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Ungeeignete Arzneimittel im Alter: Frauen besonders gefährdet

BERLIN (svs). Im Jahr 2011 bekam jeder vierte Patient über 65 Jahren mindestens ein Arzneimittel verschrieben, das für ihn potenziell gefährlich ist. Zu diesem Ergebnis kommen Auswertungen der Techniker Krankenkasse (TK) und des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Zur Beurteilung der Arzneimittel wurde die Priscus-Liste herangezogen, in der 83 Wirkstoffe verzeichnet sind, auf die im Alter möglichst verzichtet werden sollte.

Bei alten Menschen verändern sich der Stoffwechsel, die Verteilung im Körper und die Ausscheidung einiger Wirkstoffe so stark, dass gehäuft Nebenwirkungen auftreten. Deshalb fällt das Nutzen-Risiko-Verhältnis zahlreicher Arzneimittel für die Therapie von alten Patienten negativ aus. "Je älter ein Arzt ist, desto häufiger verordnet er Wirkstoffe, die für ältere Patienten gefährlich werden können", sagt Gisbert W. Selke, Arzneimittelexperte beim WIdO. Das Institut vermutet, dass jüngere Ärzte besser über die aktuellen Erkenntnisse und Besonderheiten von Arzneimitteln informiert seien. Darüber hinaus seien es häufiger männliche Ärzte, die Wirkstoffe von der Priscus-Liste verordnen, ergänzt Selke.

Neue Bundesländer haben die Nase vorn

Die Analysen des WIdO decken noch weitere Zusammenhänge auf: "Im Vergleich der Bundesländer erhalten Patienten in den alten Bundesländern deutlich häufiger Wirkstoffe, die auf der Priscus-Liste stehen", so Gisbert W. Selke. Die höchsten Patientenanteile gebe es in Rheinland-Pfalz (27,4 Prozent) und dem Saarland (27,1 Prozent). Nur Bremen liege mit 21,6 Prozent auf dem Niveau der neuen Bundesländer. Hier erhalte nur etwa jeder fünfte Patient mindestens einen der potenziell gefährlichen Wirkstoffe, heißt es vom WIdO.

"Frauen nehmen besonders häufig Wirkstoffe ein, die für ältere Menschen ungeeignet sind", sagt Jürgen Klauber, Geschäftsführer des WIdO. Unter den 20 am häufigsten verordneten Wirkstoffen der Priscus-Liste im Jahr 2011 fand das WIdO vor allem Schmerzmittel, Antidepressiva und Arzneimittel zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der mit mehr als 22 Millionen Tagesdosen am häufigsten an AOK-Patienten über 65 Jahren verordnete Wirkstoff sei das Bluthochdruckmittel Doxazosin gewesen. Den zweiten Platz nehme Amitriptylin ein. Von den knapp 20 Millionen Tagesdosen sei das Antidepressivum drei Mal so häufig Frauen wie Männern verschrieben worden. Auf Platz drei der am meisten verordneten Wirkstoffe aus der Priscus-Liste stehe Etoricoxib, von dem über 13,4 Millionen Tagesdosen abgegeben wurden. Auch dieses Rheumamittel werde deutlich häufiger an Frauen verschrieben – sie nehmen mehr als doppelt so viel Etoricoxib wie die Männer ein, ermittelte das WIdO.

Kassen setzen auf Information

Krankenkassen wollen ältere Patienten vor der Einnahme ungeeigneter Arzneimittel in Zukunft besser schützen: Die AOK schreibt zurzeit gezielt Ärzte an, die häufiger als ihre Fachkollegen Arzneimittel aus der Priscus-Liste verordnen, um sie für dieses Thema zu sensibilisieren. Außerdem bietet die AOK eine pharmakotherapeutische Beratung an. Dafür wird durch die Hilfe eines vom WIdO entwickelten Software-Programms zunächst das Verordnungsspektrum eines interessierten Arztes analysiert. Daraus leitet sodann ein spezialisierter Apotheker Vorschläge für Verbesserungen ab und erläutert diese in einem Gespräch. Auch die TK will Ärzten helfen: Sie hat ihren Arzneimittelreport (AMR) für Niedergelassene um Informationen zur Priscus-Liste erweitert. Der AMR enthält eine Übersicht, die dem Arzt zeigt, welche Medikamente er TK-Versicherten im zurückliegenden Quartal verordnet hat. Auf Verordnungen von Priscus-Medikamenten an Patienten über 65 Jahren wird dabei ausdrücklich hingewiesen. "Mit dem neuen Service möchten wir die Ärzte in ihrem Praxisalltag unterstützen, um mit ihnen gemeinsam eine qualitativ hochwertige Arzneimitteltherapie zu gewährleisten", erläutert Tim Steimle, Apotheker und Fachbereichsleiter "Arzneimittel" bei der TK. Außerdem weist die TK betroffene Patienten auf die Einnahme von Arzneimitteln der Priscus-Liste hin. "Die Patienten können mit dieser Information auf ihren Arzt zugehen und mit ihm mögliche Alternativen besprechen", so Steimle.



DAZ 2012, Nr. 13, S. 29

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