Gesundheitspolitik

Schwarz-Gelb wird zum Albtraum der Apotheker

Saar-Apotheker hoffen auf Unterstützung von SPD-Minister Maas gegen FDP-Chef Rösler

SAARBRÜCKEN (hs). Im Rahmen eines "Nachtdienst-Interviews" in der Saarbrücker Keltermann-Apotheke appellierten die führenden Standesvertreter des Saarlandes an Politik, Presse und Öffentlichkeit, ihre Forderungen nach einer angemessenen Vergütung ihrer Leistungen zu unterstützen. Die von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) geplante Anhebung des Festzuschlags für verschreibungspflichtige Arzneimittel um 25 Cent oder 3 Prozent nach neun Jahren Stillstand seien "ein schlechter Scherz", beklagten der Präsident der Apothekerkammer des Saarlandes, Manfred Saar und die Vorsitzende des Saarländischen Apothekervereins, Claudia Berger, mit Unterstützung von Apotheker-Kollegen und -Mitarbeiterinnen gegenüber den Journalisten.

Claudia Berger, Vorsitzende des Saarländischen Apothekervereins, und Manfred Saar, Präsident der Apothekerkammer des Saarlandes, werben mit Plakaten um Unterstützung für die Sicherung der Arzneimittel-Versorgung vor Ort. Foto: AZ/hs

Die Apotheker fühlen sich nach den Worten der Vereinsvorsitzenden "von Schwarz-Gelb in Berlin, eigentlich der politischen Traumkonstellation der Freiberufler, getäuscht". Berger: "So wird ein Traum zum Albtraum." Denn es ist FDP-Chef Rösler, der als zuständiger Bundeswirtschaftsminister nun die mickrige Erhöhung des Apotheken-Festzuschlags um 25 Cent oder drei Prozent auf 8,35 Euro nach neun Jahren Stillstand durchsetzen will. Dieser Vorschlag werde von dem CDU-Gesundheitsexperten Jens Spahn im Gespräch mit DAZ.online auch noch verteidigt, beklagten die Apotheker-Repräsentanten, die dabei ihre Basis voll hinter sich wissen. Sie suchen nun die Unterstützung der Landespolitik. Dafür haben sie ihre Argumente nicht nur saarländischen Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen vorgetragen, sondern auch dem saarländischen Gesundheitsminister Andreas Storm (CDU) und dem Wirtschaftsminister des Landes, Heiko Maas (SPD). Sie hoffen, dass Maas in seiner Stellungnahme an Rösler ihre Forderung nach einer Erhöhung des Zuschlages um einen Euro unterstützt.

Notwendig sei die Anhebung um diesen Betrag, um die Kostenentwicklung der vergangenen Jahre auszugleichen. Andernfalls drohe sich der Trend zur Schließung von Apotheken weiter zu beschleunigen und Personalabbau, betonten Saar und Berger. Die Folge sei, dass sich die Arzneimittelversorgung vor allem im ländlichen Raum weiter verschlechtere.

Staat muss angemessene Vergütung sicherstellen

Berger verwies in dem Pressegespräch, an dem neben der DAZ alle wichtigen Medien des Landes teilnahmen, darauf, dass die Apotheker einen öffentlichen Auftrag zu erfüllen hätten. Daraus ergebe sich der Anspruch der Apotheker auf eine angemessene Vergütung.

Vor allem die Apotheken im ländlichen Raum seien auf die vom Staat festgelegten Apotheken-Zuschläge angewiesen, da sie auch aufgrund der geringen Kaufkraft der regionalen Bevölkerung nur einen sehr geringen Teil ihres Umsatzes von 15 bis 20 Prozent im Bereich freiverkäuflicher Produkte erwirtschaften könnten, betonte Saar. Dieser Anteil sei in vielen Apotheken zudem rückläufig.

Die nun vorgesehene Mini-Anpassung werde den gesetzlichen Vorgaben in keiner Weise gerecht, beklagte Saar. Er rechnete vor, dass die Ausgaben der Krankenkassen für Apothekenhonorare in Deutschland seit 2001 nur sehr geringfügig von 4,1 auf 4,2 Milliarden Euro gestiegen seien. Seit 2004 sei der Festzuschlag von 8,10 Euro je Packung nicht angehoben worden. Aufgrund des Kassenabschlags seien dies für Arzneimittel-Packungen, die auf Kassenrezept abgegeben würden nur 6,38 Euro netto je Packung, zuzüglich drei Prozent des Apothekeneinkaufspreises. Der Anteil der Arzneimittel-Abgaben auf Kassenrezept liege im Durchschnitt bei 75 Prozent des Umsatzes einer Apotheke, in vielen ländlichen Apotheken sogar bei 80 bis 85 Prozent, rechnete Saar vor.

"Notwendig ist eine Anhebung um einen Euro"

Mit der nun von Rösler geplanten Anhebung um nur drei Prozent wird nach Auffassung der Apotheker die gesetzliche Vorgabe verletzt, nach der das Bundeswirtschaftsministerium regelmäßig zu prüfen habe, inwieweit das Honorar angepasst werden müsse. Wenn es aber erst nach neun Jahren eine Anpassung gebe, müsse sie sich auf den Gesamtzeitraum beziehen. "25 Cent, das kann es nicht sein. Notwendig ist eine Anhebung um einen Euro", appellierten Berger und Saar an Rösler.

Sie begründeten ihre Forderung damit, dass die Kosten der Apotheken seit 2004, der letzten Anpassung der Honorarsätze, um gut 21 Prozent gestiegen seien. Sie verwiesen darauf, dass die Tariflöhne seit der letzten Honorar-Anpassung um 18 Prozent, die Kosten für ihre Leistungen für die Patienten um 14,4 Prozent gestiegen seien. Der Vorschlag Röslers widerspreche allen Erhebungen, die zur Kostenentwicklung gemacht worden seien, kritisierte Saar. Er rechnete vor, dass die von Rösler geplante Erhöhung um 25 Cent nach neun Jahren völlig unzureichend sei.

Sollte Rösler an der geplanten Mini-Anpassung festhalten, wird dies nach Einschätzung der Standesvertreter nicht ohne Konsequenzen für die Versorgung der Patienten bleiben. Schon in den vergangenen Jahren sei die Zahl der Apotheken im Saarland von 380 auf 325 zurückgegangen, "Tendenz weiter sinkend", sagte Saar. Die Schließungswelle habe zwei Gründe: Einmal fänden Apotheker aufgrund der bescheidenen Verdienstmöglichkeiten keinen Nachfolger. Hinzu komme eine steigende Zahl von Insolvenzen, ein Phänomen, das es in der Vergangenheit nicht gegeben habe.

30 Prozent "Selbstausbeutungsbetriebe"

Berger und Saar gaben einen Einblick in die traurige Wirklichkeit vieler Apotheken: 30 Prozent der Apotheken hätten einen Jahresumsatz unter 1,2 Millionen Euro. Diese bezeichnete Berger als "Selbstausbeutungsbetriebe". 25 Prozent der Apotheker verdienen nach Angaben von Saar weniger als 40.000 Euro vor Steuern im Jahr. Sie hätten vielfach keine Alternative als durchzuhalten. Viele dieser Apotheker seien über 50 Jahre alt und hätten kaum eine Chance, eine andere angemessene Arbeit zu finden. Sie hätten investiert und müssten die Investitionen abbezahlen. Dabei seien die Apotheken aufgrund der geringen Ertragskraft "unverkäuflich". Junge Apotheker würden daher zunehmend eine Anstellung in der Industrie oder der Wissenschaft einer freiberuflichen Tätigkeit als Apotheker mit geringem Verdienst, langen Arbeitszeiten, großer Verantwortung und hohem wirtschaftlichem Risiko vorziehen.

Zahl der Insolvenzen steigt

Carsten Wohlfeil, Geschäftsführer der Apothekerkammer des Saarlandes, der jeden der 325 Inhaber von Apotheken im Saarland persönlich kennt, ergänzte: "Es gibt immer mehr Apotheken-Insolvenzen. Gerade haben wir das zwölfte Insolvenzverfahren hinter uns gebracht. Da der Apotheker persönlich haftet, bedeutet das immer auch die Privatinsolvenz des Inhabers. Es ist jedes Mal ein hartes Schicksal, wenn ein Apotheker, oft nach einem langen Berufsleben, vor dem Ruin steht." Eine weitere Folge der Unterfinanzierung vieler Apotheken sei die zunehmende Zahl von Hilferufen von Kollegen, die selbst den Kammerbeitrag von 500 bis 600 Euro im Jahr nicht mehr aufbringen könnten und daher um Stundung bitten müssten. "Die Offenheit dieser Kollegen über ihre bescheidene wirtschaftliche Situation erschreckt. Das macht betroffen", sagte der Kammer-Geschäftsführer. Wenn es jetzt keine angemessene Erhöhung des Zuschlags gibt, wird sich das Apotheken-Sterben weiter beschleunigen, befürchten die Standesvertreter.

Apotheker hinken beim Honorar hinterher

Die Apotheker belegten mit beeindruckenden Zahlen, dass sie bei der Honorar-Entwicklung gegenüber anderen Leistungserbringern im Gesundheitswesen weit hinterherhinken. So haben die Kassenausgaben für Krankenhausbehandlung, für ärztliche Honorare und sogar für Arzneimittel – ohne Apothekenhonorar – von 2001 bis 2011 jeweils um mehr als ein Drittel zugenommen. Dagegen blieben die Apothekenhonorare der Kassen mit einem geringfügigen Plus von 2,4 Prozent oder 0,1 Milliarden Euro über diesen Zehn-Jahreszeitraum praktisch unverändert. Diese Diskrepanz führte Saar auf die mangelnde politische Durchschlagskraft der vergleichsweise kleinen Berufsgruppe zurück. Die Politik nehme keine Rücksicht auf die Anliegen einer Wähler-Klientel von 21.200 Apothekern mit 150.000 Mitarbeitern, meinte Saar und verglich die Apotheker insofern mit den Hebammen, denen man nun bescheidene Honorarzuwächse zubillige, nachdem man erkenne, dass der Berufsstand vor dem wirtschaftlichen Ruin bewahrt werden müsse, weil die Leistungen zur Versorgung der Bevölkerung unerlässlich seien.

Damit es bei den Apothekern nicht so weit kommt, setzen die Standesvertreter im Saarland darauf, dass durch die Mobilisierung der Öffentlichkeit, der Presse und der Politik ihr Anliegen in Berlin nicht weiter überhört wird. Für die Sicherung der Arzneimittelversorgung vor Ort werben sie auch mit Plakaten um die Unterstützung der Bevölkerung. Wenn die Kostenentwicklung nicht durch eine angemessene Anhebung des Honorars ausgeglichen werde, sei mit weiteren Schließungen, mit Personalabbau und mit einer harten Tarifrunde zu rechnen. Berger: "Das Schicksal der Schlecker-Frauen droht zunehmend auch Apotheker-Frauen." Kampf-Maßnahmen, etwa Apotheker-Streiks, können sich die Standesvertreter dennoch kaum vorstellen. "Es widerspricht vollkommen der Mentalität des Freiberuflers zu streiken und die Patienten im Stich zu lassen", sagte Saar.

Seine Kollegin Berger wäre schon froh, wenn sie ihre Kollegen für eine zentrale öffentliche Kundgebung in Frankfurt oder gar in Berlin gewinnen könnte. Unter dem Strich sehen die Apotheker-Repräsentanten die Zukunft des Standes aber in der Hand der Politik. "Wenn der Gesetzgeber uns eine hochwertige, flächendeckende Arzneimittel-Versorgung rund um die Uhr vorschreibt, muss er die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch so setzen, dass wir diesen Versorgungsauftrag erfüllen können", betonte Berger.



AZ 2012, Nr. 33-34, S. 8