Dermopharmazie

Neues rund um die Haut

Bericht von der GD-Jahrestagung

Das wissenschaftliche Hauptprogramm bei der 16. Jahrestagung der Gesellschaft für Dermopharmazie (GD) am 2. März in Berlin folgte wie gewohnt dem Prinzip, Neuigkeiten aus den verschiedensten Bereichen der Dermopharmazie vorzustellen und dabei einen möglichst breit gefassten Überblick zu bieten. Dazu gehörten wieder die pharmazeutische Technologie, die pharmazeutische Chemie, die Dermatotherapie und Dermokosmetik. Die wissenschaftlichen Tagungsleiter waren Prof. Dr. Christel Müller-Goymann, Braunschweig, und Prof. Dr. Dr.-Ing. Jürgen Lademann, Berlin.

Nanostrukturen und Liposomen

In der Vortragsrunde zur pharmazeutischen Technologie ging es zunächst um Nanoemulsionen. Deren Bedeutung in der Praxis und als Forschungsobjekt steigt weiter, zumal sie durch ihren geringen Tensidgehalt als hautfreundlich gelten. Da sie jedoch nur metastabil sind, sind Techniken zur Charakterisierung und Stabilitätsprüfung bedeutsam. Als Alternative zur verbreiteten Untersuchung durch dynamische Lichtstreuung stellte Prof. Dr. Claudia Valenta, Wien, insbesondere die Transmissions-Elektronen-Mikroskopie (TEM) vor. Bei Raumtemperatur seien Analysen mit begrenzter Aussagekraft möglich. Zuverlässiger sei die TEM nach Kryo-Präparation der flüssigen Nanoemulsionen. Diese Kryo-TEM liefere Strukturbilder der Nanoemulsionen in ihrem nativen Zustand und Informationen über die Homogenität der Proben. So ließen sich auch Beobachtungen über die Entwicklung der Mikrostruktur im Zeitverlauf gewinnen.

Liposomen gelten als geeignete Hilfsmittel zur Verbesserung der Penetration von Arzneistoffen durch die Haut, doch gibt es nach Einschätzung von Prof. Dr. Alfred Fahr, Jena, erst wenige direkte Vergleiche der verschiedenen lipidreichen vesikulären Systeme für bestimmte Arzneistoffe. Bei Untersuchungen an flexiblen Liposomen stellte Fahr fest, dass hydrophile Arzneistoffe und lipidähnliche Arzneistoffe damit besser penetrieren, während lipophile Arzneistoffe weniger profitieren. Kationische Liposomen lieferten für die untersuchten Modellarzneistoffe Carboxyfluorescein und Temoporfin bessere Ergebnisse als neutrale oder anionische Liposomen, doch dies müsse jeweils arzneistoffspezifisch untersucht werden.

Prof. Dr. Rainer H. Müller, Berlin Fotos: DAZ/tmb

Die beiden Themen Liposomen und Nanostrukturen verknüpfte Prof. Dr. Rainer H. Müller, Berlin, in seinem Vortrag über nanostrukturierte lipidische Träger für kosmetische Zubereitungen. Als Nachfolger der Liposomen wurden Anfang der 1990er Jahre zunächst Lipidnanopartikel aus einem festen Lipid (solid lipid nanoparticles, SLN) hergestellt. Ende der 1990er Jahre folgten Nanopartikel aus Mischungen eines festen mit einem flüssigen Lipid bzw. Öl, die aber bei Körpertemperatur noch nicht fest sind (nanostructured lipid carriers, NLC). Letztere wurden 2007 erstmals auf dem kosmetischen Markt als Formulierung für eine Q10-Zubereitung eingeführt (Cutanova®) und werden inzwischen in vielen Produkten genutzt. Lipidnanopartikel bilden ähnlich wie typische Nachtcremes okklusive Filme auf der Haut, haben aber den "leichten Charakter" einer Tagescreme. Denn in den kleineren Partikeln kann die gleiche Lipidmenge dichter als in anderen Zubereitungen gepackt werden und damit einen gleichmäßigen Film auf der Haut bilden, erklärte Müller und bekräftigte dies mithilfe von Untersuchungen an Q10-Zubereitungen.

DNAzym in multipler Emulsion

Dipl.-Ing. Thomas M. Schmidts, Gießen, stellte multiple Emulsionen als Trägersysteme zum Schutz von dermal appliziertem DNAzym vor. DNAzyme sind Antisense-Moleküle, die eine mRNA katalytisch spalten und damit die Synthese des zugehörigen Proteins verhindern können. Als Anwendung bietet sich an, die Bildung des Transkriptionsfaktors GATA-3 zu hemmen, der als Trigger der atopischen Dermatitis gilt. Für dieses DNAzym, ein großes Molekül mit einer Molekularmasse von 13 Kilodalton, sollte eine stabile topische Zubereitung mit etablierten Hilfsstoffen entwickelt werden. Als Ergebnis stellte Schmidts eine Wasser-in-Öl-in-Wasser-Emulsion vor, deren innere Wasserphase den Wirkstoff enthält. Er habe sowohl die Stabilität der Zubereitung als auch die Aufnahme des Wirkstoffes in epidermale Zellen nachweisen können.


Priv.-Doz. Dr. Tim Maisch, Regensburg

Photodynamisch gegen multiresistente Keime

Im Veranstaltungsteil zur pharmazeutischen Chemie präsentierte Priv.-Doz. Dr. Tim Maisch, Regensburg, einen viel versprechenden Ansatz zur Inaktivierung multiresistenter Bakterien bei Wundinfektionen. Bei dieser photodynamischen Methode wird ein photosensibilisierender Farbstoff bevorzugt an den Bakterien, aber nicht im umliegenden Gewebe angelagert und anschließend durch sichtbares Licht aktiviert. Dabei entstehen reaktive Sauerstoffspezies, die die Mikroorganismen töten. Da das Licht jeweils gezielt eingestrahlt wird und der Farbstoff nicht tief eindringt, eignet sich die Methode speziell für lokale oberflächliche Wunden. Zugleich spreche dies für die Sicherheit des Verfahrens. Da die Photosensibilisatoren von Bakterien viel schneller als von humanen Zellen aufgenommen werden, sieht Maisch ein gutes therapeutisches Fenster. Besonders aussichtsreich erscheine dieses physikalische Verfahren, weil Bakterien unabhängig von etwaigen Resistenzen direkt inaktiviert werden. Damit dürften gute Perspektiven zum Einsatz bei nosokomialen Infektionen mit multiresistenten Keimen bestehen. Außer gegen Bakterien soll das Verfahren auch gegen Pilze, Protozoen und Viren einsetzbar sein.


Prof. Dr. Burkhard Kleuser, Potsdam

Neue Wirkstoffkandidaten

Sphingolipide wurden lange Zeit nur als strukturelle Komponenten der Epidermis betrachtet, doch erweist sich Sphingosin-1-phosphat (S1P) als biologisch aktiver Mediator mit vielfältigen Wirkungsmechanismen, wie Prof. Dr. Burkhard Kleuser, Potsdam, erläuterte. Viele dieser Effekte werden über die spezifischen G-Protein-gekoppelten Rezeptoren S1P1R bis S1P5R vermittelt. Über S1P1R inhibiert S1P die Migration von Langerhans-Zellen. Über S1P2R werden die Proliferation von Keratinozyten gehemmt und ihre Differenzierung gefördert. Außerdem wird die Phagozytoseaktivität von Langerhans-Zellen inhibiert. In Tiermodellen habe sich S1P als wirksam gegen das atopische Ekzem gezeigt. Außerdem berichtete Kleuser, dass bei atopischen Hunden deutlich weniger S1P als bei gesunden Tieren gefunden wurde. Offenbar werde S1P bei den kranken Tieren stärker metabolisiert.


Prof. Dr. Dr. Hans-Dieter Höltje, Berlin

Prof. Dr. Dr. Hans-Dieter Höltje, Berlin, stellte neue Thymidin- und Purinderivate zur Hemmung der humanen Polymerase alpha bei Hauttumoren vor. Ausgehend von einem räumlichen Modell der Bindungsstelle der humanen Polymerase alpha, wurden mithilfe des molecular modelling geeignete Liganden simuliert. Für diese Liganden wurden außerdem Berechnungen zur Bindungsenergie vorgenommen, um die Auswahl mit einem anderen unabhängigen Verfahren zu bestätigen. Allerdings gab Höltje zu bedenken, dass in der Biologie noch mehr zu beachten sei. Da die Moleküle stark verzweigt sind, könnte es für sie schwierig sein, an den Wirkort zu gelangen.

Vier Poster prämiert

Die Suche nach einer Dosis und einer geeigneten galenischen Form für die Anwendung eines der von Höltje untersuchten Moleküle bei aktinischer Keratose war Gegenstand eines Posters, das bei der Posterpräsentation mit einem der beiden dritten Plätze ausgezeichnet wurde. Christian Zoschke, Berlin, stellte das Poster als Erstautor vor. Der andere dritte Platz ging an Julia C. Schwarz, Wien, die die Anwendbarkeit der 19 F-NMR zur Auswertung von Tape-Stripping-Untersuchungen demonstrierte. Der zweite Preis wurde für das Poster von Dr. Dorothee Dähnhardt, Flintbek, über eine Evaluation der Barrierefunktion der Haut durch Visualisierung der interzellulären Lipidlamellen mithilfe der TEM vergeben. Den ersten Platz erhielt Friederike Kolditz, Braunschweig, für ein Poster über Untersuchungen zur Wundheilung an einer Keratinozytenzelllinie.


Posterauszeichnung Friederike Kolditz (1. Preis) in der Mitte zwischen Christian Zoschke und Julia C. Schwarz (beide: 3. Preis). Außen die beiden Tagungsleiter Prof. Dr. Christel Müller-Goymann und Prof. Dr. Dr.-Ing. Jürgen Lademann.

Neue Therapieansätze

Die Vortragsreihe zur Dermatotherapie eröffnete Prof. Dr. Maritta Worm, Berlin, mit ihrem Beitrag über Untersuchungen zum Einsatz von Miltefosin in der lokalen Therapie des atopischen Ekzems. Miltefosin ist ein "lipid-raft"-Molekül, das über Veränderungen in der Zellmembran Signaltransduktionswege beeinflussen kann. Es wurde zunächst als antiproliferative Substanz entwickelt und wird für die Behandlung von Hautmetastasen beim Mammakarzinom eingesetzt. Beim atopischen Ekzem zeigte es nach drei Wochen einen deutlichen Effekt, der geringer als der von Hydrocortison war. In der Follow-up-Beobachtung glichen sich die Effekte hingegen an.

Prof. Dr. Albert Rübben, Aachen

Die Pharmakotherapie des malignen Melanoms wurde durch die neu eingeführten Wirkstoffe Ipilimumab und Vemurafenib grundlegend verändert, wie Prof. Dr. Albert Rübben, Aachen, erläuterte. Diese beiden Innovationen waren ein Jahr zuvor bei der GD-Jahrestagung in Vaals ausführlich dargestellt worden. Falls das Melanom eine BRAF-Mutation trägt, sollte nun Vemurafenib eingesetzt werden, anderenfalls die etablierte Therapie mit Dacarbicin, erklärte Rübben. Schreitet die Krankheit unter einer dieser Behandlungen fort, solle Ipilimumab gegeben werden, das zur CTLA-4-Blockade auf Lymphozyten führt. Damit wird die T-Zell-Rezeptor-vermittelte Immunaktivierung verstärkt. Erstmals seit Jahrzehnten führt diese Therapie zu einer statistisch signifikanten Verlängerung der Überlebenszeit. Je nach Vergleich beträgt der durchschnittliche Überlebensvorteil sechs bis neun Monate, doch einige Patienten könnten sogar Jahre mit der neuen Behandlung leben.

pH-Wert und Wundheilung

Dr. Stephan Schreml, Regensburg, stellte dar, wie mithilfe der Lumineszenzbildgebung eine zweidimensionale Darstellung des pH-Wertes und des Sauerstoffpartialdruckes auf menschlicher Haut bzw. einer Wunde gewonnen werden kann. Dabei wird ein farbstoffhaltiger Film auf die Wunde gelegt und mit UV-Licht bestrahlt. Das Bild kann mit einer handelsüblichen Kamera fotografiert werden. Mühsamer ist die vorherige Kalibrierung, mit der die optischen Informationen in pH-Werte bzw. Sauerstoffkonzentrationen übersetzt werden. Mit diesem Verfahren konnte Schreml zeigen, dass Wunden am Rand einen geringen und im Zentrum einen höheren pH-Wert haben. Die Methode erlaubt, den Heilungsverlauf zu verfolgen. Offenbar beeinflusst der pH-Wert die Zellproliferation und die Aktivität von Wundheilungsenzymen, erläuterte Schreml. Noch sei aber ungeklärt, ob der pH-Gradient eine Ursache für das Bestehen einer chronischen Wunde oder eine Folge des Wundgeschehens ist.


Prof. Dr. Wolfgang Gehring, Karlsruhe

Birkenkork als Multitalent zur Wundheilung

Prof. Dr. Wolfgang Gehring, Karlsruhe, stellte Untersuchungen zur Hautschutzwirkung von Betulin-Emulsionen vor. Diese "Betulsionen" enthalten nur Wasser, Jojobaöl und Birkenextrakt und damit keinen Emulgator. Daher würden sie die Barrierefunktion auch nach regelmäßigen Waschvorgängen über sieben Tage nicht schädigen, erklärte Gehring. Bewertungsparameter waren dabei die Hornschichtfeuchtigkeit, der transepidermale Wasserverlust und die dermale Durchblutung. Als weitere Besonderheit machte Gehring deutlich, dass alle Inhaltsstoffe der Betulsionen als Nahrungsmittel zugelassen seien. Dies eröffne Möglichkeiten für den Hautschutz bei Personen, die Lebensmittel verarbeiten.

Doch Zubereitungen aus Birkenkork lassen sich noch für weitere Zwecke einsetzen, wie in einem Firmenseminar zu wundheilenden Effekten dargestellt wurde. Priv.-Doz. Dr. Johanna Brandner, Hamburg, stellte Untersuchungen zur wundheilenden Wirkung eines Trockenextraktes aus Birkenkork am Ex-vivo-Schweineohrmodell vor. Mit einem Extrakt, der Betulin, Lupeol, Oleanolsäure und weitere Triterpene enthält, sei eine beschleunigte Wundheilung gezeigt worden. In Kombination mit Sonnenblumenöl ergaben sich die besten Effekte. Prof. Dr. Irmgard Merfort, Freiburg, präsentierte Untersuchungen zu den möglichen molekularen Grundlagen. Demnach erhöht Betulin die Konzentrationen von proinflammatorischen Zytokinen, Chemokinen und Cyclooxgenase-2 und unterstützt damit die erste entzündliche Phase der Wundheilung. Prof. Dr. Dr. Hans-Robert Metelmann, Greifswald, berichtete über eine Untersuchung an 24 Patienten zur Reepithelialisierung an einer Spalthautentnahmestelle. Demnach beschleunigt ein betulinhaltiges Oleogel die Wiederherstellung der Epitheldecke im Vergleich zur Standardbehandlung. Außerdem sei das kosmetische Ergebnis vorteilhaft.

Über eine klinische Phase-II-Studie, in der eine Zubereitung aus Birkenkorkextrakt in Sonnenblumenöl (Sericare®) getestet wurde, berichtete Dr. Agnes Schwieger-Briel, Freiburg. Die genannte Zubereitung beschleunigte die Wundheilung bei Patienten mit Epidermolysis bullosa, einer seltenen, genetisch bedingten Hauterkrankung, die mit erhöhter Fragilität der Haut verbunden ist und sich daher als Modellerkrankung zum Test von Wundtherapeutika anbietet.


Dr. Tatjana Pavicic, München

Neue Daten für die Bewertung von Kosmetika

Im letzten Vortrag des wissenschaftlichen Hauptprogramms stellte Dr. Tatjana Pavicic, München, Leiterin der GD-Fachgruppe Dermokosmetik, die jüngste Arbeit der Fachgruppe vor: Die im März 2010 veröffentlichte Leitlinie "Dermokosmetika gegen Hautalterung" wurde kürzlich erstmals aktualisiert. Bereits bei ihrer ersten Veröffentlichung hatte diese Leitlinie auch bei Publikumsmedien für große Aufmerksamkeit gesorgt.

Aufbauend auf dem Konzept der evidenzbasierten Kosmetik, werden in der Leitlinie die in Kosmetika enthaltenen Stoffe nach wissenschaftlichen Kriterien bewertet, wie Pavicic erläuterte.

Die Gruppe I.A der Wirkstoffe, deren Wirksamkeit in vivo mit placebokontrollierten Doppelblindstudien belegt wurde, konnte bei der jüngsten Aktualisierung um drei Stoffe erweitert werden: Salicyloyl-Phytosphingosin, niedermolekulare Hyaluronsäure und das neue Tetrapeptid Glycin-Glutein-Lysin-Glycin (GEGK).

In der Kategorie I.B. der Wirkstoffe, deren Wirksamkeit in vivo mit anderen objektivierbaren Methoden belegt wurde, gab es keine Änderungen.

In die Gruppe II mit in vitro belegter Wirksamkeit wurden Phytosterole (Sitosterol) neu aufgenommen.

Außerdem gingen in die Leitlinie neue Studiendaten zu Vitamin-A-Derivaten, Vitamin C, α-Liponsäure und verschiedenen Polypeptidkombinationen ein. Ziel der Leitlinienerstellung ist es, zuverlässige Informationen über Kosmetika bereitzustellen, die gezielte Beratungen zur jeweiligen Fragestellung ermöglichen, so Pavicic.

Über weitere Inhalte der GD-Jahrestagung – ein gesundheitspolitisches Symposium, ein Symposium zu den Folgen der neuen Apothekenbetriebsordnung für die Rezeptur und die Mitgliederversammlung der GD – wurde bereits in der DAZ Nr. 10, Seite 28, 41 und 104 berichtet.


Internet


Alle Leitlinien der GD sind auf der Homepage der GD zu finden:

www.gd-online.de



tmb



DAZ 2012, Nr. 12, S. 105