Klinische Pharmazie – POP

MTM für Arzt und Patient

Was sich hinter einem Medication Therapy Management verbirgt

Monika Alter, Isabel Waltering, Olaf Rose und Hartmut Derendorf | Das Medication Therapy Management stellt eine besondere Form der intensiven pharmazeutischen Betreuung dar. Es beinhaltet das direkte Einbringen des Apothekers in die Arzneimitteltherapie des Patienten unabhängig von der Arzneimittelabgabe und bietet dadurch die Möglichkeit, sich durch Patientenorientierung und Beratungsstärke zu profilieren und den eigenen Beruf von der Logistik loszulösen. Im Ausland haben sich für diese Betreuungsform bereits eigene Vergütungsmodelle etabliert, die so Unabhängigkeit vom Packungsverkauf ermöglichen. Der nachfolgende Artikel gibt einen Überblick über die Definition des Medication Therapy Managements und die derzeitige Situation international und in Deutschland.
Illustration: DAZ/go-grafik.de

Eine gültige Definition für das Medication Therapy Management, kurz MTM, für den deutschen Raum anzugeben ist derzeit noch sehr schwierig. Der Grund ist schlicht, dass ein solches Programm zur pharmazeutischen Patientenbetreuung hierzulande noch nicht existiert und eine flächendeckende Umsetzung nicht gegeben ist. Was ist dann aber MTM, und welche Bedeutung hat es für Deutschland?

Patientenorientierung steht im Mittelpunkt

MTM stellt eine intensive, rein patientenorientierte pharmazeutische Betreuung dar, die unabhängig von der Abgabe eines Arzneimittels stattfindet und von einem dafür ausgebildeten Apotheker durchgeführt wird. Kurz gesagt ist das Ziel, arzneimittelbezogene Probleme zu identifizieren, das Wissen des Patienten über die eigene Erkrankung und die daraus resultierende Arzneimitteltherapie zu verbessern, und eine Bewertung der Arzneimitteltherapie nach Kosten-Nutzen-Aspekten durchzuführen. Arzt und Patient sollen aktiv bei der medikamentösen Therapie unterstützt werden um festgelegte Therapieziele sicher zu erreichen.

MTM-Service-Modell


Die Grundelemente des MTM-Service-Modells sind:


  • der Medication Therapy Review

Eine Durchsicht der bisherigen Arzneimitteltherapie inklusive rezeptfreier (apothekenpflichtiger sowie freiverkäuflicher) Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel. Patientenspezifische Daten werden gesammelt inkl. Diagnose und Labordaten und die Therapie wird bewertet um arzneimittelbezogene Probleme zu erkennen. Anschließend kann eine Liste mit erkannten Problemen angefertigt sowie ein Plan zur Lösung dieser erstellt und mit dem Arzt und dem Patienten kommuniziert werden.


  • der persönliche Medikamentenplan

Eine verständliche Aufzeichnung der gesamten Medikation des Patienten für den Patienten (inkl. apothekenpflichtiger sowie freiverkäuflicher Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel). Sie stellt eine Art Hilfe dar, Wissen über die eigene Arzneimitteltherapie dauerhaft zu erhalten und setzt eine regelmäßige Aktualisierung voraus. Für den Patienten relevante Informationen sind zum Beispiel

– der genaue Name des Arzneimittels (Handelsname und Substanzname) bzw. des Nahrungsergänzungsmittels inkl. Dosierung und Indikation

– Einnahmehinweise (Wann nehme ich es ein? Wie nehme ich es ein? Etc.)

– Datum des Einnahmebeginns, ev. Enddatum

– sonstige relevante Informationen wie Allergien, Besonderheiten zum Arzneimittel, Interaktionshinweise etc.


  • der arzneimittelbezogene Handlungsplan

Dieser listet Handlungen, die der Patient in Eigenregie (Self-Management) durchführen kann. Demzufolge sind nur Tätigkeiten aufgeführt, die der Patient selbst durchführen kann und bei denen der Apotheker helfend zur Seite stehen kann. Er bietet die Möglichkeit, die eigenen Fortschritte und Verbesserungen zu dokumentieren und den Patienten stärker auf seine Verantwortung gegenüber Erkrankung und Arzneimitteltherapie aufmerksam zu machen.


  • Interventionen und/oder Arzt-Überweisungen sind pharmazeutische Interventionen und dienen der Lösung identifizierter arzneimittelbezogener Probleme.


  • Dokumentation und Folgebesuche


Die Dokumentation erfüllt viele Aufgaben. Sie bietet unter anderem Schutz bei Haftungsfragen und ermöglicht überhaupt erst eine Vergütung erbrachter Leistungen. Außerdem zeigt sie den Verlauf einer Therapie an und verdeutlicht den Wert des MTM.

Mehr als nur Beratung

Wesentlicher Unterschied zur Beratung bei Arzneimittelabgabe: es geht nicht um das eine Arzneimittel, das gerade abgegeben wird, sondern um das Gesamtpaket, d. h. alle Arzneimittel, die eingenommen werden. Und: der Apotheker bringt sich selbst aktiv ein, führt eine Bewertung durch, entwickelt Lösungen und bespricht diese anschließend sowohl mit dem Patienten als auch mit dem Arzt, um dann eine Änderung bzw. eine Verbesserung zu bewirken.

Zentrale Punkte, die im Zuge einer MTM-Beratung bearbeitet werden können, sind unter anderem:

  • Schulung des Patienten zur Erkrankung und zu den eingenommenen Arzneimitteln. Aufklärung über Wirkung und Nebenwirkung von Arzneimitteln. Warum ist eine medikamentöse Therapie so wichtig? Welche nicht-medikamentösen Maßnahmen kann der Patient ergreifen, z. B. den Lebensstil betreffend: Essgewohnheiten, Bewegung, Genussmittelkonsum? Warum sind diese so wichtig?

  • Passen alle Arzneimittel zu den Indikationen? Werden Leiden nicht oder nicht ausreichend therapiert? Gibt es unnötige Medikamente? Gibt es bessere Therapiealternativen?

  • Bewertung und Betrachtung der Arzneimitteltherapie anhand klinischer Parameter wie Laborwerte, Zielwerte und Leitlinien.

  • Identifizierung von unerwünschten Arzneimittelwirkungen, therapeutischen Doppelungen, fehlenden Dosisanpassungen, Interaktionen etc. einschließlich konkreter Vorschläge, wie diese Probleme gelöst werden können. Grundlegende Entscheidung: Therapiewechsel oder einfache Gegenmaßnahme?

  • Werden die Arzneimittel vom Patienten richtig angewendet? Gibt es Schwierigkeiten bei der Anwendung, die das Therapieziel gefährden? Was kann dagegen getan werden?

  • Aufdeckung von Compliance-Problemen und Entwicklung von Lösungen: durch welche Maßnahmen kann die Compliance gesteigert werden?

  • Bewertung der Therapie aus ökonomischer Sicht, Stichwort: Kosten-Nutzen-Perspektive. Sind günstigere Therapieoptionen möglich?

Als Konsequenz der Beratungsintensität steigt auch die dafür notwendige Beratungszeit massiv an. Das Beratungsgespräch wird oft mit einer Stunde oder mehr veranschlagt und regelmäßig, in der Regel alle sechs Monate, wiederholt. Das Durchführen eines Medikationsmanagements ist ein Vollzeit- Job, sofern alle relevanten Aspekte mit einbezogen werden sollen und kann nicht als kleine Zusatzleistung nebenher erbracht werden. Die langfristige Betreuung des Patienten ermöglicht bei richtiger und konsequenter Durchführung die Dokumentation von Erfolg oder Misserfolg einer Therapie oder bereits erzielter Fortschritte. Sie garantiert auch eine Anpassung der Beratung an die Dynamik der Arzneimitteltherapie und kann neu aufgetretene Probleme schnell erkennen und Lösungen entwickeln. Weitere Vorteile sind eine Verbesserung der Schnittstellenbetreuung, d. h. der Betreuung bei z. B. Entlassung aus dem Krankenhaus oder die Einweisung in eine Pflegeeinrichtung etc.

Einen Überblick über die Kernelemente eines Medikationsmanagements gibt der Info-Kasten MTM-Service-Modell sowie der Beitrag von Alter M, Doering P, Derendorf H: Medication Therapy Management (MTM) – Modell für Deutschland. DAZ 2011; Nr. 40 S. 54 ff.

Ganz besonders von einer solchen Betreuung profitieren können chronisch Kranke und Patienten, die mehrere Arzneimittel täglich einnehmen müssen und so mit einem komplizierten Therapieregime konfrontiert sind. Hier können durch Vereinfachung von Therapieschemata und Förderung der richtigen und regelmäßigen Arzneimitteleinnahme oder Umstellungen auf kostengünstigere Alternativen die größten wirtschaftlichen Einsparungen erzielt werden. Denn auch wenn für die Kostenträger eine initiale Kostensteigerung durch Vergütung der durchführenden Apotheker steht, so rechnet sich der MTM-Service langfristig nicht nur wegen des effizienteren Arzneimitteleinsatzes und der besseren Therapieergebnisse, auch weniger Arztbesuche und weniger arzneimittelbezogene Krankenhausaufenthalte gehören zu den positiven langfristigen Folgen.

Der Apotheker präsentiert sich als reiner Berater im Sinne des Patienten und hat Überblick über die gesamte Medikation, also auch über nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel oder freiverkäufliche Produkte oder Nahrungsergänzungsmittel. Es geht um alles, was der Patient zur Förderung seiner Gesundheit und zur Linderung seiner Beschwerden einnimmt (Abb. 1 und Abb. 2).

Abb. 1: Der Patient übernimmt im aktuellen Krankheitsgeschehen die Koordination der Arzneimitteltherapie. Er sucht bei Beschwerden aktiv den Arzt auf, löst gegebenenfalls ein Rezept in der Apotheke ein und muss sich danach selbst um den Therapieerfolg kümmern. Jede Aktion geht somit von ihm aus, die Akteure handeln oft getrennt voneinander.
Illustration: DAZ/go-grafik.de
Abb. 2: Eine kontinuierliche pharmazeutische Betreuung nach dem MTM-Modell unterstützt den Patienten bei der Arzneimitteltherapie: sie klärt auftretende Fragen des Patienten rund um Erkrankung und Behandlung, fördert die Arzneimitteleinnahme und wirkt gegen Überforderung mit der Arzneimitteltherapie. Sie sichert und steigert außerdem den Informationsfluss zwischen den Beteiligten und erarbeitet unabhängig Maßnahmen zur Therapieoptimierung. Der Patient ist somit nicht auf sich alleine gestellt und muss sich nicht selbst um den Therapieerfolg kümmern, er erfährt aktive Hilfe, wobei durch die fortlaufende Dokumentation und Betreuung schnell auf auftretende Probleme reagiert werden kann.
Illustration: DAZ/go-grafik.de

Um eine erste Bestandsaufnahme und Bewertung der bisherigen Therapie vorzunehmen, wie sie im Medication Therapy Review vorgesehen ist, und um arzneimittelbezogene Probleme zu identifizieren, kann das sog. SOAP-Schema angewendet werden. Das Schema ermöglicht eine qualitätsgesicherte, systematische und problemorientierte Vorgehensweise zur Lösung eines vorliegenden Falles. Ziel ist es, die vorhandenen Daten zu einem Patientenfall zu analysieren und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten. Im Anschluss können diese Empfehlungen dann mithilfe einer sog. SOAP-Note anderen Gesundheitsdienstleistern, beispielsweise dem behandelnden Arzt, kommuniziert werden.

Die vier Buchstaben stehen dabei jeweils für

Subjectice: subjektive Daten

Objective: objektive Daten

Assessment: Analyse der Daten

Plan: Erstellung eines Behandlungsplans.

Unter den subjektiven Daten werden alle Beschwerden oder Symptome erfasst, die der Patient äußert, während den objektiven Daten der aktuelle Medikamentenplan, Laborparameter, Vitalparameter, gestellte Diagnosen etc. zugeordnet werden. In der anschließenden Analyse werden subjektive wie objektive Daten bewertet, d. h. es wird geprüft, inwieweit unerwünschte Arzneimittelwirkungen, Wechselwirkungen, inadäquate Dosierungen oder mangelnde Compliance oder andere arzneimittelbezogene Probleme vorliegen oder ob beispielsweise Arzneimittel in der bisherigen Therapie fehlen.

Ein weiterer Aspekt ist eine Bewertung aus der Kosten-Nutzen-Perspektive. Aus der Analyse heraus werden dann Maßnahmen für eine effiziente Arzneimitteltherapie festgelegt und mit Arzt und Patient kommuniziert. Das kann sowohl der Verzicht als auch das Hinzufügen einer Medikation sein, die Substitution eines Wirkstoffes oder eine Anpassung der Dosierung. Außerdem werden nicht-medikamentöse Maßnahmen festgelegt sowie Maßnahmen zur Überwachung des weiteren Verlaufs.

Vertieftes klinisches Wissen bildet Fundament

Voraussetzung für eine Bewertung der Arzneimitteltherapie nach dem Vorbild des SOAP-Schemas bzw. des MTM-Modells ist das tiefe klinische Wissen des durchführenden Apothekers, das über unsere bisherige Ausbildung und Berufsausübung hinausgeht und das das Fundament des Medication Therapy Managements bildet. Neben dem indikationsbezogenen arzneimittelspezifischen Wissen müssen Diagnosen inkl. Symptomen und Pathophysiologie ebenso vertraut sein wie Laborparameter, Leitlinien und die aktuelle Studien- und Datenlage, um fundierte Bewertungen und Empfehlungen weitergeben zu können.

Arzt und Apotheker: gleichberechtigte Partner

Neben dem Patienten ist außerdem die Kommunikation mit dem Arzt wesentlicher Bestandteil des MTM-Service-Modells und beinhaltet unter anderem eine Beratung zur Auswahl von Arzneimitteln, Vorschläge zur Lösung arzneimittelbezogener Probleme oder Empfehlungen zur weiteren Betreuung des Patienten. Ein Umdenken ist somit auch bei den behandelnden Ärzten erforderlich. Konstruktive Zusammenarbeit ist gefordert, bei der Daten zum Patienten zur Verfügung gestellt und Vorschläge diskutiert und gegebenenfalls akzeptiert werden müssen. Denn ohne Zugriff auf klinische Parameter ist ein erfolgreiches Medikationsmanagement für den Apotheker nicht möglich. Arzt und Apotheker präsentieren sich nicht als Konkurrenten, sondern auf Augenhöhe und als gleichberechtigte Partner, die beide die bestmögliche Therapie für den Patienten sicherstellen wollen. Ein von einem Apotheker durchgeführtes MTM stellt eine Erleichterung für den Arzt dar, der die weitere Betreuung des Patienten an den Apotheker abgeben kann und durch ständigen Austausch mit diesem eine schnelle, sichere und effiziente Anpassung der Therapie zu jedem Zeitpunkt der Behandlung durchführen kann. Anders als bislang erfolgt eine Therapieanpassung nicht erst, wenn der Patient aufgrund weiterer oder neuer Beschwerden den Arzt aufsucht, sondern sobald die Dokumentation des Behandlungsverlaufs erste Probleme aufzeigt. Zudem kann die Ursache, warum eine Behandlung nicht angeschlagen hat, leichter identifiziert und die Therapie so besser optimiert werden.

Neuausrichtung der öffentlichen Apotheke

Die öffentliche Apotheke insgesamt richtet sich in ihrer Zielsetzung neu aus. Betreuungsprogramme und Beratungsräume machen das Loslösen vom "Produkt Arzneimittel" hin zum "Produkt Beratung" auch nach außen hin sichtbar.

Ein Blick über Deutschland hinaus zeigt, dass pharmazeutisch durchgeführte MTM-Programme bereits in vielen Ländern zu den etablierten Dienstleistungen zählen. Neben den USA bieten auch Neuseeland, Australien, Großbritannien, die Niederlande und die Schweiz Programme dieser Art für ihre Versicherten an. Allen gemeinsam ist dabei der Medication Review Service, also die ausführliche Aufnahme der Patientendaten und die Bewertung der bisherigen Arzneimitteltherapie. Zum Teil wird dieser Review noch in verschiedene Subkategorien unterteilt, wie das Beispiel Großbritannien zeigt. Dort gibt es zum einen den sog. "Prescription Review", der vorwiegend bei Einweisung oder Entlassung aus dem Krankenhaus durchgeführt wird. Zum anderen hat der sog. "Medicine Use Review", der auch als "Concordance and Compliance Review" bezeichnet wird, das Ziel, die Therapietreue und das Verständnis für die eingenommenen Arzneimittel zu verbessern.

In einigen Ländern wie Australien ist es zudem üblich, dass die Apotheker zunächst eine Zusatzqualifikation erwerben, bevor sie ein MTM-Programm am Patienten durchführen können. Hintergrund ist das fundierte Wissen über Diagnose und Therapie, das notwendig ist, um Vorschläge zur Therapieoptimierung an den behandelnden Arzt weitergeben zu können. In den USA wiederrum ist bereits das Hochschulstudium schwerpunktmäßig klinisch ausgerichtet, sodass eine Weiterbildung nicht mehr notwendig ist. In Großbritannien kann ein Apotheker mit spezieller Zusatzqualifikation sogar Folgerezepte ausstellen.

Mehr als Ad-hoc-Beratung und Verblistern

Welches Land man sich auch anschaut, die Idee des MTM-Service musste zunächst an länderspezifische Gesundheitssysteme und Gegebenheiten angepasst werden, um sich flächendeckend etablieren zu können. So sind neben vielen Gemeinsamkeiten auch zahlreiche Unterschiede in der konkreten Durchführung eines MTM zu erkennen. Aber auch wenn das Medication Therapy Management international nicht einheitlich definiert ist und regionale Besonderheiten aufweist, geht es über das, was in deutschen Apotheken bislang möglich ist, deutlich hinaus. Auch wird schnell klar, dass ein Medikationsmanagement keinesfalls eine "Ad-hoc"-Beratung bei der Rezeptabgabe in der Offizin oder das Verblistern von Arzneimitteln ist, wie man derzeit häufig liest. In allen aufgeführten Ländern ist für einen MTM-durchführenden Apotheker eine fundierte klinische Ausbildung erforderlich, sei es durch ein entsprechend geprägtes Studium oder durch sich anschließende Aufbauqualifikationen. Eine große länderübergreifende Gemeinsamkeit ist neben der Vergütung der Beratung nach nationalen Richtlinien auch die hohe gesellschaftliche Akzeptanz, d. h. nicht nur bei Patienten und Kostenträgern, sondern auch aufseiten der Ärzte.

Benefit für alle

Charakteristisch und maßgeblich für den internationalen Erfolg von MTM ist der Nutzen für alle an einer Behandlung Beteiligten. Dem Patienten wird geholfen, da er bei seiner Arzneimitteltherapie entlastet wird und durch Folgebesuche der Erfolg und der Fortschritt der Therapie fortlaufend dokumentiert werden. Der Arzt erhält Unterstützung bei der Auswahl des richtigen Arzneimittels sowohl aus Nutzen- als auch aus Kostensicht. Das gegenseitige Wissen über den Patienten aus verschiedenen Perspektiven kann helfen, beispielsweise Therapiepläne oder Arzneiformen auszuwählen, die dem Patienten die Behandlung erleichtern. Und die Kostenträger profitieren von einem Sinken ihrer Ausgaben durch einen verbesserten Einsatz von Arzneimittelresourcen und eine bessere Koordination dieser. Weniger Arztbesuche, weniger Doppelverordnungen, weniger Interaktionen, weniger Non-Compliance, weniger Krankenhausaufenthalte aufgrund unerwünschter Arzneimittelereignisse, mehr Prävention und mehr Betreuung und bessere Therapieerfolge – diese Liste ließe sich noch sehr viel weiter fortführen – all das macht MTM als Geschäftsmodell für Krankenkassen sehr attraktiv.

Neue Unabhängigkeit für den Apotheker

Und der Apotheker? Er kann sich loslösen von der Logistik und der Verkaufsberatung, kann sich stärker dem Patienten widmen, interdisziplinär arbeiten und seine finanzielle Entlohnung unabhängig vom Produktverkauf machen. Denn international ist allen Ländern auch gemeinsam, dass MTM als intensive Betreuungsleistung nach festgesetzten Kriterien von den Kostenträgern gesondert bezahlt wird. Als Apotheker von einem Produkt abraten statt auf Zusatzverkäufe zu hoffen ist nicht nur eine Revolution im Denken, sondern auch in Vergütungsfragen, macht aber durch eine neu gewonnene Unabhängigkeit resistent gegen Pick up, Aldi und Co.

Die Situation in Deutschland

Im Gegensatz zu den oben genannten internationalen Beispielen ist für Deutschland weder das MTM noch die hierzu erforderliche klinische Ausbildung geregelt. Der klare Unterschied zu den bisher in Deutschland üblichen Tätigkeiten besteht aber darin, dass Therapieentscheidungen vom durchführenden Apotheker aktiv getroffen, formuliert und eingebracht werden. Hierzu werden klinische Daten zwingend benötigt, die dann auch interpretiert werden müssen. Beflügelt durch den internationalen Trend zur klinischen Pharmazie und aufgeschreckt durch die Ankündigung der US-Firma Medco, auch für deutsche Patienten respektive Krankenkassen MTM-Service anbieten zu wollen, ist das Kürzel MTM derzeit in Deutschland in aller Munde. Dabei kommt es zu teilweise kuriosen Interpretationen des Inhaltes. Mangels näherer Kenntnis werden dann gerne einige Hilfskonstruktionen als bestenfalls gut gemeinter eigener Ansatz eines MTMs vorgestellt. Sowohl in der Apothekerschaft als neuerdings auch in der Ärzteschaft wird dabei gerne übersehen, dass ein MTM aber viel Zeit, Erfahrung und eine profunde klinische Ausbildung fordert, sofern es dem Patienten wirklichen Nutzen bringen soll und nicht nur zur Sicherung der eigenen Pfründe dient. Mit einem Notizzettel an den Behandler oder einem Ausdruck aus der Apothekensoftware ist es nicht getan. Ohne einen Arzt kann man ein MTM zudem nicht durchführen, denn man benötigt die klinischen Daten. Eine Verwässerung ist zwar standespolitisch opportun, rächt sich aber schnell, will man vor anderen Spezialisten, der Politik und letztlich auch dem Kostenträger bestehen. Die Apothekerschaft muss also auch hier leider wieder in Vorleistung gehen.

Wegweisende WestGem-Studie

In Deutschland ist die Durchführung von echten MTMs bislang tatsächlich nicht verbreitet. Im Rahmen der WestGem-Study werden nun erstmals feste Vorgaben zur MTM-Erstellung definiert, die die internationalen Erfahrungen mit nationalen Eigenheiten in Einklang bringen wollen. Teils durch die Studie, teils im Arbeitskreis von Prof. Dr. Ulrich Jaehde, Universität Bonn, werden diese Vorgaben nun überprüft und evaluiert, um ein Gerüst für zukünftige Tätigkeiten in diesem Bereich zu bilden. So werden dann auch die richtigen und für Deutschland sinnvollen Werkzeuge festgelegt. Am Ende des Prozesses stehen dann z. B. Empfehlungen dazu, welche Datenbank die besten Treffer liefert, welche national relevanten Parameter noch abgefragt werden sollen (z. B. Priscus-Liste, etc.) aber auch welche Risikopopulationen besonders von einem MTM profitieren würden.

Im Rahmen der neuen DAZ-Serie zur klinischen Pharmazie POP, wobei POP für Patientenorientierte Pharmazie steht, werden Aspekte der Klinischen Pharmazie anhand verschiedener Hauptdiagnosen vermittelt und Beispiele für ein konkretes MTM gegeben.


Literatur

American Pharmacists Association, National Association of Chain Drug Stores Foundation. "Medication Therapy Management in Pharmacy Practice: Core Elements of an MTM Service Model” Version 2.0 2008.

Pellegrino et al. "Medication Therapy Management Services- Definitions and Outcomes”, Drugs 2009; 69 (4)

Monika Alter, Paul Doering, Hartmut Derendorf. Medication Therapy Management – Modell für Deutschland? Deutsche Apotheker Zeitung 151:4560 – 71 (2011).

Jochen Pfeifer. Medikation Therapy Managment. Profilierungschance gegenüber Versandapotheken, dm und Co. Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 20/2008.

C. Franken, M. Hartmann. SOAP- der klinisch-pharmazeutische Fall. In Franken C (Hrsg.), Hartmann M (Hrsg.) Klinische Pharmazie. Ein Kompendium. Urban und Vogel GmbH München 2007

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Clyne W, Blenkinsopp A, Seal R (2008) Guide to Medication Review. NPS National Prescribing Centre

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http://www.pharmasuisse.org/de/dienstleistungen/Themen/ Seiten/Polymedikationscheck.aspx

BVKA-Tagung: Medikationsmanagement und Verblisterung als Dienstleistung der Apotheke. http://verblistern.info/blog/archives/821 vom 27.02.2011


Autoren


Monika Alter, Studium der Pharmazie von 2005 bis 2010 an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, Praktisches Jahr am Shands Hospital at the University of Florida, Gainesville, Florida, USA von November 2010 bis Mai 2011, Approbation zur Apothekerin im Juli 2011, seit September 2011 Apothekerin am Städtischen Klinikum München GmbH, Krankenhausapotheke Schwabing, seit Januar 2012 Klinik-Promotion am Städtischen Klinikum München.

Monika Alter, Ismaningerstraße 48, 81675 München





Olaf Rose, Studium der Pharmazie von 1989 bis 1993 an der WWU in Münster, Studium zum Doctor of Pharmacy an der University of Florida 2006-2009. Inhaber dreier Apotheken in Münster und im Münsterland. Wissenschaftliches Mitglied und Mitinitiator der WestGem-Studie (MTM und sektorübergreifende Versorgungsforschung bei multimorbiden Patienten) in Zusammenarbeit mit der Bergischen Universität Wuppertal und der KatHO-NRW. Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitskreis von Prof. Jaehde in Bonn.

Olaf Rose, Apotheker, Doctor of Pharmacy (USA), Elefanten-Apotheke, Steinstr. 14, 48565 Steinfurt





Isabel Waltering Studium der Pharmazie von 1987 bis 1992 an der WWU in Münster, Referentin für verschiedene Apothekerkammern im Bereich Fort- und Weiterbildung. Studium an der Universtiy of Florida, Gainesville mit dem Abschluss PharmD. Prüfungsausschuss Geriatrische Pharmazie (AKWL und LAKBW), Wissenschaftliches Mitglied und Mitinitiatorin der WestGem-Studie (MTM und sektorübergreifende Versorgungsforschung bei multimorbiden Patienten) in Zusammenarbeit mit der Bergischen Universität Wuppertal und der KatHO-NRW. Mitarbeiterin in der Ludgeri-Apotheke in Billerbeck. Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitskreis von Prof. Jaehde in Bonn.

Isabel Waltering, Doctor of Pharmacy (USA), Siemensstraße 9, 48301 Nottuln


Professor Dr. Hartmut Derendorf ist Distinguished Professor und Chairman des Departments of Pharmaceutics an der University of Florida in Gainesville, wo er seit 1983 Pharmakokinetik, Pharmakodynamik und Klinische Pharmakokinetik lehrt. Er publizierte bisher über 380 wissenschaftliche Arbeiten und ist Co-Editor von fünf internationalen Fachjournalen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Pharmakokinetik und Pharmakodynamik von Corticosteroiden und Antibiotika. Er war Präsident des American College of Clinical Pharmacology und der International Society for Anti-infective Pharmacology. Professor Derendorf wurde für herausragende Forschungsleistungen auf dem Gebiet der Klinischen Pharmakologie mit dem Distinguished Investigator Award des American College of Clinical Pharmacology (ACCP) 2010 ausgezeichnet. Im gleichen Jahr wurde ihm auch der Volwiler Award verliehen, die höchste Forschungsauszeichnung der amerikanischen Hochschulpharmazie.

Prof. Dr. Hartmut Derendorf, Distinguished Professor and Chairman, Department of Pharmaceutics, University of Florida, 100494, College of Pharmacy, 1600 SW Archer Road, P3-27, Gainesville, FL 32610




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DAZ 2012, Nr. 16, S. 60

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