Praxis aktuell

Faszination pflanzliche Arzneimittel

Mit neuen Lehrmaterialien das Interesse wecken

Die rationale Therapie mit pflanzlichen Arzneimitteln stellt eine wichtige Säule in der medikamentösen Behandlung vieler Erkrankungen im deutschsprachigen Raum dar und hat einen großen Stellenwert im OTC-Bereich in den Apotheken. Bei Diskussionen mit Patienten oder Kunden wird immer wieder deutlich, dass das detaillierte Wissen um Heilpflanzen, Giftpflanzen oder pflanzliche Arzneimittel in der Bevölkerung gering ist und gerade bei der jungen Generation hierzu oft kein nennenswertes Hintergrundwissen vorliegt.

Andererseits bieten zweifelhafte Internetseiten Tees aus nicht näher untersuchten Pflanzen zur Therapie von schwerwiegenden Krankheiten an oder es finden sich Empfehlungen zu dubiosen Pflanzenmischungen als milde Abführmittel. Eine Vielzahl ähnlicher Beispiele zeigt deutliche Wissenslücken gerade der Bevölkerung in diesem Bereich.

Um die Bevölkerung für dieses Thema zu interessieren, ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit Heilpflanzen und pflanzlichen Arzneimitteln notwendig. In der Apotheke bieten sich in Beratungsgesprächen mit den Kunden hierzu vielfältige Möglichkeiten. Allerdings setzt das voraus, dass das Apothekenpersonal auf diesem Gebiet ausreichend geschult ist.

Die "Bildungskiste"

Die Kooperation Phytopharmaka, eine wissenschaftliche Gesellschaft für pflanzliche Arzneimittel, hat sich überlegt, wie Nachhaltigkeit für Phytopharmaka in die Bevölkerung kommen kann. Sie gründete eine Arbeitsgruppe bestehend aus Fachwissenschaftlern der Universitäten Leipzig, Heidelberg und Münster, sowie Lehrer und Lernende aus fünf Schulen. Diese haben sich zusammengefunden um ein Projekt auszuarbeiten, das die Entwicklung neuer Lernmaterialien für pflanzliche Arzneimittel beinhaltet. Es sollen botanische Grundkenntnisse, aber auch von physiologischen und neurobiologischen Inhalten vermittelt werden. Entstanden ist die "Bildungskiste", ein metallener Koffer in dem sich einfache Gerätschaften, z. B. zur Wasserdampfdestillation und Arbeitsblätter zur Analyse von Drogenmischungen und Aufgabenblätter zur Überprüfung und Festigung des pharmazeutisch/biologischen Wissens befinden. Aber auch didaktisch-methodische Hinweise sowie Hintergrundinformationen sind in der "Bildungskiste" enthalten.

Durch die Erstellung kleiner, frei kombinierbarer Module wird ein flexibler Einsatz der "Bildungskiste" gewährleistet. Hierbei kommt vor allem Gruppenarbeit zum Einsatz. Es soll erreicht werden, in ganzheitlichen Erfahrungszusammenhängen den Wert der Arzneipflanzen zu erkennen. Aufgabeneinheiten zu möglichen Wirkungsmechanismen von Arzneipflanzen (z. B. Baldrian-, Johanniskraut-, Kamillen-, Melissen-, Fenchel-, Pfefferminz-Extrakte) wurden ausgearbeitet und der "Bildungskiste" beigelegt. Die Lösung der Aufgaben soll dazu beitragen, bereits erlerntes Wissen zu festigen und neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Die "Bildungskiste" stellt pflanzliche Arzneimittel in interessante und authentische Kontexte der modernen rationalen Phytotherapie und leistet einen Beitrag zur naturwissenschaftlichen Grundbildung. Der Inhalt der "Bildungskiste" wurde in sehr enger Kooperation und ständiger Diskussion der Mitglieder der Arbeitsgruppe zusammengestellt und bereits durch Schüler der beteiligten Schule evaluiert.

Da von Beginn an Naturwissenschaftler, Fachdidaktiker, Lehrerinnen und Lehrer sowie Vertreter einer Fachgesellschaft zusammengearbeitet haben, entstanden Materialien zum Thema "Faszination pflanzliche Arzneimittel", die das Interesse zu diesem Thema wecken.

Die Bildungskiste Sie enthält Lernmaterialien für pflanzliche Arzneimittel. Geeignet für Schüler, aber auch Apothekenmitarbeiter. Fotos: Kooperation Phytopharmaka

Die Module der "Bildungskiste"

In den Modulen der "Bildungskiste" werden verschiedene Schwerpunkte gesetzt. Das Modul "Knoblauch" enthält eine Anleitung zur Herstellung von Presssaft aus Knoblauchzehen. Der Herstellungsprozess muss geplant und die antibiotische Wirkung des Knoblauchpresssafts überprüft werden. Dabei sollen die eigenen Arbeiten und ihre Ergebnisse kritisch hinterfragt werden.

Andere fachwissenschaftliche Fragestellungen werden anhand materialbasierter Aufgaben beantwortet, beispielsweise: Warum macht Adenosin müde? Warum hält Coffein wach? Warum kann ein Baldrian-Hopfen-Extrakt beim Einschlafen helfen? Zur Beantwortung dieser Fragen müssen zunächst die Wirkmechanismen erklärt und Hypothesen entwickelt werden, wie ein pflanzlicher Inhaltsstoff oder ein pflanzliches Arzneimittel wirken können. Schließlich werden klinische Studien beschrieben, in denen der Einfluss der pflanzlichen Arzneimittel untersucht wurde.

Die Interpretation naturwissenschaftlicher Untersuchungen steht in der Einheit "Pfefferminze" im Vordergrund. Es soll eine Aufgabensequenz zur Wirkung von Pfefferminzöl auf Spannungskopfschmerz bearbeitet werden.

Ein weiterer Schwerpunkt der "Bildungskiste" ist die Frage, wie pflanzliche Stoffe und pflanzliche Zubereitungen technologisch gewonnen und in bzw. als Arzneimittel verarbeitet werden können. Verschiedene Fragestellungen zu Extraktionsverfahren, die zur Gewinnung von pflanzlichen Inhaltsstoffen angewendet werden, können bearbeitet werden.

Die Module des Projekts werden in der Tabelle aufgelistet.


Module des Projekts "Bildungskiste – Faszination Heilpflanzen"

Arzneipflanze
Beschreibung des
Forschungsansatzes
Unterrichtsaktivität
Knoblauch
Wie lässt sich die antibiotische Wirkung von Knoblauchpresssaft experimentell nachweisen?
Eigenständige Planung, Durchführung, Auswertung und kritische Überprüfung von Experimenten
Melisse
Wie gelangen die Wirkstoffe der Melisse in das Arzneimittel? Wie wirkt Melissenöl auf Viren und wie lässt sich die Wirksamkeit überprüfen?
Stationenlernen zu den einzelnen Schritten des Prozesses "Von der Pflanze zum Arzneimittel"; Interpretation klinischer Studien zur Wirksamkeit von Melissenöl
Kamille
Wie lassen sich Wirkstoffe besonders effektiv extrahieren?
Stationenlernen zu verschiedenen Extraktionsverfahren, eigenständige Experimente zur Wirksamkeit und Optimierung verschiedener Extraktionsverfahren
Thymian
Welche Wirkungen hat Thymianöl auf Husten und wie lassen sich die Wirkungen empirisch überprüfen?
Wasserdampfdestillation und Herstellung einer Hustensalbe; materialbasierte Aufgaben zu Erklärung und zum Nachweis der Wirkweisen des Thymianöls auf die Bronchialschleimhäute
Fenchel
Welche Wirkungen hat Fenchelöl auf Magen-Darm-Beschwerden und wie lassen sich die Wirkungen empirisch überprüfen?
Stationenlernen zu verschiedenen Aspekten des Themas, u. a. Wasserdampfdestillation
Baldrian-Hopfen-Extrakt
Johanniskraut, Lavendel
Wie wirken verschiedene Stoffe auf Synapsen?
Erstellung eines Concept-Map zu den verschiedenen Wirkweisen auf Synapsen.
Pfefferminze
Welche Wirkungen hat Pfefferminzöl auf Kopfschmerzen vom Spannungstyp und wie lassen sich die Wirkungen empirisch überprüfen?
Eigenständige Bearbeitung einer Aufgabensequenz (Abfolge von Aufgaben in Umschlägen mit jeweils selbstständiger Überprüfung des Lernerfolgs)

Ein Lerninstrument für die Apotheke

Die "Bildungskiste" wurde primär für den Biologieunterricht an Gymnasien konzipiert. Warum kann sie aber auch für Apotheken interessant sein? Wir denken, dass es in einer Apotheke verschiedene Möglichkeiten des Einsatzes der "Bildungskiste" gibt. Ein Bereich ist die Fortbildung des Apothekenpersonals in der Apotheke. Anders als die Mediziner setzen die Apotheker beim Thema Fortbildung traditionell auf Freiwilligkeit, das gilt sowohl für approbierte als auch für nichtapprobierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Häufig finden diese Fortbildungen in den Apotheken selbst statt. Hier könnte die "Bildungskiste" ein nützliches und besonders attraktives Instrument sein, den Wissensschatz zu den Phytopharmaka aufzufrischen und zu ergänzen. Die modularen Aufgaben in der Bildungskiste können in Kleingruppen durchgeführt und anschließend gemeinsam ausgewertet und diskutiert werden. Es ist sicher eine andere Form der Fortbildung als die Frontalvorträge zu einem speziellen Thema. Aber das gemeinsame Erarbeiten von Problemen rund um die Phytotherapie kann Spaß machen und den Teamgeist in der Einrichtung fördern. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Module zeitvariabel bearbeitet werden können, also dann, wenn Zeit ist.

Gemeinsam lernen Das gemeinsame Erarbeiten von Problemen rund um die Phytotherapie kann Spaß machen und den Teamgeist fördern.

Zum anderen kann die "Bildungskiste" für Projekttage in der Apotheke sehr nützlich sein. Einige Apotheken bieten gemeinsam mit Schulen solche Initiativen an. Die Schüler sollen lernen, wie sie sich bei kleinen "Wehwehchen" selbst helfen können und welche Schätze die Natur bietet. Nicht nur die Dienstleistungen der Apotheke wie Blutdruckmessen sind für Kinder interessant, sondern auch in die Geheimnisse der Wirkung von pflanzlichen Arzneimitteln eingeweiht zu werden. Dabei kann die "Bildungskiste" gute Dienste leisten.

Die "Bildungskiste" wird interessierten Apotheken für eine Leihgebühr in Höhe der Versandkosten durch die Kooperation Phytopharmaka (www.koop-phyto.org) ausgeliehen.


Karen Nieber,
Universität Leipzig, Institut für Pharmazie, Talstr. 33, 04103 Leipzig

Cornelia Schwöppe,
Kooperation Phytopharmaka, Plittersdorfer Str. 218, 53173 Bonn

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