Interpharm 2012

Hilfe für die Leber aus dem Reich der Mitte

Die Leber aus Sicht der Chinesischen Medizin

Die Chinesische Medizin betrachtet den menschlichen Organismus und seine Erkrankungen auf völlig andere Weise als die Schulmedizin. Dr. Fritz Friedl, Gründer und Chefarzt der Silima-Klinik (Silima chin.: Es möge dir wohl ergehen!) in Riedering im Chiemgau stellte in seinem Vortrag Grundzüge der chinesischen Krankheitslehre sowie Arzneidrogen aus dem Reich der Mitte, die gegen Störungen der Leber eingesetzt werden, vor.
Selbst etwas für die Gesundheit tun ist auch mit Blick auf die Leber im Sinne der TCM wichtig und möglich, wie Dr. Fritz Friedl darstellte. Foto: DAZ/Darren Jacklin

Die chinesische Krankheitslehre unterscheidet zwölf verschiedene Funktionskreise, dazu zählen z. B. Herz, Leber und Lunge. Dabei ist jedoch zu beachten, so Friedl, dass der Funktionskreis Leber nicht mit dem Stoffwechselorgan im Sinne der Schulmedizin identisch ist. Vielmehr ist er in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) Bestandteil der Mitte und steht für aktive Prozesse wie Beweglichkeit, Schnelligkeit, Elastizität, Ausdauer, Phantasie und Vitalität. Die Leistungsfähigkeit eines Menschen hängt also sehr stark vom Zustand dieses Funktionskreises ab. Wie die anderen Funktionskreise auch ist der Leber-Funktionskreis mit einem Hauptmeridian verbunden, durch das die Lebensenergie Qi (sprich: Chi) durch den Körper fließt. Die Blockade eines Kanals kann Krankheitssymptome hervorrufen.


Eigeninitiative ist gefragt

Zentraler Bestandteil der chinesischen Krankheitslehre ist es, den Menschen dazu anzuregen, selbst etwas für seine Gesundheit zu tun – im Gegensatz zur Schulmedizin, wo das "Reparaturdenken durch den Profi" im Vordergrund steht. Der Funktionskreis Leber kann durch angemessene sportliche Betätigung, kreatives Handeln oder Gelassenheit gestärkt werden. Negativ dagegen wirken sich übertriebener Ehrgeiz, Unfähigkeit zur Entspannung oder Unzufriedenheit ("Wollen, aber nicht können") auf ihn aus. In der chinesischen Medizin werden zahlreiche, auch schwerwiegende, Erkrankungen mit dem Funktionskreis Leber in Zusammenhang gebracht. Dazu zählen beispielsweise Herpes zoster, Hyperthyreose, metabolisches Syndrom, agitierte Depression und Tumorerkrankungen. Diese unterschiedlichen Sichtweisen können dazu führen, dass ein Patient nach Konsultation eines TCM-Arztes die Diagnose "Störung des Funktionskreises Leber" erhält, während der Schulmediziner nach einem Leber-Ultraschall erklärt, dass mit seinem Stoffwechselorgan alles in Ordnung sei.

In der Schulmedizin gibt es bisher keine großen Studien, die eine leberschützende Wirkung von Substanzen oder Drogen nachweisen konnten, konstatierte Friedl. Dagegen sieht sich die chinesische Medizin durchaus in der Lage, Leberschutz zu praktizieren. Wichtigster Bestandteil einer Leberschutzbehandlung ist die Phytotherapie. Daneben wird auch Wert auf Diätetik, das heißt eine an die Beschwerden angepasste Ernährung, Qi-Gong (um die Lebensenergie zum Fließen zu bringen), Schröpfmassage und Akkupunktur gelegt. Letztere Behandlung ist allerdings nicht sehr nachhaltig; die anfangs sehr gute Wirkung lässt meist schnell wieder nach, betonte Friedl.

"Im Gegensatz zur TCM steht bei der Schulmedizin das Reparaturdenken durch den Profi im Vordergrund."

Dr. Fritz Friedl

Leberschützende chinesische Arzneipflanzen

Es gibt unter den chinesischen Arzneidrogen nicht wenige, die für den Funktionskreis Leber oder auch direkt für das Organ angewendet werden. Wie Friedl berichtete, sind einige von ihnen derzeit auf dem Weg, ins Europäische Arzneibuch aufgenommen zu werden.

  • Von Gastrodia elata, einer Pflanze aus der Familie der Orchidaceae, wird in der TCM die Wurzel verwendet. Zu den Hauptinhaltsstoffen zählen Phenolglykoside. Die Droge ist in der Lage, das Qi abzusenken. Dadurch wirkt sie schmerzstillend und beruhigend und kommt bei unruhigen, ängstlichen Patienten zum Einsatz. Nach Friedls Worten ist sie ein hervorragendes Einschlafmittel. Im Gegensatz zu Hypnotika beobachtet man bei Gastrodia keine Überhangsymptome. Negative Folgen wie eine Erhöhung des Sturzrisikos nach Benzodiazepin-Einnahme, bleiben in diesem Fall aus.

  • Artemisia scoparia (Fam. Compositae) fördert den Blutfluss, wirkt leberprotektiv und entzündungshemmend. Verwendet wird das Kraut, als Hauptwirkstoffe wurden Flavonoide identifiziert. Die Droge kann erfolgreich beim postoperativen Syndrom eingesetzt werden – einem Symptomkomplex, der nach längeren Operationen auftritt und z. B. mit erhöhten Leberwerten verbunden ist.

  • Angelica sinensis ist ein Beispiel dafür, dass die Inhaltsstoffe von chinesischen Arzneidrogen schon recht gut erforscht sind. So wurden in der Wurzel dieser Pflanze Angelicachromene entdeckt, denen eine starke Hemmwirkung auf die Leukotrien- und Prostaglandinsynthese zugeschrieben wird.

  • Rheum palmatum aus der Familie der Polygonaceae ist eine wichtige Pflanze für die Entgiftung. Die Anthrachinone, Hauptinhaltsstoffe von Wurzel und Wurzelstock, wirken bekanntermaßen abführend. Diese Droge kommt in der chinesischen Medizin häufig nach Operationen zum Einsatz, denn die Anregung des Stuhlganges trägt maßgeblich zur Entgiftung bei.

  • Cyperus rotundus (Fam. Cyperaceae) gehört ebenfalls zu den Pflanzen, die den Funktionskreis Leber regulieren. Hervorzuheben ist ihre analgetische Wirkung. Verwendet wird das Rhizom, in dem als Hauptinhaltsstoffe Alpha-Cyperone und Terpene identifiziert wurden.

  • Lysimachia christina, eine Primulacea, wirkt antispastisch und leberprotektiv. Sie ist aber auch in der Lage, die Bewegung von Gallensteinen anzuregen. Daher muss vor ihrem Einsatz geprüft werden, ob beim Patienten ein diesbezügliches Risiko besteht.

  • Bei Anwendung des Rhizoms von Atractylodes macrozephala (Fam. Compositae) verbessern sich die Leberwerte der Patienten deutlich. Außerdem verschwindet das Symptom "klebrige Müdigkeit", das ganz typisch für viele Lebererkrankungen, vor allem Hepatitiden, ist. Hauptinhaltsstoffe sind Sesquiterpene.

Gastrodia elata ist eine von wenigen Pflanzen, die in der chinesischen Phytotherapie als Monotherapeutikum angewendet werden. In den meisten Fällen setzt man Kombinationen ein, um Synergieeffekte zu nutzen. Wie Friedl berichtete, wird bereits in sehr alten Kräuterbüchern darauf hingewiesen, dass sich Pflanzen in Kombinationen aber auch gegenseitig blockieren können.


cb



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DAZ 2012, Nr. 12, S. 96

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