Praxis aktuell

Schlankheitsmittel aus dem Internet – großes Risiko

Eine Untersuchung des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheken (ZL)

Schlankheitsmittel sind vor allem bei Frauen hoch im Kurs. Erst recht im Sommer, wenn der Wille besteht, eine Bikinifigur in kurzer Zeit ohne große Mühe zu erreichen. Der Klick im Internet ist nicht weit. Erstaunlich, was hier angepriesen wird: rein pflanzliche Wunderextrakte, Abnehm-Tees, Dragees mit leistungsstarken Gewichtsverlustformeln, klinisch erprobte Kapseln, lösliche Pulver Und die Versprechungen erst … da gibt es doch tatsächlich Warnhinweise vor zu schnellem Gewichtsverlust. Dass sich hinter diesen Wundermitteln Risiken verbergen, zeigen die neuesten Untersuchungen des ZL.

ZL-Mitarbeiter am GC-MS Die Schlinge zieht sich zu, ZL-Mitarbeiter suchen nach spezifischen Fingerprints. Foto: ZL

Im Rahmen des Verbraucherschutzes haben wir verschiedenste Schlankheitsmittel aus dem Internet unter die (analytische) Lupe genommen. Zunächst haben wir uns für ein pflanzliches "Starterpaket" entschieden, ein buntes Sortiment, bestehend aus: LiDa-Kapseln mit neuer Formel, eine Packung LiDa extrem stark, alte Formel, Lose-weight-Coffee-Pulver in Tütchen zusammen mit einer Packung Teebeutel Benefit Health-Tea.

Aus der Kategorie "klinisch erprobt" konnten "echte" Acomplia-Kapseln und Acomplia-Tabletten erstanden werden. Erstaunlich, da das Rimonabant enthaltende verschreibungspflichtige Originalpräparat nur kurz vermarktet wurde. Bei eher mäßigem Effekt auf die Gewichtsabnahme traten nämlich als unerwünschte Wirkungen depressive Verstimmungen bis hin zum Suizid auf. Das Schlankheitsmittel wurde deshalb 2008 vom Markt genommen.

Darüber hinaus wurde auch noch eine Packung "EPH100" ("Ephedrin") erstanden. Abgerundet wurde die Bestellung mit "DMAA"-Kapseln, deren Wirkstoff Dimethylamylamin als "legale Alternative zu Amphetamin" ebenfalls eine euphorisierende Wirkung, vermehrte Adrenalinausschüttung, erhöhte Konzentrationsfähigkeit und enorme Energie verspricht. Die Substanz ist seit dem 9. April verboten.

Beim Eintreffen der bestellten Waren zeigte sich die Überraschung: Beim pflanzlichen Starterpaket war zwar für jeden Geschmack etwas dabei, nur Umverpackung und/oder Gebrauchsinformation und/oder Inhaltsstoffangaben, die fehlten. Die Rimonabant-Präparate bestachen durch ihre Schlichtheit. Angekommen sind ein Blister grüne Kapseln (s. Foto) und zwei Blister grüne Tabletten, jeweils natürlich ohne Umverpackung oder Gebrauchsanweisung. Wobei … genau genommen war auf der geriffelten Aluminium-Rückseite die Essenz einer Information abgedruckt: Angegeben waren Wirkstoff (Rimonabant) und Konzentration (20 mg pro Kapsel), die verwendeten Farbstoffe für die Kapselhülle, die Hinweise zu Einnahme "gemäß Anweisung des Arztes", zur Aufbewahrung "außer Reichweite von Kindern", zur Dosierung "2 Kapseln pro Tag", ein Herstell- und Verfallsdatum und eine Chargenbezeichnung. "for export only" ließ sich auch noch entziffern (s. Foto).

Acomplia-Kapseln (v. l.) Vorderseite, Rückseite des Blisters, der Inhalt.
Fotos: ZL

In großer Dose mit wuchtiger Aufmachung wurden 100 feuerrote "EPH-100" Kapseln geliefert. Zusammensetzung und Einnahmeempfehlung waren auf der Rückseite aufgedruckt. Auch die DMAA-Kapseln waren rot (nur kamen die lose im Tütchen).

Für die Untersuchung der teilweise komplexen Matrices mussten die unterschiedlichsten analytischen Verfahren angewandt werden, um die Ergebnisse zweifelsfrei zu bestätigen. Denn, entgegen dem Eindruck, den 45 min CSI vermitteln, ist es schwerer als gedacht, nicht deklarierte Verdächtige zu überführen. Statt genetischem Fingerabdruck wird den Kandidaten letztendlich der massenspezifische Fingerprint zum Verhängnis. Sobald sich eine "potente" Substanz in den ersten chromatografischen Screenings hervortut, folgen weitere unabhängige, empfindlichere Verfahren, den Täter einzukreisen. Um matrixspezifische Verschleierungen zu umgehen, werden dann im letzten, alles entscheidenden, LC-MS-MS-Verfahren, schwere Geschütze aufgefahren. Gnadenlos wird der Molpeak zerlegt. Wie Scharfschützen oder Chirurgen sezieren/generieren die ionisierenden Elektronen Mutter-Tochter-Tochter2-Ionen und schaffen somit eine Kette spezifischer Fragmente (wie die Schnipsel nicht codierender Sequenzen im DNA-Fingerprint), die dann keine Zweifel mehr offen lassen. Selektiv identifiziert, Substanz überführt! Und durch spezielle Aufstockexperimente lassen sich dann noch Rückschlüsse auf die zugesetzte Menge ableiten. Klingt easy. Steckt aber viel Know-how dahinter.

In allen Präparaten des pflanzlichen Pakets wurde der verschreibungspflichtige, nicht deklarierte Wirkstoff Sibutramin in unterschiedlichen Konzentrationen nachgewiesen. In den "guten alten" LiDa-Kapseln war der Inhaltsstoff, der aufgrund starker Nebenwirkungen in allen Industrieländern vom Markt genommen wurde, in einer niedrigen unwirksamen 1 mg Dosis enthalten, während die "neue" Formel eine verbesserte Wirkung bei 10 mg/Kapsel entfalten könnte. Coffein, (viel) Saccharose und geringe Mengen Sibutramin (kleiner 1 mg/Beutel) fanden wir im Kaffeepulver. Tatsächlich pflanzlich war der Tee, trotzdem wurde auch hier mit einer Prise Sibutramin nachgeholfen. Untersuchungen, ob sich der Wirkstoff in einem Teeaufguss noch bemerkbar machen würde, fanden aber nicht statt.

Acomplia-Kapseln enthielten aufschlämmbare mineralische Substanzen (synonym für Dreck), aber keinen Hauch Wirkstoff, (s. Foto) die Tabletten dagegen besaßen den einst zugelassenen Wirkstoff in der deklarierten Menge.

Bei den EPH-Kaspeln wurde am "EPH" gespart. Weder Ephedrin noch Ephedra-Extrakt waren nachweisbar. Neben mineralischen Füllstoffen wurde nur noch Coffein nachgewiesen. Sofern die Kapseln der Deklaration entsprechen, hätten sie rein rechnerisch eine Masse von 1,3 g aufweisen sollen. Die Kapseln brachten aber nur 1 g auf die Waage … ups.

Nur die DMAA-Kapseln hielten, was sie versprachen. Neben Kaffeesäure, Coffein und Theobromin konnte auch Dimethylamylamin nachgewiesen werden. Zu dumm, dass die Substanz verboten ist.

Zusammenfassend hätten wir als Ausbeute also den nicht mehr zugelassenen, nicht deklarierten Wirkstoff, gar keinen Wirkstoff, den deklarierten Wirkstoff und/oder verbotenen Wirkstoff … keine oder eine minimale, unbedeutende Wirkung, dafür im ungünstigsten Fall schwere Nebenwirkungen?

Auf alle Fälle nimmt das Portemonnaie ab, denn die Präparate sind teuer.

Fazit

Warnen Sie Ihre Kunden vor derartigen "Offenbarungen" aus dem Internet! Für diejenigen, die mit ihrer Gesundheit nicht russisch-Roulette spielen wollen, gilt: Hände weg von derartigen Präparaten. Vor einer Einnahme dieser Schlankmacher raten wir ab. Die getesteten Mittel stellen wegen ihrer Inhaltsstoffe teilweise eine hohe Gefahr für die Gesundheit dar. Ihre Zusammensetzung ist (wenn überhaupt) oft falsch angegeben. Der Verbraucher weiß also nicht, was er einnimmt. Selbst wenn Anbieter im Internet Hersteller, Adresse und Inhaltsstoffe angeben … eine Garantie für unbedenkliche Diätmittel ist das nicht.

Was bleibt: Der richtige Weg zur besseren Figur ist und bleibt eine gesunde, ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung und der Wille, den eigenen Schweinehund überwinden zu wollen … ohne Risiken und Nebenwirkungen.

Arzneimittel und Medizinprodukte aus der Apotheke sowie kalorienreduzierte Lebensmittel können eine Diät unterstützen. Wenn die Präparate entsprechend ihrer Zulassung (s. Packungsbeilage!) eingenommen werden, sogar erfolgversprechend. Als Apotheker sind Sie in der Lage, individuelle Tipps zu geben und Ihre Kunden zum Durchhalten zu motivieren. Das hilft garantiert.


Dr. Astrid Kaunzinger, Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker, Carl-Mannich-Straße 20, 65760 Eschborn

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