Interpharm 2012

Kleine Mengen, großer Nutzen

Mikronährstoffe können die Arzneitherapie unterstützen

Vitamin-B12-Ampullen, Coenzym-Q10-Kapseln, Magnesium-Granulat oder Folsäuretabletten – die Apothekenregale sind voll mit Mikronährstoffpräparaten unterschiedlicher Zusammensetzungen und Darreichungsformen. Welcher Patient ist womit am besten versorgt? Apotheker und Nährstoffspezialist Uwe Gröber erklärte, welche Mikronährstoffe arzneimittelbedingte Nebenwirkungen mindern und welche Rolle die Mitochondrien in der Arzneimitteltherapie spielen können. Er geht davon aus, dass die Bedeutung der "mitochondrialen Medizin" weiter zunehmen wird.
Uwe Gröber warnte vor zu hohen Homocysteinspiegeln. Foto: DAZ/Darren Jacklin

Über den Citratzyklus und die Atmungskette bilden Mitochondrien aus Fetten, Kohlenhydraten und Proteinen den Energieträger Adenosintriphosphat (ATP). Wenn im Körper die Anzahl oder die Effektivität der Mitochondrien sinken, nimmt die Leistungsfähigkeit von Zellen in den Muskeln, der Leber oder im Hirn ab. Bei Betroffenen können dann Ausdauer, Stoffwechseltätigkeit und kognitive Leistungen nachlassen. Um dem vorzubeugen, versorgt der Körper die Mitochondrien mit Mikronährstoffen. Auf ein ausreichendes Angebot an Vitamin B12, Calcium oder Coenzym Q10 sind beispielsweise die Enzymkomplexe der Atmungskette angewiesen. Einige Arzneimittel können den Nachschub von Mikronährstoffen stören und so Nebenwirkungen auslösen.

Der Körper bildet Coenzym Q10 und Cholesterin mithilfe desselben Enzyms, der HMG-CoA-Reduktase. Um hohe Cholesterinspiegel im Blut zu senken, hemmen Statine dieses Enzym und damit auch die Bildung von Coenzym Q10. Wenn dadurch zu wenig Coenzym Q10 die Mitochondrien erreicht, können diese nicht genügend ATP produzieren. Das spielt vor allem in Geweben mit einem hohen Energiebedarf, wie Herz oder Skelettmuskel, eine Rolle. Muskelzellen können geschädigt werden, was oft mit Muskelschmerzen und Bewegungsstörungen einhergeht. Um einem Mangel an Coenzym Q10 vorzubeugen, empfiehlt Gröber, zusätzlich zu Statinen Coenzym-Q10-haltige Präparate einzunehmen. Untersuchungen hätten gezeigt, dass mit einer Dosierung von täglich 100 mg Coenzym Q10 bereits bestehende Muskelschmerzen bei Anwendern um 40% gemindert werden können.

Antazida können die Knochen schädigen

Vitamin B12 ist in der Nahrung an R-Proteine gebunden. Diese Bindungen werden unter physiologischen Bedingungen im sauren Magenmilieu gelöst. Das freie Vitamin B12 wird an einen Intrinsic Factor gebunden und anschließend calciumabhängig resorbiert. Auf diese Weise nimmt der Körper 99% des in der Nahrung enthaltenen Vitamin B12 auf. Wird durch Protonenpumpeninhibitoren (PPI) der pH-Wert im Magen dauerhaft erhöht, ist dieser Mechanismus gestört – im Extremfall gelangt lediglich ein Prozent des Vitamin B12 aus dem Magen-Darm-Trakt in den Blutkreislauf. Deshalb rät Gröber, jede PPI-Langzeiteinnahme durch eine Vitamin-B12-Gabe zu ergänzen.

Eine dauerhafte Einnahme von Protonenpumpeninhibitoren wirkt sich nicht nur auf den Vitamin-B12-Blutspiegel aus, sondern auch auf die Verfügbarkeit von Calcium, Vitamin D, Magnesium und Folsäure. Bei einigen Patienten beeinflusst das die Knochenstabilität. Protonenpumpeninhibitoren seien die "besten Knochenbrecher überhaupt", warnte Gröber. Falls nicht genügend knochenwirksame Mikronährstoffe aufgenommen werden können, empfiehlt Gröber, diese zusätzlich zur Nahrung einzunehmen. Vitamin B12, Folsäure und Vitamin B6 können miteinander kombiniert werden, da sie sich gegenseitig in ihrer Wirkung unterstützen.

Um einem Calcium- und Magnesiummangel vorzubeugen, sollten Präparate bevorzugt eingenommen werden, in denen die Mineralien als Salze organischer Säuren vorliegen. Patienten können beide Mineralstoffe gleichzeitig einnehmen, dabei sollte die Calciummenge zwei- bis dreimal so hoch sein wie die von Magnesium.

Häufig sind Folsäure- und Vitamin-B12-Spiegel bei depressiven Menschen erniedrigt. Beide Vitamine beeinflussen die Synthese und die Regulation von Neurotransmittern im Gehirn. Vor allem unter der Therapie mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, wie Sertalin oder Fluoxetin, können täglich 1 bis 2 mg Folsäure und 1 bis 2 mg Vitamin B12 die Therapie unterstützen. Es konnte gezeigt werden, dass Patienten mit einem normalen Folsäure-Status eher auf eine Fluoxetin-Therapie ansprechen als solche mit einem verminderten Folsäurespiegel.

Vitamin B12 kann bei einer Dauertherapie mit Metformin helfen, Nervenschäden durch eine zu hohe Homocysteinkonzentration vorzubeugen. Unter physiologischen Bedingungen stellt Vitamin B12 den Homocysteinspiegel auf einen Bereich zwischen 5 und 9 µmol pro Liter Blut ein. Die calciumabhängige Vitamin-B12-Aufnahme kann jedoch durch Metformin verringert werden. Dadurch nimmt die Vitamin-B12-Konzentration ab, und der Blutspiegel des potenziell zelltoxischen Homocysteins kann über das gesunde Maß steigen. Um die Homocysteinkonzentration auf einem normalen Niveau zu halten und so Neuropathien vorzubeugen, schlägt Gröber vor, jede Metformin-Therapie mit einer Vitamin-B12-Gabe zu begleiten (initial 1000 µg intramuskulär, dann täglich 100 µg oral). Auch hier scheint eine Kombination mit Folsäure und Vitamin B6 geeignet.

Gröber spricht sich dafür aus, Patienten bei bestimmten Medikationen aktiv Mikronährstoffpräparate zu empfehlen. Wenn das gesamte Apothekenteam weiß, wann welche Zusatzempfehlung angebracht ist, könne die viele Patienten davon profitieren.


svs



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DAZ 2012, Nr. 12, S. 100

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