Rohertrags-Monitor August/September 2012

Betriebswirtschaftliche Analyse der Entwicklung des Apothekenhonorars

Seit dem 1. Januar 2004, mit Inkrafttreten des GKV-Modernisierungsgesetzes (GMG), gilt die neue Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV) für verschreibungspflichtige Fertigarzneimittel (Rx-FAM), auch Kombimodell genannt. Sowohl der Festzuschlag (von 8,10 Euro) als auch die kaufmännische Komponente (von 3% Aufschlag auf den Apothekeneinkaufspreis) sind seitdem nicht angepasst worden. Nach nunmehr neunjähriger (!) Verweigerung einer Erhöhung wird – endlich – der Apotheken-Festzuschlag zum 1. Januar 2013 um 0,25 Euro je Packung angepasst. Während Wirtschaftsminister Philipp Rösler dazu erklärt: "Mit der Anpassung [sei] die Bundesregierung ihrem nach dem Arzneimittelgesetz bestehenden gesetzlichen Auftrag nach[gekommen], den seit 2004 unverändert geltenden Festzuschlag für verschreibungspflichtige Arzneimittel an die Kostenentwicklung der Apotheken bei wirtschaftlicher Betriebsführung anzupassen" (s. AZ 39 vom 24. 9. 2012), lassen die Ausführungen des Sprechers des GKV-Spitzenverbandes, Florian Lanz: "Es ist nicht einzusehen, dass ausschließlich die gesetzlich Versicherten durch eine Verringerung des Abschlags den Apothekern mehr Geld zahlen sollen, die Kosten für Privatversicherte und Selbstzahler aber […] nicht steigen sollen." (Quelle: DAZ.online vom 2.11. 2012), eher vermuten, dass nicht nur die Apothekerinnen und Apotheker, sondern selbst die Krankenkassen (intern) die Erhöhung als (zu) niedrig bewerten.

Die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen der bis heute unveränderten Honorierungssystematik apothekerlicher Leistungen für die Jahre 2004 bis 2010 sind dem Beitrag "Der Rohertrags-Monitor" (s. DAZ 2011, Nr. 45) zu entnehmen.

Beginnend mit dem Berichtsmonat August 2011 (s. AZ Nr. 47/11) werden die Zahlen – auf Grundlage der von Insight Health* zur Verfügung gestellten Daten – im Zeitablauf regelmäßig für die beiden vorangegangenen Jahre und die bisherigen Monate des aktuellen Jahres im Rohertrags-Monitor fortgeschrieben. Dabei sind grundsätzliche Bemerkungen zur Umstellung der AMPreisV auf Großhandelsebene (jeweils zum 1.1. 2011 und 1.1. 2012) und zur Korrektur des Kassenabschlags aus 2010 darüber hinaus im Rohertrags-Monitor März 2012 (s. AZ 2012, Nr. 19 vom 7. 5. 2012, S. 2) niedergelegt.

Verordnungsrückgang trotz Zunahme der GKV-Versicherten

Während im August – bei gleicher Zahl an Arbeitstagen – etwas über 40.000 Rx-FAM-Packungen weniger abgegeben wurden als im Vorjahresmonat, brach der Absatz im September förmlich ein (vgl. Abb. 1). Mit 44,54 Mio. zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM-Packungen kann dieser Absatzverlust von 8,5% gegenüber September 2011 nicht nur mit einem Werktag weniger erklärt werden. Die Frage, ob die Auseinandersetzungen zwischen den Vertragsärzten und den Krankenkassen (mit angedrohten und teilweise auch durchgeführten Ärztestreiks) zu dieser Entwicklung beigetragen haben, bedürfte sicher einer gesonderten Untersuchung. Auch deshalb, weil die Zahl der gesetzlich GKV-Versicherten nach wie vor wächst. Sie liegt für die ersten drei Quartale des Berichtsjahres im Monatsdurchschnitt um rund 45.780 Versicherte über dem jeweiligen Wert des Vorjahres. Trotz dieses Zuwachses an anspruchsberechtigten Versicherten und trotz der demografischen Entwicklung legte die Zahl der zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM in den ersten neun Monaten des Jahres nur um 0,26% zu. Inwieweit damit eine Trendwende bei den ärztlichen Verordnungen eingeleitet worden ist, werden die nächsten Monate zeigen. 

Abb. 1: Entwicklung der zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM-Packungen in den Monaten Januar 2010 bis September 2012 (Monatsdurchschnitt 2004 = 100).
Quelle Grafiken: Insight Health und eigene Berechnungen

Aufgrund des "Kombimodells" führt eine geringere Zahl an zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM zu einem entsprechend geringeren apothekerlichen Honorar (= Rohertrag aus Festzuschlag). Dabei liegt der stark Kommunikations-bedürftige Anteil an rabattbegünstigten Rx-FAM-Packungen nach wie vor jenseits der 60-Prozent-Marke.

Apothekeneinkauf wächst nach wie vor stärker als Zahl der abgegebenen Packungen

Die Zahl der zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM-Packungen hat im August 2012 gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres geringfügig abgenommen; das zugehörige Einkaufsvolumen ist im selben Zeitraum dagegen um 2,3% gestiegen. Die Abweichung ist im September, wieder im Vergleich zum Vorjahresmonat, weniger stark ausgeprägt. Einem Rückgang der Packungszahl von 8,5% stand eine Minderung des Apothekeneinkaufswertes von 8,2% gegenüber. Im September wurden offensichtlich nicht nur weniger, sondern auch eher preisgünstige Rx-FAM verordnet.

Betrachtet man die ersten drei Quartale des Jahres, so stieg die Zahl der zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM Packungen um 0,26%. Der Apothekeneinkaufswert hat im selben Zeitraum dagegen um 3,6% zugenommen (vgl. Abb. 2). An diesem Wachstum des Einkaufswertes partizipieren die Apotheken mit 3%; im Ergebnis bedeutet dies für die ersten neun Monate gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres einen Rohertragszuwachs aus kaufmännischer Komponente von nicht einmal 1,1 Promille.


Abb. 2: Entwicklung der Apotheken-Einkaufswerte der zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM in den Monaten Januar 2010 bis September 2012 (Monatsdurchschnitt 2004 = 100).


Der durchschnittliche Einkaufswert (lt. AMPreisV) liegt in den ersten neun Monaten des Jahres um 23,9% (vgl. Tabelle) über dem entsprechenden Vergleichswert des Ausgangsjahres (Basisjahr 2004). Im selben Zeitraum ist die Zahl der zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM-Packungen um 10,6% gewachsen. Im Ergebnis bedeutet dies, dass der Apothekeneinkaufswert für zulasten der GKV verordnete Rx-FAM im betrachteten Zeitraum mehr als doppelt so schnell gewachsen ist wie die Zahl der zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM Packungen.


Durchschnittliches GKV-Rx-FAM
2004
(1)
Sept. 2012
(2)
Jan. – Sept. 12
(3)
(3) – (1)

(4)
(4) in % (1)

(5)
Verkaufspreis laut AMPreisV
42,19 €
52,84 €
51,84 €
9,64 €
22,9%
./. Kassenabschlag
2,00 €
2,05 €
2,05 €
0,05 €
2,5%
= GKV-Abrechnungspreis (brutto)
40,19 €
50,79 €
49,79 €
9,59 €
23,9%
./. Mehrwertsteuer
5,54 €
8,11 €
7,95 €
2,40 €
43,4%
= GKV-Abrechnungspreis (netto)
34,65 €
42,68 €
41,84 €
7,19 €
20,7%
Apo.-Rohertrag aus Festzuschlag
6,38 €
6,38 €
6,38 €
0,00 €
0,0%
Apo.-Rohertrag, kfm. Komponente
0,82 €
1,05 €
1,03 €
0,21 €
25,1%
./. Apo.-Rohertrag insges. (gem. AMPreisV)
7,20 €
7,43 €
7,41 €
0,21 €
2,9%
= Apothekeneinkaufswert
27,45 €
35,25 €
34,43 €
6,98 €
25,4%
./. Großhandelsmarge
*
1,61 €
1,59 €
*
*
= ApU (Abgabepreis des pharm. Untern.)
*
33,64 €
32,84 €
*
*
* ApU (bzw. HAP) liegt für 2004 nicht vor; Quelle: Insight Health und eigene Berechnungen; Hü. ©

Apothekenrohertrag im Dauertief

Der Rohertrag der Apotheken aus zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM in Prozenten des Umsatzes (= Betriebshandelsspanne) hat im August, mit 14,55%, ein Allzeittief erreicht. Trotz einer leichten Erholung im September (14,64%), unterschreitet die monatlich ermittelte Handelsspanne (laut AMPreisV) mit 14,88% im bisher abgelaufenen Jahr die 15-Prozent-Marke bereits zum fünften Mal in Folge (vgl. Abb. 3). Mit einem Ende dieser desaströsen Abwärtsentwicklung kann bis zum Jahresende nicht gerechnet werden. 

Abb. 3: Betriebshandelsspanne aus zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM in % des Bruttoumsatzes in den Monaten Januar 2010 bis September 2012 (Vergleich: Jahresdurchschnitt 2004).

Mehrwertsteuer bleibt Kostentreiber

Der durchschnittliche Preis der im Jahresdurchschnitt 2004, im September d. J. und in den ersten neun Monaten 2012 zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM-Packungen sowie die wertmäßigen Anteile der Wertschöpfungsstufen und deren Entwicklung seit 2004 sind der Tabelle zu entnehmen. Bei einem Zuwachs des Apothekeneinkaufswertes je abgegebener Rx-FAM-Packung von aktuell 25,4% (bzw. um 6,98 Euro) stieg der GKV-Abrechnungspreis (ohne MwSt.) nur um 20,7% (bzw. um 7,19 Euro), weil die Apothekenmarge gerade einmal um nur 2,9% (bzw. um 21 Cent) gegenüber 2004 angewachsen ist. Kostentreiber Nummer eins ist nach wie vor die Umsatzsteuer, die im Vergleichszeitraum um 2,40 Euro (und damit mehr als 11 Mal (!) stärker als der Apothekenrohertrag) gestiegen ist. 

* Insight Health ist ein führender Informationsdienstleister im Gesundheitsmarkt mit einem breiten Portfolio datenbasierter Services zur Markt- und Versorgungsforschung. Der Erfolg von Insight Health liegt in der Bereitstellung individueller Lösungen für die pharmazeutische Industrie, Krankenversicherungen, Ärztevereinigungen, wissenschaftliche Institute, Behörden, Politik und weitere Entscheider im Gesundheitsmarkt. Weitere Informationen über Insight Health finden Sie unter www.insight-health.de.


Rohertrags-Monitor


Die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen der Honorierungssystematik apothekerlicher Leistungen für die Jahre 2004 bis 2010 sind nachfolgendem Beitrag zu entnehmen:

Der Rohertrags-Monitor

Beginnend mit August 2011 werden die Zahlen im Zeitablauf regelmäßig fortgeschrieben. Sie finden den Rohertrags-Monitor …

August 2011 in AZ 2011, Nr. 47, S. 2
September 2011 in AZ 2011, Nr. 49, S. 2
Oktober 2011 in AZ 2011, Nr. 51– 52, S. 2
November 2011 in AZ 2012, Nr. 1– 2, S. 2
Dezember 2011 n AZ 2012, Nr. 7, S. 6
Januar 2012 in AZ 2012, Nr. 13, S. 3
Februar 2012 in AZ 2012, Nr. 17, S. 4
März 2012 in AZ 2012, Nr. 19, S. 2
April 2012 in AZ 2012, Nr. 23, S. 4
Mai 2012 in AZ 2012, Nr. 28, S. 4
Juli 2012 in AZ 2012, Nr. 36, S. 4


Dipl.-Math. Uwe Hüsgen,
langjähriger Geschäftsführer des
Apothekerverbandes Nordrhein e.V., Essen,
E-Mail: uwe.huesgen@web.de



AZ 2012, Nr. 49, S. 4

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