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Chrom in chinesischen Kapseln

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Bislang keine Hinweise auf illegale Verwendung technischer Gelatine in Europa

STUTTGART (du). Ein neuer Produktskandal in China sorgt für Verunsicherung. Einem Bericht des amtlichen Fernsehsenders China Central Television zufolge haben mehrere Firmen aus der Provinz Zhejang in großem Stil aus Lederabfällen gewonnene Industriegelatine für die Herstellung von Kapseln verwendet. Die Gelatine soll die in China gültigen Grenzwerte für toxisches und kanzerogenes Chrom VI deutlich überschritten haben, teilweise um das 90-Fache.

Durch die illegale Verwendung der Industriegelatine wurden die Herstellungskosten für die Kapseln um ein Drittel reduziert. Von dieser preiswerteren technischen Gelatine sollen vor allem Kapselhersteller aus der ostchinesischen Provinz Zhejang Gebrauch gemacht haben, einer Region, in der der größte Teil der chinesischen Kapsel-Hersteller angesiedelt ist. Alleine in der Stadt Ru‘ao befinden sich nach einem Bericht des China Internet Information Center mehr als zehn Produktionsstätten, die ein Drittel des chinesischen Kapselmarktes abdecken, darunter auch der Hersteller Zhuokang Capsule Co., Ltd und einer der größten chinesischen Kapsel-Hersteller, die Huaxing-Capsule-Fabrik. Die Zhuokang-Kapseln sind dem Bericht zufolge unter anderem an Pharmafirmen im Nordosten und Nordwesten Chinas geliefert worden, die Huaxing-Kapseln bevorzugt an Firmen in den Provinzen Sichuan, Jilin und Qinghai. Beiden Herstellern ist nach Mitteilung der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua inzwischen die Zulassung entzogen worden.

Deutsche Behörden prüfen

Ob und in welchem Ausmaß auch in Deutschland Produkte mit technischer Gelatine aus diesen Quellen in den Handel gekommen sind, ist unklar. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz teilte auf DAZ-Anfrage mit, dass ihm zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Informationen darüber vorliegen, dass betroffene Produkte auf den deutschen Markt gelangt sind.

Europäische Speisegelatine aus anderen Quellen

Die Leitstelle Arzneimittelüberwachung Baden-Württemberg erklärte auf Anfrage, dass es sich nach derzeitigem Kenntnisstand wohl um ein innerchinesisches Problem handelt und beruft sich dabei unter anderem auf eine Auskunft des Verbandes für Gelatine-Hersteller (GME-Gelatine Manufacturer of Europe): Danach soll es sich bei den betroffenen Gelatine- und Kapselherstellern nur um kleine, lokal tätige Unternehmen handeln. Für den Export von Speisegelatine nach Europa seien nur drei Gelatinefabriken in China zugelassen; diese seien von den Vorwürfen nicht betroffen. Zudem würden die Hersteller für den Export von Pharmagelatine bzw. den Export von Gelatinekapseln nach Europa ein EDQM-Zertifikat, ausgestellt von dem European Directorate for the Quality of Medicines & HealthCare, verlangen.

Scherer und Capsugel garantieren Sicherheit

Das BfArM identifiziert zurzeit die Kapsel-Hersteller in Deutschland, deren Produkte möglicherweise von dem Problem betroffen sein könnten, um dann bei Bedarf weitere Sicherheitsmaßnahmen anstoßen zu können.

Die Firma R.P. Scherer aus Eberbach, ein Unternehmen der Catalent-Gruppe und einer der größten europäischen Kapselhersteller, hat schon Entwarnung gegeben. Ihre Weichgelatine-Kapseln seien von dem Problem nicht betroffen, da keine Gelatine chinesischen Ursprungs verwendet werde. Auch der Kapselhersteller Capsugel erklärt, keine Gelatine von der unter Verdacht der China‘s State Foot and Drug Administration (SFDA) stehenden Lieferanten zu beziehen. Die Qualität der Capsugel-Hartgelatine-Kapseln wird unter Verweis auf die Einhaltung externer und interner Qualitätsstandards garantiert.



DAZ 2012, Nr. 17, S. 42

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