Wirtschaft

Apotheker – der gequälte Beruf

Zwischen Honorarfragen, Selbstverständnis und Zukunftsperspektiven –

Ein Meinungsbeitrag von Reinhard Herzog

Glaubt man den Foren und Internetplattformen, gärt es gewaltig in der Apothekerschaft. Honorardiskussion, AMNOG, ApBetrO, groteske Regulierungswut und eine nicht mehr durchschaubare Komplexität im Apothekenalltag, der die Menschen zu hundert Prozent von einem Kasten namens Computer abhängig macht: Es hat sich einiges aufgestaut!

Schaut man dagegen in die Praxis, dann legt sich dieser Sturm schon wieder. Das, was Sie im Internet lesen, ist mitnichten ein repräsentativer Meinungsquerschnitt, eine wichtige Erkenntnis.

Trotzdem – der kundige Beobachter spürt: Der Berufsstand stößt an Grenzen, ist zunehmend "ausgepowered", lustlos, enttäuscht, voller Zukunftsangst, Wut oder auch schlicht nur noch geldfixiert ("Hauptsache, für mich reicht es noch"), je nach Positionierung. Zwar finden sich diese Symptome auch in anderen Bereichen der Gesellschaft. Aber bei den Apotheken ist alles etwas anders, nuancierter, spezieller und angesichts der besonderen Rechtslage etwas skurriler.

Apothekerinnen und Apotheker – wir sind schon ein lustiges Völkchen

Wir schreien nach Regulierungen und Fesseln aller Art, aber bitte nicht zu fest. Folgerichtig werden die Honorare und Vergütungen vielfach nicht mehr als solche, sondern als "Schmerzensgeld" wahrgenommen.

Die Mehrheit versteht trotz Kaufmannseigenschaft nicht, wie ihre Preise und Margen zustande kommen und woran man etwas (nicht) verdient. Und so kann man ihnen sogar noch für gutes Extra-Geld ihre eigenen Rechnungen erklären.

Wir treten Clubs bei, die uns erst mehrere hundert Euro oder gar noch mehr abknöpfen, um uns dann auf verschlungenen Wegen vielleicht wieder eine gewisse Summe zurückzuerstatten.

Ob Radiowerbung in einem Sender, der nur eine Handvoll Zuhörer an der Debilitätsgrenze hat, lustige Einkaufswagenchips, überteuerte, elektronische Gimmicks aller Art oder Mobiliar, andernorts "für’n Appel und ‘n Ei" zu haben – in den Apotheken findet das immer noch Abnehmer, wo die Vertreter in anderen Läden schon längst mit einem gepflegten Tritt in den Achtersteven verabschiedet wurden.

Angst ist das Erfolgselixier – für Andere! Ob mit der Angst vor der Revision, den Kostenträgern, vor Konkurrenten, dem leer stehenden Laden nebenan, den Ärzten, der Furcht um das Ersparte: Wer die Taste "Angst" zu bedienen weiß, darf auf besonders gute Geschäfte bauen.

Das sind einige Splitter aus der Apothekenwelt, nicht umfassend, aber symptomatisch, wie die Attribute und Anekdoten im Kasten unten. Doch wie konnte es so weit kommen? Und wie soll es in der Zukunft weitergehen?


Begriffe und Anekdoten rund um die Pharmazeuten


"Schubladenzieher"

"Pillenverkäufer"

"Pillendreher"

"Apothekenpreise"

"Apotheker – Beruf der verpassten Chancen"

"Es wird die Aufgabe gestellt, das Telefonbuch auswendig zu lernen. Die Meisten würden fragen, warum eigentlich. Der Pharmazeut fragt, bis wann."


"Wenn morgen eine Vorschrift erlassen würde, Apotheker hätten sich das linke Ohr abzuschneiden, dann wären kurze Zeit später die Leserbriefspalten voll: Warum? Weswegen nicht das rechte Ohr? Und vieles mehr. Aber glaube mir: Das linke Ohr liegt sauber daneben!"


"Apotheken dürfen ab morgen unbegrenzt Geld drucken. Wir haben uns einmal einige fiktive Fragen ausgemalt, die mit ziemlicher Sicherheit gestellt würden:

  • Ist Geld eine apothekenübliche Ware nach ApBetrO?

  • Wie muss das QMS aussehen, und gibt es bereits einen vorgefertigten Dokumentationsordner?

  • Wie rechne ich das Gelddrucken ab? Gibt es 8,10 Euro für jeden Schein unabhängig von seinem Wert?

  • Müssen beim Arbeiten Handschuhe und Mundschutz getragen werden?

  • Der Lieferant der Druckfarben liefert kein Prüfprotokoll nach Arzneimittelgesetz mit. Darf ich trotzdem drucken?

  • Benötige ich eine Kammer-Zertifizierung?

  • Darf meine PTA auch die Gelddruckmaschine bedienen?

  • Wie wird sichergestellt, dass die Maschine des Kollegen gegenüber nicht schneller läuft, und wer kontrolliert das?

  • Bin ich beim Drucken an die Ladenöffnungszeiten gebunden?

  • Darf ich auch im Notdienst drucken?"

Die Fakten

Machen wir vorab einen kurzen Fakten-Check. So hat der Netto-Apothekenumsatz von 2004 bis 2011 um rund 25% zugelegt, und auch der Rohertrag, die entscheidende Größe, ist absolut um etwa 14% gewachsen bei kaum veränderten Apothekenzahlen. Das vor dem Hintergrund, dass die Bedeutung des OTC- und OTx-Segmentes zurückgegangen ist, in der Offizin noch stärker als im Gesamtmarkt, wofür der Versandhandel mitverantwortlich ist. Tendenziell sind zudem die OTC-Roherträge gesunken durch schlechtere Rabatte und stärkere Preisaktivitäten. Folglich müssen die Erträge aus verschreibungspflichtigen Packungen zugelegt haben, und sie haben es: je nach Datenquelle (deshalb machen hier "nachkommagenaue" Angaben keinen Sinn) um etwa 12% bis 14%, das entspricht tatsächlich in etwa der Inflationsrate. Insoweit haben die Apotheken ihren Inflationsausgleich – müssen dafür aber deutlich mehr Packungen, nämlich ebenfalls rund 10% bis 12% mehr, umsetzen. Daran entzündet sich der ganze Streit: Reicht es, einfach nur einen inflationsgemäß gewachsenen Kuchen aufzuteilen, der mehr Packungen umfasst, sprich, dafür müssen die Apotheken eben mehr arbeiten? Oder besteht Anspruch auf eine packungsgenaue und inflationsbereinigte Honoraranpassung? Und wie sieht es dann mit dem Gesamteinkommen unter Betrachtung der Kostenentwicklung aus? Damit vermischen sich viele unterschiedliche Dinge. Eine solche Diskussion zu gewinnen ist schwer.

Zumal sie an der Basis ganz anders erlebt wird. Viele können die Zahlen nicht nachvollziehen, und dafür gibt es gute Gründe:


Die Rabatte, unter dem Strich doch ein wichtiger Bestandteil des "Cashflow" einer Apotheke, sind unter die Räder gekommen und wurden vielfach völlig neu "ausgewürfelt" – mit vielen Verlierern. Dass die Kleineren dabei meist überproportional benachteiligt sind, liegt auf der Hand, doch stellen sie immer noch einen großen Teil der Betriebe.


Noch wenig wird die Umsatzverteilung der Apotheken sowie die Verteilung auf einzelne Inhaber mit bzw. eben ohne Filialen in ihrer ganzen Bedeutung erfasst. So machen die 98% der Apotheken, die unter der 3 Mio. Euro-Schwelle liegen, nur gut 75% des Umsatzes. Lediglich 2% der Betriebe vereinigen fast ein Viertel des Marktes auf sich! Betrachtet man die Filialagglomerationen und die Verteilung auf einzelne "Köpfe", schreitet die Spaltung noch weiter voran. Wir erleben eine Zerlegung und Re-Agglomeration, ja eine Art neue Feudalherrschaft. "Erbhöfe" entstehen, Wettbewerb wird lokal ausgeschaltet bzw. durch wenige Player diktiert. Von wenigen wird so viel Geld verdient wie nie zuvor.


Auch innerhalb des Marktes setzt sich die Zersplitterung fort: Ob Versand (über 1 Mrd. Euro), Spezialrezepturen (über 2 Mrd. Euro, die sich auf wenige hundert Betriebe mit zunehmender Konzentrationstendenz verteilen), Ausschreibungen für Hilfsmittel oder Impfstoffe, die "Blister-Industrie" – ganz erhebliche Summen werden den typischen Apotheken entzogen, sind aber im "Gesamtkuchen" enthalten. Durchschnittswerte verlieren so ihre Bedeutung.


Ob man bei dieser Sachlage gut beraten ist, anhand der statistischen "Otto-Normal-Apotheke" zu argumentieren, muss bezweifelt werden. Ein kluger Ansatzpunkt wäre sicher der Kassenrabatt, denn hier kann man, ohne sich in der Statistik zu verstricken, sehr klar und stringent den Zusatzaufwand, den ein GKV-Rezept gegenüber einem "üblichen" Rezept anno 2004 bedeutet, herausarbeiten. Sachlogisch wäre also ein GKV-Zuschlag zu fordern, anstatt Rabatt zu gewähren, doch dazu an anderer Stelle mehr.

Trotzdem wären andere Branchen froh um solche Zahlen. Vielleicht muss man sich von dem Wachstumsmärchen "Gesundheit" verabschieden. Das Wachstum resultiert entgegen verbreiteter Auffassung nur wenig aus dem demografischen Effekt (allenfalls etwa 1% jährlich lassen sich so erklären), sondern aus dem medizinisch-technischen Fortschritt und speziell bei den Apotheken aus höheren Packungspreisen. Das stößt zunehmend an Grenzen. Der OTC-Markt ist dagegen im Wesentlichen gesättigt. Wachstumsschübe lassen sich also nur in neuen Märkten erzielen (z. B. gesundheitsassoziierte Elektronik, Kommunikationstechnik, Medizintechnik und Diagnostik), aber eine Standesführung, die schon mit der Körperpflege Probleme hat – was für eine Ironie, dass just Schlecker pleiteging! – tut sich mit der Erschließung neuer Märkte offenkundig schwer.

Der Spruch: "Apotheker – Beruf der verpassten Chancen" erhält so seine Bestätigung und liefert bereits einen Erklärungsansatz für die heutigen Sorgen.

Denn inzwischen hat sich die Tätigkeit in der Apotheke zu einem regelrechten "Schraubstock-Beruf" entwickelt, der auf die Stimmung schlägt und das Denken negativ beeinflusst.

Die heutige Apotheke – fest eingespannt im Schraubstock. Leider drehen etliche Apotheker(innen) selbst mit, und oftmals nicht in die richtige Richtung …

Fest eingespannt zwischen Regularien und Gesetzen, der Missgunst der Kollegenschaft untereinander ausgesetzt, abhängig vom Wohlwollen der Politik, Kostenträger und Ärzte, ausgenommen wie die Weihnachtsgans von zahlreichen "Partnern", die vor allem den eigenen Vorteil sehen, entmündigt von einer grotesken Bürokratie und in der täglichen Praxis von einem Computer bevormundet, was Befürchtungen vor der Automatisierbarkeit realistisch erscheinen lässt: Wo hier noch großer Raum für Spaß an der Arbeit bleiben soll, können wohl nur Masochisten erahnen.

Damit verschiebt sich die Honorarfrage auf eine andere Ebene. Es geht um Geld, gewiss, aber nicht nur. Anerkennung und die Sinnfrage stehen im Raum, auch schlicht die Achtung eines akademischen Berufsstandes. Geld kann da nur eine gewisse Kompensation sein und ist, wenn man nicht aufpasst, eben nur "Schmerzensgeld".

Und die Zukunftsperspektiven?

Wie lassen sich aus einer solchen Ausgangslage Zukunftsperspektiven formen? Zuerst, indem man den Blick in die Zukunft wagt: Wie sehen Therapien in zehn, zwanzig Jahren aus? Was heißt das für die Märkte, was verschwindet, was formiert sich neu? Eine solche "Zukunftswerkstatt" ist für eine 40 Mrd. Euro-Branche essenziell.

Zudem sind einige grundsätzliche Vorstellungen neu auszutarieren: Welchen Stellenwert haben Freiheit, Wettbewerb, Sicherheit? Wollen wir uns immer mehr Gepäck aufladen, sprich einer fortschreitenden Überregulierung zusehen oder ihr gar zuarbeiten? Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren, das sagte schon Benjamin Franklin.

Wie soll das Gesundheitswesen der Zukunft aussehen? Welche Rolle kommt der Eigenverantwortung des Einzelnen zu? Müssen Arzneimittel wie heute mehrheitlich von der GKV erstattet werden? Themen, in die sich ein Berufsstand aktiv einbringen muss! Hier hilft der Seitenblick zu anderen Gesundheitsberufen, namentlich den Zahnärzten (leben zu guten Teilen von Privatleistungen, nach langen Kämpfen bereits in den 1990er Jahren!) und den Optikern (haben den Erstattungsausschluss von Brillen erstaunlich gut überstanden!).

Was wollen wir künftig tun? Mit dem Leistungskatalog (LEIKA) sind zögerliche Schritte in eine richtige Richtung gegangen worden. Sie müssen mit Leben erfüllt werden.

Welche Perspektiven eröffnen wir für den Nachwuchs außerhalb von Erbhöfen und Teilzeittätigkeit? Die ernsthafte Beschäftigung mit dieser Frage wird manches infrage stellen müssen. Rechts und links der klassischen Pharmazie sind bereits eine Reihe pharma-affiner Studiengänge entstanden, ob Pharmatechnik, Pharmazeutische Biotechnologie, Angewandte Pharmazie u. a. m.

Wie fördern wir eine Vertrauens- anstatt einer Kontrollkultur? In einem deregulierten System klarer, einfacher Regeln lassen sich übrigens im Gegenzug offenkundige Betrugs- und Missbrauchsfälle konsequent und durchaus härter als heute ahnden.

Die Apotheken haben viele Baustellen zu bearbeiten. Gehen wir sie möglichst rasch an, damit wieder Geld verdient und nicht weiter vor allem Schmerzensgeld verteilt wird.


Dr. Reinhard Herzog, Apotheker,
72076 Tübingen,
E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de



AZ 2012, Nr. 39, S. 6

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