Arzneimittel und Therapie

Können Statine die Entwicklung von Depressionen verhindern?

Studie zur Wirkung von HMG-CoA-Reduktase-Inhibitoren

Zur Vorbeugung von Herzinfarkten und Schlaganfällen gehören Statine zu den häufig verwendeten Medikamenten. In einem Stufenplanverfahren hatte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vor etwa einem Jahr zur "Abwehr von Gefahren durch Arzneimittel, Stufe II" als Nebenwirkung von einigen Statinen auch Depressionen festgelegt. Eine deutsch-amerikanische Studie kommt jetzt zu einem unerwarteten Ergebnis. Patienten mit Herzerkrankungen, die Statine einnahmen, hatten ein niedrigeres Risiko für Depressionen als solche ohne Statine.
Ein deutlich reduziertes Depressionsrisiko für Herzpatienten unter einer Statintherapie zeigte sich in einer aktuellen Studie. Der Mechanismus, der dahinter stecken könnte, ist noch nicht geklärt.
Foto: ABDA

Die Wirkung von Statinen als Lipidsenker beruht auf einer kompetitiven Hemmung des Enzyms HMG-CoA-Reduktase im Verlaufe der Cholesterinsynthese. Als Folge einer Statintherapie wird weniger Cholesterin gebildet und es kommt zu einer deutlichen Reduktion an Herzinfarkten und Todesfällen. Allerdings ist auch die Zahl der möglichen unerwünschten Arzneimittelnebenwirkungen beträchtlich. Das BfArM hatte in diesem Zusammenhang "für Arzneimittel mit den Wirkstoffen Atorvastatin, Pravastatin, Fluvastatin, Simvastatin, Lovastatin oder Rosuvastatin mit Bescheid vom 21. März 2011 eine Ergänzung der Produktinformationen mit Hinweisen hinsichtlich der Risiken von Schlafstörungen, Gedächtnisverlust, sexueller Störungen, Depression und interstitieller Pneumopathie als möglichen Klasseneffekten der Statine" angeordnet.

Rückgang des Depressionsrisikos nach längerer Beobachtung

Eine Studie an Patienten mit einer Herzerkrankung kommt jetzt zu einem unerwarteten Ergebnis. An der von Prof. Christian Otte, stellvertretender Klinikdirektor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité, und US-amerikanischen Wissenschaftlern durchgeführten Untersuchung nahmen 965 Personen teil. Über einen Zeitraum von sechs Jahren wurden die 776 Teilnehmer beobachtet, die keine klinischen Zeichen einer Depression aufwiesen. Von ihnen hatten 520 eine Statintherapie erhalten. Während 28% der Patienten aus der Kontrollgruppe ohne Statintherapie im Verlaufe des Beobachtungszeitraums Symptome einer Depression entwickelten, waren es unter einer Statin-Medikation lediglich 18,5%. Somit war das Risiko für die Entwicklung einer Depression unter einer Statintherapie etwa 38% geringer als in der Kontrollgruppe.

Auffallend war auch die unterschiedliche Zunahme in beiden Gruppen: Im Verlaufe des Beobachtungszeitraums stieg das Risiko für die Entwicklung einer Depression in der Kontrollgruppe weiter an, während es unter einer Statintherapie deutlich sank.

Die mögliche protektive Wirkung der Statine gegen Depressionen könnte mit einer Schutzwirkung vor Atherosklerose in den Gefäßen des Gehirns erklärt werden, so die Wissenschaftler. Auch unter Berücksichtigung weiterer Risikofaktoren sank das Depressionsrisiko generell unter der Statintherapie. Weitere Studien sollen jetzt klären, ob Statine bei herzkranken Patienten tatsächlich einen schützenden Effekt haben und ob sich dieser möglicherweise auch für andere Patientengruppen nachweisen lässt. Schließlich seien auch die Mechanismen aufzuklären, die dann zu dieser Wirkung führten.


Quelle
Otte, Chr.; et al.: Statin Use and Risk of Depression in Patients With Coronary Heart Disease: Longitudinal Data From the Heart and Soul Study. J. Clin. Psychiatry 2012; doi:10.4088/JCP.11 m07038; Vorabveröffentlichung vom 21. Februar 2012.
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Bescheid vom 21. März 2011


Dr. Hans-Peter Hanssen



DAZ 2012, Nr. 10, S. 51