Gesundheitspolitik

Grippeimpfstoffe für den Norden

Impfstoff verzweifelt gesucht

HAMBURG/KIEL (tmb). Die Versorgung mit Grippeimpfstoff für Hamburg und Schleswig-Holstein ist weiterhin problematisch. In der vorigen Woche hat der Ausschreibungsgewinner Novartis Impfstoffe an Apotheken und Großhändler geliefert, doch sprechen Apotheker und Ärzte von einer "tröpfchenweisen" und nicht von einer flächendeckenden Versorgung. Daraufhin haben der Hamburger Apothekerverein und die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg (KVH) am 4. Oktober in einer gemeinsamen Erklärung erneut die Freigabe der Versorgung mit verfügbaren Impfstoffen anderer Hersteller gefordert.

Gemäß einer Umfrage des Hamburger Apothekervereins hatte Sanacorp bis zum Mittag des 2. Oktober als einziger Großhändler im Versorgungsgebiet Grippeimpfstoffe erhalten – 12.000 Impfdosen Optaflu für die Niederlassung in Hamburg und 2000 Impfdosen Optaflu für die Niederlassung in Lübeck. Drei weitere Großhändler seien dagegen bis dahin leer ausgegangen. Aus den Lieferungen an Sanacorp seien die Apotheken beliefert worden, die ihre Bestellungen auf Optaflu geändert hätten, erklärte Dr. Jörn Graue, Vorsitzender des Hamburger Apothekervereins. Weitere Apotheken wurden direkt beliefert. Insgesamt sollen nach Angaben der AOK Rheinland/Hamburg über 100.000 Impfdosen ausgeliefert worden sein. Doch es würden etwa 700.000 Impfdosen für 2000 Ärzte in Schleswig-Holstein und 1500 Ärzte in Hamburg benötigt, so Graue. Wie viele Impfstoffe bisher genau ausgeliefert wurden, können die Verbandsvertreter nicht beziffern. Doch der Hamburger Apothekerverein und die KVH erklärten am 4. Oktober, eine flächendeckende Grippeimpfung sei noch nicht möglich.

Ärzte fühlen sich getäuscht

Schon seit Wochen hatten Ärzte und Apotheker vor einem drohenden "Impfchaos" gewarnt. Dr. Monika Schliffke, Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH), erklärte am 2. Oktober: "Nachdem wir nun seit Tagen vertröstet wurden, informieren die Kassen die Öffentlichkeit heute vollmundig, dass unterdessen genug Impfdosen vorhanden seien. Das ist eine bewusste Täuschung." Denn die KVSH habe festgestellt, dass die Impfstoffe nur vereinzelt in den Apotheken vorliegen. Anstatt zu dem Problem zu stehen, würden die Kassen falsche Eindrücke erwecken. Patienten würden das nicht verstehen und in einigen Fällen sogar den Arzt für die Situation verantwortlich machen. Diese deutlichen Worte der Ärzte fanden in der vorigen Woche Resonanz bei den Publikumsmedien. Radiosendungen, Zeitungen und deren Online-Dienste im Norden berichteten über die Stellungnahme der Ärzte und über wartende Apotheker.

Freigabe gefordert

Am 4. Oktober legten die Ärzte und Apotheker noch einmal nach. Der Hamburger Apothekerverein und die KVH forderten in einer gemeinsamen Presseerklärung mit dem Titel "Kein Ende des Impfchaos in Sicht!" ausdrücklich die Freigabe der Belieferung mit Grippeimpfstoff. Ärzte und Apotheker kritisierten auch in dieser Erklärung, dass die Kassen bereits zur flächendeckenden Grippeimpfung aufgerufen hätten, obwohl die Lieferungen dies nicht ermöglichen würden. "Das Ganze hat den Charakter von Losgewinnen und ist ein unwürdiges Spiel für Versicherte, Apotheker und Ärzte," erklärte Graue und forderte, in Zukunft wenigstens bei Impfstoffen auf Ausschreibungen zu verzichten. "Es kann doch nicht sein, dass ökonomisches Kalkül vor Versorgung geht", erklärte Walter Plassmann, stellvertretender Vorsitzender der KVH.

Am selben Tag veröffentlichte Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorsitzender der Vertreterversammlung der KVH, einen offenen Brief an die AOK Rheinland/Hamburg. Darin erklärte Hofmeister, der Beginn der Impfungen sei verbindlich für die 39. Kalenderwoche vereinbart gewesen. Doch auch in der 40. Kalenderwoche müssten Ärzte weiterhin Patienten wegschicken, die auf die Informationen der Kassen vertraut hätten. Für die Ärzte sei nur relevant, ob sie ausreichend Impfstoff haben. Alles andere seien "mehr oder minder durchsichtige juristische Hinhaltemanöver, die nichts mit Versorgung zu tun haben", so Hofmeister. Daher würden die Ärzte nun, wie schon vor drei Wochen, fordern, die Grippeimpfstoffe für diese Saison freizugeben.



AZ 2012, Nr. 41, S. 1

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