Interpharm 2012

Verhältnis zu Kassen auf dem Tiefpunkt

Apotheker und Krankenkassen im Clinch

"Kassensturz: Apotheker und Krankenkassen – Gegner, Partner, Opfer, Täter?" So lautete der Titel das Vortrages von Prof. Dr. Andreas Kaapke auf der Interpharm in Frankfurt. Das Fazit des bekannten Apotheken-Ökonomen fiel klar und eindeutig aus: Die gesetzlichen Krankenkassen sind "häufig Gegner und in erster Linie Täter". "Kommen Sie zur Einsicht", rief Kaapke den Kassenchefs zu.

Prof. Dr. Andreas Kaapke

Die Krankenkassen hätten von den Apothekern viel Geduld abverlangt, sagte Kaapke mit Blick auf die seit Monaten verschärfte Retaxationspraxis. Aber die vom "AOK-Vorturner" (Christopher Hermann, Vorstandschef der AOK Baden-Württemberg) ausgelöste Kriminalisierung der Apotheker sei weit überzogen, "das geht nicht", sagte Kaapke. "Was muss man für ein Griffelspitzer sein", wenn einige Kassen wegen offensichtlicher Kleinigkeiten Null-Retaxationen durchführten. Als Beispiel nannte Kaapke einen Vorgang der BBK Hoesch: Dort war ein Rezept wegen der Abkürzung "tgl." (für täglich) retaxiert worden: "Was soll tgl. eigentlich sonst heißen", fragte Kaapke kopfschüttelnd.

Auf die Frage eines Interpharm-Gastes rief Kaapke die Verbandsvertreter der Apotheker zu einer offensiveren Gangart bei der Interessensvertretung auf: "Es wäre schön, wenn es mal einen Apotheker-Streik gäbe, wenigstens einen Tag. Dann merken die, dass es Sie gibt." Die ABDA müssen mehr und stärkere Zeichen setzen, "sie sind zu sehr in der Defensive, da schießt man keine Tore." Unter dem Beifall der Zuhörer bezeichnete Kaapke das aus seiner Sicht zögerliche Vorgehen der ABDA mit Blick auf das Champions-League Fußballspiel gegen FC Barcelona als "Leverkusen-Dilemma".

Das sich das Verhältnis von Apotheken zu Krankenkassen deutlich abgekühlt hat, belegte Kaapke anhand von Umfrage-Ergebnissen bei 150 Apothekern: Zwar gehören die Krankenkassen neben dem Großhandel, den Ärzten, EDV-Dienstleistern und Steuerberatern für 75 Prozent der Befragten zu den wichtigen und sehr wichtigen Partnern. Aber ebenfalls 75 Prozent bezeichneten das Verhältnis als schlecht oder sehr schlecht. Mit der Durchschnittsnote 4,1 liegen die Kassen damit nur knapp vor der Politik. Vor fünf Jahren hätten nur 24 Prozent der befragten Apotheker das Verhältnis zu den Kassen als schlecht qualifiziert. Auch der Ausblick bietet keinen Grund zu Hoffnung: 76 Prozent der Apotheker erwarten, dass der Umgang mit den Krankenkassen schwierig bliebt.

Als wichtigsten Grund für das gestörte Verhältnis sieht Kaapke die steigende Zahl von Retaxationen: Das seien "schikanöse Machtspielchen", so Kaapke. Der Apotheken-Ökonom fordert den Gesetzgeber auf, für klare Regeln zu sorgen. Retaxationen stellten einen massiven Eingriff in die betriebswirtschaftliche Kosten- und Leistungsrechnung der Apotheken dar. Vor allem die Retaxation auf Null ist laut Kaapke ein Unding. Er bezeichnete dieses Vorgehen der Kassen als schikanös. Er wies in diesem Zusammenhang auf das Gutachten des Apothekervereins Nordrhein hin, das vom Juristen Dr. Dettling erstellt wurde. Dettling kam zu dem Schluss: einer Retaxation auf Null fehlt es an einer gesetzlichen Grundlage. Die Rechtsprechung des Bundessozialgerichts zur Retaxation auf Null ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar.

Als "verwaltungstechnische Keule und Hürde" bezeichnete Kaapke die Rabattverträge. Die Rabattverträge machten den Apothekern das Leben noch schwerer als es ohnehin schon sei. Vor allem, weil das Apothekenhonorar aus dem Rx-Bereich nicht mehr ausreiche, die Kosten der Apotheke zur Umsetzung des gesetzlichen Auftrages der Arzneimittelversorgung zu decken. "Das ist skandalös", sagte Kaapke. Ökonomisch betrachtet finde in der Apotheke eine "Quersubventionierung von Verwaltungskosten" zwischen dem OTC- und Rx-Bereich statt.

Kaapkes Fazit: Es gibt einige gute Projekte, die zwischen Krankenkassen und Apotheken laufen, aber der Großteil der Apotheker empfindet die Kassen längst nicht mehr als Partner, sondern als Gegner und Täter: "Die Beziehung ist auf einem Tiefpunkt angelangt."


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DAZ 2012, Nr. 11, S. 65

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