Als sich auch Spahn aus dem Geschäft zurückzog, nahm Schimmels Bruder Eduard Hermann dessen Platz ein. Fortan firmierte die Drogenhandlung als Schimmel & Comp. Die beiden Kaufleute ahnten wohl kaum, dass ihre Nachfolger das Unternehmen und damit auch ihren Namen weltberühmt machen sollten.


Die 1901 in Betrieb genommene Fabrik in Miltitz war mit modernster Technik, z. B. zur Wasserdampfdestillation von Drogen, ausgestattet. Foto um 1905.

Die Ära Fritzsche – 94 Jahre in drei Generationen

Hermann Traugott Fritzsche (1809 – 1887), der die Firma nach dem Tod Louis Schimmels 1854 erwarb, war ebenfalls Kaufmann und hatte schon im väterlichen Geschäft Pezold & Fritzsche, einer Leipziger Drogenhandlung, einschlägige Erfahrungen sammeln können. Er hatte aber Visionen, die weit über das bisherige Geschäftsmodell hinausgingen und der Weltoffenheit der sächsischen Messemetropole entsprachen.

Seinen drei Söhnen finanzierte er eine mehrjährige kaufmännische Ausbildung im europäischen Ausland und in den USA, wo sie internationale Geschäftsbeziehungen knüpften. Hermann Traugott jun. (1843 – 1906) und Ernst Traugott (1851 – 1916; s. Kasten Fritzsche-Mausoleum) wurden 1868 bzw. 1877 Teilhaber des Unternehmens, während der zweite Sohn Paul Traugott 1871 in New York die Tochterfirma Fritzsche, Schimmel & Co. gründete, die von seinen Söhnen in Fritzsche Brothers Inc. umbenannt wurde.

Rezepturbüchlein zur Herstellung von Spirituosen mithilfe von ätherischen Ölen und Essenzen der Fa. Schimmel & Comp., 1870.

1873 kauften die Teilhaber in Leipzig eine Destillerie in der Berliner Straße, wo sie nun mithilfe der Wasserdampfdestillation, der Extraktion mit organischen Lösungsmitteln sowie der Kaltpressung ätherische Öle und Essenzen herstellen ließen. Der Erfolg stachelte ihren Ehrgeiz so sehr an, dass sie auch neue Produkte entwickeln wollten.

Insbesondere interessierten sie sich für die von Otto Wallach (1847 – 1931), Chemieprofessor in Göttingen, begründete Terpenchemie, die völlig neue Möglichkeiten zur preisgünstigen synthetischen Herstellung alter und neuer Duftstoffe bot.




Eigenes Labor, eigener Anbau, eigene Publikationen

1879 eröffnete Schimmel & Co. als erstes deutsches Unternehmen der Branche ein eigenes Entwicklungslabor, wo auch Heinrich Walbaum wirkte.

Viele Forschungsergebnisse wurden in den seit 1877 regelmäßig erscheinenden „Berichten der Schimmel & Co. in Miltitz/Leipzig über ätherische Öle, Riechstoffe usw.“ publiziert und zur Diskussion gestellt.

Sieben Produktionsstätten (Fotos) der Schimmel & Co. AG im Jubiläumsjahr 1929.

Ab 1894 ließ Schimmel & Co. in Miltitz bei Leipzig (1999 eingemeindet) auf einem eigens dafür erworbenen Ackerland Stammpflanzen von Ätherisch-Öl-Drogen anbauen. Das florierende Geschäft machte schließlich den Bau einer neuen Fabrik in Miltitz erforderlich, die 1901 den Betrieb aufnahm. Drei Jahre zuvor war schon in Bodenbach bei Tetschen (heute Podmokly/Decin in Tschechien) ein Zweigbetrieb eröffnet worden.

Angesichts der weltweit regen Nachfrage nach Riech- und Geschmacksstoffen unterhielt Schimmel & Co. zahlreiche Niederlassungen im europäischen Ausland und arbeitete mit 30 Auslandsagenturen zusammen, die die Erzeugnisse vertrieben.



Prüfung auf Identität und Qualität

Vorbildlich war die Öffentlichkeitsarbeit: Neben den regelmäßig erscheinenden „Schimmel-Berichten“ gab das Unternehmen weitere Publikationen mit Forschungsergebnissen aus dem firmeneigenen Labor heraus.

Im Auftrag des Kaiserlichen Gesundheitsamts erschienen anlässlich des X. Internationalen Medizinischen Kongresses 1890 in Berlin die „Kurzen Bemerkungen über einige Präparate und neuere äther. Öle“ mit der Erläuterung medizinischer Anwendungsmöglichkeiten. Das Labor wurde nicht nur für interne Zwecke genutzt, sondern auch von Partnern aus aller Welt beauftragt, Proben auf ihre Identität und Qualität zu überprüfen. 1927 wurden die Prüfungsergebnisse in einem Sammelband mit dem Titel „Verfälschungen von ätherischen Ölen, Riechstoffen und Drogen, festgestellt seit 1920 im Untersuchungs-Laboratorium von Schimmel & Co.“ herausgegeben.


Die Schimmel-Bibliothek


Die Bibliothek wurde 1878 gegründet und gilt mit über 30.000 Bänden – darunter sämtliche „Schimmel-Berichte“ – als eine der größten Spezialbibliotheken über Geschmacksstoffe, Pflanzenextrakte und ätherische Öle. Einige Werke stammen aus dem 18. Jahrhundert, z. B. die vier Bände „Phytanthoza-Iconographia“ des Regensburger Apothekers und Botanikers Johann Wilhelm Weinmann (1683 – 1741). Auch Veröffentlichungen und Notizen von Otto Wallach und andere chemiehistorisch interessante Dokumente verwahrt die Bibliothek. Sie steht allen, die sich mit Geschmacks- und Duftstoffen, Aromen, Pflanzenextrakten und ätherischen Ölen beschäftigen, nach vorheriger Anfrage offen.

Anschrift:

Bell Flavors & Fragrances

Schimmelstraße 1, 04205 Leipzig

Tel. (03 41) 9 45 10, Fax 9 41 16 69

www.bell-europe.com


Labor der Fa. Schimmel & Co. AG in Miltitz. Foto 1935.

Der Erste Weltkrieg und die Inflation in den folgenden Jahren beeinträchtigten zwar vorübergehend die Produktion, doch dank seiner weltweiten Absatzmärkte konnte sich das Unternehmen schnell wieder erholen. 1927 fusionierte Schimmel & Co. mit der ebenfalls in Leipzig ansässigen Firma E. Sachse & Co. Fabrik ätherischer Öle zur Schimmel & Co. Aktiengesellschaft, die ein Jahr später die Hamburger Firma Anton Deppe Söhne erwarb.

In dritter Generation waren die Vettern Karl August Fritzsche (1871 – 1944) und Hermann Fritzsche (1884 – 1949) Eigentümer des Unternehmens. Zusammen riefen sie die Hermann-und-Ernst-Fritzsche-Stiftung (benannt nach ihren Vätern) zur Unterstützung von Rentnern und deren Hinterbliebenen ins Leben. Anlässlich des 100-jährigen Firmenjubiläums am 1. September 1929 wurde Karl August Fritzsche von der Universität Leipzig zum Dr. phil. h. c. ernannt; zudem erhielt er den Titel Dr.-Ing. e. h. der TH Breslau.

NS-Zeit

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurden die Rohstoffbeschaffung im Ausland und der Export der Produkte immer schwieriger. Hermann Fritzsche war zwar 1933 in die NSDAP eingetreten, erklärte aber zwei Jahre später in einem Brief, dass er als evangelischer Christ die Organisation „Deutsche Christen“ und die Weltanschauung des NS-Ideologen Alfred Rosenberg (1893 – 1946) ablehne; offenbar war er in seinem christlichen Glauben von seiner Mutter geprägt worden (s. Kasten Fritzsche-Mausoleum). Weil es ihm nicht gelang, „die Politik dem Betriebe fernzustellen“, trat er 1943 von der Geschäftsführung zurück; im selben Jahr errichtete die Firma eine Produktionsanlage auf der Krim.


Online-Findbuch


Das Archivgut des Unternehmens gelangte 1971 vom damaligen VEB Chemisches Werk Miltitz in das Sächsische Staatsarchiv Leipzig. Dort wurde es 1980 geordnet und ein Findbuch erstellt. Seit 2009 kann das Findbuch online auf der Homepage des Sächsischen Staatsarchivs Leipzig eingesehen werden:

www.archiv.sachsen.de/ofind/ StA-L/20721/index.htm

Anschrift:

Sächsisches Staatsarchiv Leipzig

Schongauerstraße 1

04328 Leipzig

Tel. (03 41) 2 55 55 00

poststelle-l@sta.sml.sachsen.de

Foto: Bernd H. u. Monika Becker in [1]

Das Fritzsche-Mausoleum


Die Leipziger Kaufmannsfamilie Fritzsche besaß seit 1872 eine repräsentative Grablege auf dem Johannisfriedhof, in der der exzentrische Ernst Traugott (1851 -1916) jedoch nicht bestattet werden wollte. Vielmehr ließ er sich ab 1914 auf dem Südfriedhof nahe beim Völkerschlachtdenkmal ein Mausoleum für sich allein errichten. Die Gruft ließ er so groß bemessen, dass eine sechsspännige Pferdekutsche in sie hineinfahren konnte; darüber sollte sich als Kapelle ein 14 m hoher Rundbau mit 16 Säulen und Kuppel erheben – nach dem Vorbild des Tempietto des Bramante in Rom, einem Meisterwerk der Renaissance.

Ein Jahr nach Beginn des Weltkriegs stockten die Bauarbeiten. Als Fritzsche starb, war immerhin die Gruft fertiggestellt, sodass er dort beigesetzt werden konnte, aber der weithin sichtbare „Tempietto“ – es standen noch keine Bäume auf dem Friedhof – war noch unvollendet.

Die fromme, pietistisch gesonnene Witwe Magdalene Fritzsche, die „den fast psychopathischen Drang ihres Mannes zur eitlen Selbstüberhöhung“ [1] missbilligt hatte, fand einen Kompromiss zwischen dem letzten Willen ihres Mannes und ihren eigenen Moralvorstellungen: Sie brachte den Bau der Kapelle 1919 zum Abschluss, ließ aber darauf den Sarg ihres Mannes aus der Gruft entfernen und einige Meter daneben in ein Erdgrab versenken. Das nun seiner Funktion ledige Mausoleum schenkte sie der Stadt Leipzig. Sie überlebte noch ihren Sohn Hermann und starb 86-jährig bei ihrer Tochter Magdalene Muntschick in Meißen.

Die Stadt Leipzig ließ das Fritzsche-Mausoleum 1993 renovieren – als Denkmal der Kunst, menschlicher Eitelkeit und indirekt auch der wirtschaftlichen Blüte Leipzigs vor hundert Jahren.


Literatur

[1] Paul, Alfred E. O.: Das Mausoleum des Ernst Traugott Fritzsche, in: Die Kunst im Stillen – Kunstschätze auf Leipziger Friedhöfen, Bd. 2, Leipzig 2010, S. 10 – 17.


cae

Mehrsprachige Werbung des VEB Chemische Fabrik Miltitz aus den 1970er Jahren: Die Firma exportierte viele Produkte nach Ost und West.

VEB und Reprivatisierung

1948 wurde das Unternehmen verstaatlicht und firmierte zuerst als VEB Schimmel, Miltitz, seit 1956 als VEB Chemische Fabrik Miltitz, dem weitere Betriebe in der DDR angegliedert wurden (Kombinat). Die legendären „Schimmel-Berichte“ hießen nun „Miltitzer Berichte“. 1973 wurde in Leipzig das „Haus Exklusiv“ für kosmetische Dienstleistungen aller Art eröffnet. Ab den 1980er Jahren belieferte die Fabrik sämtliche Seifen-, Waschmittel- und Kosmetikhersteller sowie die Lebensmittelindustrie in der DDR. Viele Erzeugnisse wurden exportiert, auch in den „Westen“.

1993 kaufte die amerikanische Firma Bell Flavors & Fragrances von der Treuhandanstalt die damalige Duft- und Aromakompositionen GmbH Miltitz. Nach umfangreichen Renovierungen wurde 1998 die historische „Schimmel-Bibliothek“ wiedereröffnet, um nach alter Schimmel-Tradition ihren wertvollen Bestand interessierten Wissenschaftlern zugänglich zu machen.


Reinhard Wylegalla



DAZ 2012, Nr. 32, S. 75