Gesundheitspolitik

Apotheken sterben – Nachwuchs scheut Selbstständigkeit

Historische Tiefststände in Hessen, Rheinland-Pfalz und Westfalen-Lippe

BERLIN (lk). Das befürchtete Apothekensterben schreitet offenbar voran: Aktuell melden drei Kammerbezirke historische Tiefstände. In Hessen, Rheinland-Pfalz und Westfalen-Lippe versorgen so wenige Apotheken die Bevölkerung mit Arzneimitteln wie seit Ende der 80er Jahre nicht mehr. Mehr noch: "Wir stellen fest, dass so gut wie kein junger Pharmazeut mehr den Schritt in die Selbstständigkeit wagt", beklagt Gabriele Regina Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe.

"Die Zahl der hessischen Apotheken hat im Jahr 2011 einen Tiefststand erreicht", meldet der Apothekerverband Hessen. 1590 Apotheken versorgten die hessische Bevölkerung mit Arzneimitteln. "Weniger Apotheken gab es zuletzt vor rund einem Vierteljahrhundert: Im Jahr 1985 waren es 1578 Apotheken." Seit Beginn des neuen Jahrtausends sei ein schleichender Rückgang bei der Apothekenzahl zu verzeichnen gewesen. Allerdings sei dieser mit einem Rückgang von 24 Apotheken in 2011 "schon drastisch ausgefallen". Damit sei in absoluten Zahlen der Rückgang in Hessen am zweithöchsten ausgefallen. Lediglich in Bayern seien mit 44 noch mehr Schließungen zu verzeichnen. Allerdings gebe es dort mit 3386 Apotheken mehr als doppelt so viele wie in Hessen. Bundesweit sank die Zahl der Apotheken in 2011 um 203 auf insgesamt 21.238 Betriebsstätten.

Nicht besser ist die Lage in Rheinland-Pfalz: Dort ist im Jahr 2011 die Zahl der Apotheken gegenüber dem Vorjahr um 17 geschrumpft. 1102 Apotheken versorgten die Bevölkerung mit Arzneimitteln. Das ist der niedrigste Stand seit 1987 mit 1091 Apotheken. Am meisten Apotheken gab es im Jahr 2001 mit 1186 Betrieben. "Solch einen drastischen Rückgang der Zahl der Apotheken gab es in den letzten 25 Jahren nicht. In den letzten Jahren waren es meistens vier bis fünf Apotheken weniger pro Jahr. Wir sehen diese Entwicklung mit großer Sorge. Hier sind Existenzen und wohnortnahe Arbeitsplätze gefährdet", so die Pressesprecherin des Apothekerverbandes Rheinland-Pfalz, Kirsten Müller-Kuhl.

Schwierige Rahmenbedingungen

"Wir führen diesen Rückgang auf die schwierigen Rahmenbedingungen zurück. Seit 2004 ist die Entlohnung der apothekerlichen Tätigkeit mit 8,10 Euro pro abgegebener Packung gleich geblieben. Hiervon muss an die Krankenkassen noch ein Rabatt abgeführt werden. Dieser ist seit 2011 auf 2,05 Euro gestiegen. Gleichzeitig hat sich der Beratungs- und logistische Aufwand immens erhöht. Vor allen Dingen die zwischen Krankenkassen und Arzneimittelherstellern abgeschlossenen Rabattverträge haben für einen hohen Beratungsbedarf mit entsprechendem Personaleinsatz gesorgt", so Müller-Kuhl weiter.

Die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln sieht der HAV zurzeit zwar nicht gefährdet. Allerdings könne es durchaus vorkommen, dass der Weg bis zur nächsten Apotheke weiter werde. Dies sei vor allen Dingen im Notdienst ein Problem. Schließende Arztpraxen auf dem Land führten unweigerlich dazu, dass auch die wirtschaftliche Existenz der Apotheken auf dem Spiel stehe. Rund 85 Prozent des Apothekenumsatzes werden hier mit vom Arzt ausgestellten Rezepten erwirtschaftet.

Nachfolgersuche problematisch

Auch Westfalen-Lippe meldet besorgniserregende Daten: Laut Apothekerkammer Westfalen-Lippe (AKWL) ist die Apothekenzahl in den ersten fünf Monaten um 13 auf nunmehr 2171 gesunken. "Das ist der niedrigste Wert seit 1985", so Overwiening. 20 Schließungen hätten sieben Neueröffnungen gegenüber gestanden.

Außerdem: Fast jede fünfte Apotheke werde mittlerweile als Filiale geführt (exakt sind es 408 Filialen). Dazu Kammerpräsidentin Gabriele Regina Overwiening: "In Westfalen-Lippe gibt es somit nur noch 1763 selbstständige Apotheker. Wir stellen fest, dass so gut wie kein junger Pharmazeut mehr den Schritt in die Selbstständigkeit wagt. Zugleich wird es immer schwerer für Apotheken, die aus Altersgründen abgegeben werden, eine Nachfolge zu organisieren." Die Gründe für diese Entwicklung lägen auf der Hand, so die Kammerpräsidentin: "Seit der letzten Bundestagswahl sind die Ausgaben für Krankenhäuser um 4,2 Mrd. Euro gestiegen, die Honorare für Ärzte und Zahnärzte um 2,5 Mrd. Euro. Zugleich hat die Bundesregierung die Versicherten durch höhere Beiträge zur Kasse gebeten und die Apotheken um 300 Mio. Euro geschröpft."

Gerade noch 2,3 Prozent der Ausgaben der Gesetzlichen Krankenkassen entfielen derzeit auf die Apotheken. "Dafür stellen wir nach wie vor eine flächendeckende und wohnortnahe Arzneimittelversorgung rund um die Uhr sicher", so Overwiening. Die Kammerpräsidentin stellte zugleich heraus: "Wenn wir unsere Kompetenzen bei der pharmazeutischen Betreuung der Patienten und im Bereich der Arzneimitteltherapiesicherheit noch stärker einbringen sollen – so wie sich die Politik dies wünscht und wir es gerne tun möchten – dann dürfen die Apotheken aber nicht länger kaputt gespart werden."

Laut AKWL ist die Apothekenzahl in den ersten fünf Monaten um 13 auf nunmehr 2171 gesunken. "Das ist der niedrigste Wert seit 1985", so Overwiening. 20 Schließungen hätten sieben Neueröffnungen gegenüber gestanden.



AZ 2012, Nr. 25, S. 1

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