Bayerischer Apothekertag

Vorsorge- und Impfangebote kennen und nutzen

Aktiv gegen die nachlassende Impfbereitschaft

Impfungen gehören zu den wichtigsten und wirksamsten präventiven Maßnahmen! Doch in Deutschland ist in vielen Fällen die Durchimpfungsrate nicht ausreichend. Und das, obwohl die Ständige Impfkommission sich regelmäßig darum bemüht, sachlich zu informieren, aktuelle Empfehlungen auszusprechen, und sich für Impfungen einsetzt.
Prof. Dr. Wolfgang Jilg Foto: DAZ/ck

Prof. Dr. Wolfgang Jilg vom Institut für medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Uni Regensburg stellte die letzte Aktualisierung der STIKO-Empfehlungen vor, die die Impfung gegen die saisonale Influenza, gegen Masern und Pertussis in den Mittelpunkt rückte und eine Neubewertung der HPV-Impfung abgab. Leider, so Jilg, wird die Influenza nach wie vor nicht ernst genommen. Zwar kann sie harmlos verlaufen, es sind aber auch schwere Komplikationen bis zu Todesfällen möglich. Der Verlauf einer Influenza wird durch Eigenschaft und Menge des Erregers oder Immunität und körperlichen Zustand des Wirtes beeinflusst, auch Ernährungszustand und Alter spielen eine Rolle. Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens, wie chronische Krankheiten der Atmungsorgane, chronische Herz-Kreislauf-, Leber- und Nierenkrankheiten, Diabetes und andere Stoffwechselkrankheiten, chronische neurologische Krankheiten (multiple Sklerose) und Personen mit Immundefekten wird daher zu einer Influenzaimpfung geraten. Auch Personen mit erhöhter Gefährdung, wie medizinisches Personal und Personen in Einrichtungen mit umfangreichem Publikumsverkehr, sollten geimpft sein. Da das Risiko kardiopulmologischer Komplikationen in der Schwangerschaft erhöht ist, wird die Impfung allen Schwangeren ab 2. Trimenon, bei erhöhter gesundheitlicher Gefahrdung infolge eines Grundleidens ab 1. Trimenon, empfohlen.

Gegen Masern sollten alle nach 1970 Geborene mit unklarem Impfstatus, ohne Impfung oder mit nur einer Impfung in der Kindheit, die im Gesundheitsdienst sowie in Gemeinschaftseinrichtungen tätig sind, geimpft werden. Ziel ist es, durch eine hohe Durchimpfungsrate die Übertragung und so Komplikationen wie Masernenzephalitis, Otitis media oder Masernpneumonie zu verhindern. Um schwere Keuchhusten erkrankungen bei Säuglingen zu verhindern, die mit Erstickungsanfällen einhergehen können, wird allen Erwachsenen, die in den letzten zehn Jahren keine Pertussis-Impfung erhalten haben, empfohlen, die nächste fällige Td-Impfung einmalig als Tdap-Kombinationsimpfung zu erhalten. Neben diesen "normalen" Impfungen hat die STIKO sich auch zur Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) geäußert und sie uneingeschränkt empfohlen. Die genitale HPV-Infektion gilt als wichtiger Faktor für die Entstehung von Zervixkarzinomen. Durch die Impfung gegen HPV kann eine Reduktion der Krankheitslast durch das Zervixkarzinom um 50 bis 70% und eine Reduktion der Anzahl präkanzeröser Läsionen um 35 bis 50% erreicht werden, ist Jilg überzeugt. Bei einer Durchimpfungsrate von 80% und einer Wirksamkeit des Impfstoffs von 90% könnte das bedeuten, dass ca. 3000 Zervixkarzinome, ca. 850 Todesfälle und ca. 54.000 Konisationen verhindert werden könnten.
Dr. Ursula Kramer Foto: DAZ/ck

Impfschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Gesundheitsexperten und auch der Politik wird zunehmend die Bedeutung von Präventionsmaßnahmen wie Impfungen klar. Deutlich wird dies in der Vereinbarung von "Nationalen Impfzielen". Diese zu erreichen, dazu können gerade Apotheken beitragen, indem sie Patienten und Kunden sensibilisieren und informieren. Apothekerin Dr. Ursula Kramer aus Freiburg stellte die Ergebnisse einer Untersuchung vor, die zeigt, dass durch eine qualifizierte Impfberatung in der Apotheke sowie die verstärkte Zusammenarbeit mit Impfpraxen die Impfbereitschaft der Bevölkerung und die Zahl der Impfungen erhöht werden kann. In der Studie mit der Bezeichnung "Nationale Impfziele besser erreichen durch Ansprache und Aufklärung in der Apotheke (NIZA3)" wurden unter anderem die Impfberatung dokumentiert und quantifiziert, wie viele Kunden auf ihren Impfstatus angesprochen, welche Impfempfehlungen gegeben und wie viele Impfungen daraufhin bei den Ärzten wirklich durchgeführt wurden. Im Fokus standen dabei zum einen Erwachsene über 60 Jahre und Chroniker. Ihnen fehlen in drei von vier Fällen der von der STIKO empfohlene Grippe- und Pneumokokkenschutz. Zum anderen wurden gezielt junge Erwachsene, nach 1970 geboren, auf die Vervollständigung ihres Masernschutzes angesprochen. Als ein Instrument für die erfolgreiche Beratung stellte Kramer eine eigens entwickelte Impf- und Vorsorge-Uhr vor. Über eine einfache Bildsprache wird mit ihr komplexes Wissen vermittelt. So lassen sich die jährlich aktualisierten Impfempfehlungen der STIKO und die Hinweise zum Angebot an gesetzliche Vorsorgeuntersuchungen für einzelne Personen entsprechend ihrem Lebensalter, Geschlecht oder chronischen Grunderkrankungen ablesen. Kramer bezeichnete es als erschreckend, wie wenig Anspruchsberechtigte die Möglichkeiten von Vorsorge- und Impfangeboten nutzen. Dabei könnte es einfach sein: die Mehrzahl der Apotheken bietet ihren Kunden Präventionsleistungen wie Messung von Blutdruck und Blutzucker, Blutuntersuchungen oder Diabetesrisikotests an. Doch die wenigsten nutzen die Chance, Kunden für Vorsorge- und Impfangebote zu sensibilisieren und zu informieren. Und gerade letzteres ist notwendig. Denn Kramers Untersuchungen haben gezeigt, dass nicht Impfskepsis oder Angst vor Vorsorgeuntersuchungen die Patienten abhält, diese zu nutzen. Meist mangelt es einfach an Wissen, dass es diese Möglichkeiten gibt! Im bereits etablierten Beratungsumfeld der Apotheke kann mit einer gezielten Ansprache der Patienten auf mögliche Impflücken oder Vorsorgemöglichkeiten auch die Position der Apotheker als Präventionsberater im Gesundheitsmarkt der Zukunft gestärkt werden.


ck