Fortbildung

Symptomkontrolle in der Palliativmedizin

In der letzten Lebensphase die Ängste mindern

Belastende Begleiterscheinungen einer schweren Erkrankung können in vielen Fällen gelindert oder antizipativ verhindert werden. Wie die Kontrolle der gastrointestinalen, pulmonalen und psychischen Symptome beim Palliativpatienten aussehen kann, erläuterte Dr. Harald Braun, Groß-Gerau.
Harald Braun Foto: DAZ/pj

Übelkeit und Erbrechen sowie Verstopfung treten sehr häufig bei Palliativpatienten auf, vor allem, wenn diese an einem Tumorleiden erkrankt sind. Die Gründe hierfür sind vielfältig; Braun nannte unter anderem gastrointestinale Veränderungen, das Auftreten von Tumortoxinen, Begleiterscheinungen einer Opioidtherapie, Hirnmetastasen sowie neurologische, psychosomatische und antizipatorische Ursachen. Einige dieser Auslöser können kausal beseitigt werden, daneben werden auch nicht-medikamentöse Maßnahmen eingesetzt wie etwa das Legen einer Ablaufsonde und Massagen. Der Betroffene sollte nicht zur Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme gezwungen werden; die Wahl der Applikationswege richtet sich nach dem Zustand und der Erkrankung des Patienten. Zur medikamentösen Therapie werden Prokinetika (Metoclopramid, Domperidon), Antihistaminika, Antipsychotika (Haloperidol oder Levopromazin), Dexamethason, Setrone, Benzodiazepine und Anticholinergika eingesetzt. Cannabinoide und Ingwer spielen eine untergeordnete Rolle.

Obstipation kann krankheitsbedingt oder krankheitsassoziiert sowie als Begleiterscheinung einer Opioidtherapie auftreten und sollte konsequent therapiert werden. Bei der Auswahl eines geeigneten Abführmittels sind die Bedürfnisse des Patienten zu berücksichtigen. Die Einnahme von Lactulose ist in der Regel wenig beliebt, auf eine höhere Akzeptanz stößt Macrogol, vor allem, wenn dieses als kühle Lösung angeboten wird.

Atemnot macht Angst, Angst macht Atemnot

Atemnot und die Furcht zu ersticken bedrohen den Patienten und sind mit Todesangst verbunden. Daher müssen Betroffene und Angehörige in mehrerer Hinsicht aufgeklärt werden. Erstens: Ein Ersticken wie häufig in Filmen dargestellt, gibt es in der Realität nicht; zweitens: die Atemnot wird nicht durch Sauerstoffmangel verursacht und kann folglich auch nicht durch die Zufuhr von Sauerstoff behoben werden. Die Ursachen der Dyspnö sind unterschiedlich und können tumorbedingt (Pleuraerguss, Aszites, erhöhter Raumbedarf), therapiebedingt oder tumorunabhängig (COPD, Herzerkrankungen) auftreten. Zunächst stehen nicht-medikamentöse Maßnahmen im Vordergrund. Das sind Aufklärung, das Vermitteln von Ruhe und Sicherheit vonseiten der Therapeuten, menschliche Nähe, Lagerungstechniken, Öffnen der Fenster oder Zufächeln von Luft. Von einem Absaugen der Atemwege ist abzuraten. Braun wies darauf hin, dass auch die Flüssigkeitszufuhr in der Terminalphase zu Atemnot führen kann und daher unterbleiben sollte. Zur Linderung bietet sich die Mundpflege mit einem kleinen Schwämmchen an, das mit einer vom Patienten gern genossenen Flüssigkeit getränkt ist. Zur medikamentösen Linderung der Atemnot werden Opioide (Morphin peroral oder subcutan sowie nasal appliziertes Fentanyl) und Benzodiazepine eingesetzt. Bevorzugt werden hier Tavor expidet®, dessen Wirksamkeit sehr rasch einsetzt sowie nasal appliziertes Midazolam. Letzteres wird mithilfe eines speziellen Adapters (MAD, mucosal atomiser device; Bezug aus dem Ausland) verabreicht.

Schluckauf: viele Ratschläge – keine Evidenz

Der Schluckauf kommt durch eine Zwerchfellkontraktion und einem reflektorischen Verschluss der Stimmritze zustande, mögliche Ursachen sind unter anderem Veränderungen im Gehirn, Tumore oder ein Schlaganfall. Persistierende Beschwerden, die länger als 48 Stunden anhalten, führen zu einer enormen Belastung des Betroffenen. Medizinische Interventionen wie eine Vagusstimulation oder Nervenblockaden kommen für Palliativpatienten in der Regel nicht infrage. Die Liste nicht-medikamentöser und medikamentöser Maßnahmen, die zu einer Linderung führen sollen, ist lang und entbehrt einer wissenschaftlichen Evidenz. In der Praxis werden vorwiegend Metoclopramid, Baclofen, Haloperidol, Pregabalin und Simeticon eingesetzt.

Neuropsychiatrische Symptome

Angst, Schlaflosigkeit, Depressionen, Traurigkeit und das delirante Syndrom sind ätiologisch verschiedene, den Patienten sehr belastende Begleiterscheinungen einer schweren Erkrankung. Auch hier stehen emotionale und körperliche Zuwendung und das Schaffen einer angenehmen Atmosphäre im Vordergrund. Wenn möglich, sollten dem Patienten konkrete Ängste wie die Angst vor Schmerzen, vor dem Ersticken oder Verdursten genommen werden. Bei der medikamentösen Therapie sollte der Arzt auf einige wenige, ihm bekannte Wirkstoffe zurückgreifen. Braun nannte hier unter anderem Benzodiazepine, Haloperidol, Amitriptylin und Sertralin. Bei Schlafstörungen können Lorazepam, Midazolam, Antihistaminika, Chloralhydrat, Clomethiazol, Zopiclon, Zolpidem oder Zaleplon gegeben werden. Atypische Neuroleptika spielen in der Palliativmedizin eine untergeordnete Rolle, am häufigsten werden Haloperidol und das stärker sedierende Levomepromazin verwendet.


pj



DAZ 2012, Nr. 24, S. 57

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