Praxis aktuell

So lassen sich nationale Impfziele erreichen

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NIZA3-Impfstudie: Apotheken klären auf

Was Apotheken dazu beitragen können, um eine bessere Durchimpfung der Bevölkerung zu erreichen, versuchte eine Impfstudie ausfindig zu machen, an der insgesamt 48 Apotheken, 98 hausärztliche Impfpraxen und 576 Apothekenkunden einbezogen waren. Die sogenannte NIZA3-Impfstudie zeigte, dass 40 Prozent der Apothekenkunden ihre bekundete Bereitschaft zum Impfcheck in die Tat umsetzten.

Die Definition verbindlicher Nationaler Impfziele ist eine zentrale Voraussetzung für die Planung, Umsetzung, Entwicklung und Evaluation von Impfprogrammen. Mit ihnen gelingt es, die Morbidität und krankheitsassoziierte Komplikationen impfpräventabler Erkrankungen zu reduzieren oder bestimmte Erreger, wie die Masern, zu eliminieren [1]. Verbindliche Impfziele für Deutschland sind in Entwicklung. Sie orientieren sich an den Impfzielen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die u. a. die europaweite Maserneradikation bis 2015 [2] und die Erreichung einer Impfquote von 75 Prozent für die Influenza-Impfung bei Erwachsenen ab 60 Jahren anstrebt [1].

Haupthinderungsgrund: Unwissenheit

Es gibt Hinweise, dass Unwissenheit der Haupthinderungsgrund ist, wenn empfohlene Impfangebote von der Bevölkerung nicht genutzt werden [3]. Die vorliegende Studie untersucht, ob es durch die strukturierte Ansprache von Apothekenkunden und die Information zu ihrem altersgemäßen Impfschutz möglich ist, mehr Menschen zur Überprüfung ihres Impfschutzes beim Arzt zu motivieren. Der Schwerpunkt der Studie liegt dabei auf zwei Impfindikationen, die aufgrund ihrer Bedeutung für die Erreichung Nationaler Impfziele von besonderem Interesse sind: Masern und Influenza- bzw. Pneumokokken. Im Rahmen der Studie wurden insbesondere folgende Fragen untersucht:

  • Sind die Zielgruppen in der Apotheke erreichbar, die laut STIKO-Empfehlung eine Indikation für eine Masern- bzw. Influenza- und Pneumokokkenimpfung haben?

  • Lassen sie sich über ihren Impfschutz informieren?

  • Wie viele Apothekenkunden gehen auf Veranlassung der Apotheke zum Arzt und lassen sich dort gegebenenfalls impfen?

Die angesprochenen Kunden

Von Juli 2011 bis Dezember 2011 wurden Apothekenkunden in bundesweit 48 Apotheken der A-plus Apothekenkooperation in einem zweistufigen Prozess als Studienteilnehmer gewonnen. Studienbegleitend werden mit einem optionalen Kundenfragebogen (KF) Informationswege, Impfhürden und generelle Einstellungen zum Nutzen gesetzlicher Impfungen und zur Impfaufklärung in Apotheken evaluiert.

Angesprochen werden Apothekenkunden, denen die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) aufgrund des Alters oder einer chronischen Grunderkrankung eine Masernimpfung bzw. die Influenza-/Pneumokokken-Impfung empfiehlt. Dies sind folgende Kundengruppen:

  • Jugendliche von 9 bis 17 Jahren (= J)

  • Erwachsene, die nach 1970 geboren sind (= E) – Chroniker unabhängig vom Lebensalter (= Ch)

  • Senioren, 60 Jahre und älter (= 60+)

Selbsteinschätzung Nur etwa jeder Vierte (23,7%) schätzte seinen Masern-Impfschutz als vollständig ein.

Mit einem Dokumentationsbogen (DB) wurden dabei folgende Daten erhoben:

a. Letzte erinnerte Impfung (ungestützt)

b. Zeitpunkt der letzten Impfung (ungestützt)

c. Einschätzung des eigenen Impfschutzes bezogen auf die Masern- bzw. Influenza-/Pneumokokkenimpfung

d. Erinnerte, bisherige Ansprache auf Masern- bzw. Pneumokokken-Impfschutz beim Arzt oder in der Apotheke

e. Kontrolle des Impfausweises, falls mitgeführt.

f. Bereitschaft, den Impfschutz aufzufrischen beim Besuch einer Arztpraxis im Studienzeitraum.

Apothekenkunden, die nach der Ansprache bereit waren, an der Studie teilzunehmen, erhielten eine, von der Apotheke abgestempelte Studienkarte (SK). Mit dieser Studienkarte erfasste die Arztpraxis das Ergebnis des altersgemäßen Impfchecks. Es wurde festgestellt, ob der Impfschutz vollständig ist oder nicht und ob die erforderlichen Impfungen durchgeführt werden. Gründe, warum trotz Impfempfehlung und unvollständigem Impfschutz nicht geimpft wurde, z. B. bei einer Impfkontraindikation, der Ablehnung der Impfung durch den Patienten, der Durchführung der Impfung zu einem späteren Zeitpunkt, wurden nicht erfasst.

Vor Studienbeginn sprachen die 48 Studienapotheken regionale Impfpraxen an, informierten sie über Studienziele und -ablauf und gewannen insgesamt 98 hausärztliche Impfpraxen für die Teilnahme an der Studie.

Impfbereitschaft Rund 73% waren bereit, ihren Impfschutz beim Arzt überprüfen und auffrischen zu lassen.

Apothekenkunden befürworten Impfberatung

Zu den Ergebnissen: Die befragten Apothekenkunden fanden es sehr gut oder gut (KF: 93,2%) auch in der Apotheke über Impfungen aufgeklärt zu werden. Unter den erreichbaren Kunden waren Senioren überproportional vertreten. Während sie 25,9% [4] der deutschen Bevölkerung ausmachen, repräsentieren sie 60,4% (DB) der befragten Apothekenkunden. Die Erwachsenen, die nach 1970 geboren sind (mit einer Indikation für eine Masernimpfung), waren mit einem Anteil von 22,9% (DB) fast proportional zu ihrem Bevölkerungsanteil (24,3%) [4] vertreten. Der Anteil der jugendlichen Apothekenkunden (DB: 2,4%) war hingegen deutlich niedriger als ihr Anteil in der Bevölkerung (10,1%) [4]. Zwei Drittel der befragten Apothekenkunden waren weiblich (62,7%).

Jeder vierte Apothekenkunde gab an, in den letzten 24 Monaten in keiner Weise mit dem Thema Impfen in Berührung gekommen zu sein, weder über die Medien noch über eine Heilberufsgruppe (KF: 23,1%). Bei jedem Vierten lag die letzte Impfung zehn Jahre und länger zurück (DB: 26,2%). Drei von vier Befragten (76,3%) gaben an, den eigenen Masern- und Pneumokokken-Impfschutz nicht zu kennen oder nicht zu wissen, dass dieser unvollständig ist. An eine Ansprache auf diese Impfungen beim Arzt oder in der Apotheke konnten sich die Apothekenkunden mehrheitlich nicht erinnern (DB: 69,6%). Erfolgte eine Ansprache, dann doppelt so häufig beim Arzt (DB: 21,3%) als beim Apotheker (DB: 9,3%). Der Impfausweis wurde von der großen Mehrheit der Befragten (DB: 75,1%) nicht mitgeführt. Sieben Prozent gaben an, keinen Impfausweis zu besitzen. Bei jedem zehnten Apothekenkunden (n= 232) wurde der Impfausweis in der Apotheke überprüft, bei knapp der Hälfte (DB: 44%) war dieser vollständig, bei 55,6% unvollständig.

Impfaufklärung in der Apotheke Die Befragung zeigt ein deutliches Ergebnis: Es ist sehr gut, wenn Apotheken über Impfungen informieren.

Die Bereitschaft der Befragten, ihren Impfschutz nach der Ansprache und Aufklärung in der Apotheke beim Arzt überprüfen und gegebenenfalls vervollständigen zu lassen, war groß (DB: 73,2%). Von den insgesamt 1425 ausgegebenen Studienkarten (SK) wurden 576 von Arztpraxen ausgefüllt und als Rückläufer ausgewertet. Damit setzten 40 Prozent der Apothekenkunden (n = 576) ihre bekundete Bereitschaft zum Impfcheck in die Tat um und ließen ihren Impfschutz überprüfen. 426 dieser Apothekenkunden hatten eine Indikation für eine Influenza- und Pneumokokken-Impfung aufgrund des Alters (n = 393) und/oder ihrer chronischen Grunderkrankung (n= 228). Bei 95 Apothekenkunden lag eine Indikation zur Überprüfung ihres Masernschutzes vor, weil sie nach 1970 geboren sind (n = 83), oder weil sie zur Gruppe der Jugendlichen (n = 12) gehörten. Die ärztliche Impfausweiskontrolle ergab bei 349 Apothekenkunden einen in Teilen vollständigen Impfschutz. Bei 300 Apothekenkunden (52,8%) dokumentierten die Studienärzte Impflücken.

Durchgeführte Impfungen Insgesamt wurden im Rahmen der Studie 352 Apothekenkunden geimpft, sie erhielten 479 Auffrischimpfungen. Die Auffrischung erfolgte gemäß der STIKO-Empfehlung.

Bei 190 Apothekenkunden wurden insgesamt 405 Impfungen durchgeführt, bei 352 Apothekenkunden wurden 479 Impfungen explizit nicht durchgeführt. Die Gründe dafür wurden im Rahmen der Studie nicht erfasst.


Literatur

[1] 2. Nationale Impfkonferenz. Berichtband. "Impfziele für Deutschland - Wo stehen wir heute – Was wollen wir erreichen?", R. Burger, Robert Koch-Institut.

[2] Steffens I et al., Spotlight on measles 2010: measles elimination in Europe – a new commitment to meet the goal by 2015. Euro-Surveillance 2010 Dec 16; 15 (50). pii: 19749

[3] 2. Nationale Impfkonferenz. Berichtband. "Präventionsstudie 2010: Gesetzliche Vorsorge- und Impfangebote nutzen: Ansatzpunkte für Arztpraxen", U. Kramer, K. Wenk

[4] Bevölkerung in Deutschland nach Altersgruppen zum 31.12. 2009. Statistisches Bundesamt 2012.


Kontakt:
Dr. Ursula Kramer,
Initiative Präventionspartner, sanawork Gesundheitskommunikation, Emmy-Noether-Str. 2, 79110 Freiburg,
Tel. (07 61) 15 15 48-0,
E-Mail: info@praeventionspartner.de
Studienwebsite: www.niza3.de



DAZ 2012, Nr. 26, S. 90

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