Wirtschaft

Rohertrags-Monitor März 2012

Betriebswirtschaftliche Analyse der Entwicklung des Apothekenhonorars

Die Forderung nach einer Anpassung des Apotheken-Festzuschlags (von zurzeit 8,10 Euro) wird jetzt offensichtlich auch von der Politik gesehen, Zeitpunkt und Höhe der Veränderung sind aber weiter strittig. Zur Erinnerung: Die mit dem GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) neu gestaltete Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV) für verschreibungspflichtige Fertigarzneimittel (Rx-FAM), auch Kombimodell genannt, gilt seit Inkrafttreten des GMG (zum 1. Januar 2004) vom Prinzip her unverändert; der Festzuschlag von 8,10 Euro ist seitdem nicht angepasst worden. Die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen dieser bis heute unveränderten Honorierungssystematik apothekerlicher Leistungen für die Jahre 2004 bis 2010 können u. a. dem Beitrag "Der Rohertrags-Monitor" (s. DAZ Nr. 45/2011) entnommen werden.

Beginnend mit dem Berichtsmonat August 2011 (s. AZ Nr. 47/11) werden die Zahlen – auf der Grundlage der von Insight Health* zur Verfügung gestellten Daten – im Zeitablauf monatlich für die beiden vorangegangenen Jahre und die bisherigen Monate des aktuellen Jahres im Rohertrags-Monitor fortgeschrieben.

Umstellung der GH-AMPreisV. Zum 1. Januar des Jahres ist die Arzneimittelpreisverordnung im Großhandelsbereich umgestellt worden. Die bis dato degressiv ausgestaltete Aufschlagregelung wurde – wie bei den öffentlichen Apotheken bereits 2004 vollzogen – durch ein Kombimodell abgelöst. Auf den Abgabepreis des pharmazeutischen Unternehmens (ApU) hat der Großhandel für jedes Rx-FAM einen (rabattfähigen) Höchstaufschlag von 3,15% zu erheben, zuzüglich eines (nicht rabattfähigen) Festzuschlags von 0,70 Euro je Packung. Dabei gilt der Höchstzuschlag von 3,15% bis zu einem ApU von 1200 Euro; darüber hinaus ist der Höchstzuschlag auf 37,80 Euro limitiert. Mit dieser Umstellung der AMPreisV im GH-Bereich ist die mit dem AMNOG zum 1. Januar 2011 in Kraft gesetzte Verpflichtung des Großhandels abgelöst worden, den Apotheken für jedes Rx-FAM einen Abschlag von 0,85% auf den ApU zu "gewähren". Wiewohl diese Umstellung von 2011 auf 2012 – konstruktionsbedingt – kosten- und ertragsneutral verlaufen sollte, haben die Großhandlungen zu Anfang 2012 eine weitere Kürzungsrunde bei den Einkaufskonditionen der Apotheken eingeläutet. Diese Maßnahme begründet der Großhandel damit, dass er einerseits die gesetzlich verordnete Reduzierung seiner Marge nicht durch entsprechende Kostenreduktionen habe auffangen können, und andererseits selbst massive Kürzungen seiner Einkaufskonditionen – aufgrund der Intensivierung der Rabattverträge nach § 130a Abs. 8 SGB V zwischen Krankenkassen und Herstellern – habe hinnehmen müssen. Von daher sei er gezwungen, einen (weiteren) Teil dieser Kürzungen an seine Kunden weiterzugeben.

Korrektur des Kassenabschlags aus 2010. Im Januar wurde publik, dass die Krankenkassen den für die ersten Monate des Jahres 2010 einbehaltenen Kassenrabatt (von 2,30 Euro je Rx-FAM) aktuell auf der Basis der Entscheidung der Schiedsstelle (von 1,75 Euro je Rx-FAM) "verrechnet" haben, so dass den Apotheken für das Gesamtjahr 2010 jetzt ein (bisher allerdings nicht gerichtsfester) Kassenabschlag von 1,75 Euro je abgegebenem Rx-FAM in Rechnung gestellt worden ist. Diese per Gerichtsbeschluss angeordneten Rückzahlungen sind – rückwirkend – in die Tabelle eingearbeitet worden, und finden in der Berichterstattung Berücksichtigung.

Frequenzstarker März: mehr Umsatz, … Der Umsatz mit zulasten der GKV verordneten Rx-FAM betrug im März 2012 – nach Abzug des Apothekenrabatts nach § 130 SGB V – mehr als 2,55 Mrd. Euro; er war damit der umsatzstärkste Monat seit 2004 und lag um 5,12% über dem Vergleichswert des Vorjahresmonats. Das Plus in den ersten drei Monaten liegt sogar bei 6,38%, bei allerdings zwei Werktagen mehr als im Vorjahresquartal.

Abb. 1: Entwicklung der zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM-Packungen in den Monaten Januar 2010 bis März 2012 (Monatsdurchschnitt 2004 = 100). Quelle Grafiken: Insight Health und eigene Berechnungen

… mehr Packungen, … Der März war nicht nur der umsatzstärkste, sondern auch einer der frequenzstärksten Monate der letzten Jahre. So wurden im März mehr als 5 Mio. (bzw. mehr als 10,5%) Rx-FAM-Packungen zulasten der GKV abgegeben als im Vormonat, der allerdings auch zwei Werktage weniger aufzuweisen hatte. Auch gegenüber dem Vorjahresmonat wurden – bei gleicher Anzahl an Werktagen – rund 850.000 Rx-FAM-Packungen (bzw. 1,65%) mehr abgegeben, so dass im Berichtsmonat mit 52,6 Mio. Packungen fast wieder der Spitzenwert aus März 2010 erreicht wurde (vgl. Abb. 1). Im ersten Quartal 2012 überstieg die Zahl der abgegebenen GKV-Rx-FAM-Packungen den Vergleichswert des Vorjahres um annähernd 2,6 Mio. Packungen. Das entspricht einem Zuwachs (Beratungsmehraufwand im Rahmen der Abgabe) von fast 1,8%.

Die Zahl der abgegebenen Rx-FAM-Packungen blieb auch im März (mit 1,65%) wieder weit hinter der Umsatzentwicklung (mit 5,12%) zurück. Damit ist die Strukturkomponente im Berichtsmonat (mit gut 3,4%) nicht mehr ganz so stark gewachsen wie in den Vormonaten; diese liegt für die ersten drei Monate bei 4,5%. Es werden gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres trotzdem immer noch mehr und hochpreisigere Rx-FAM zulasten der GKV verordnet, mit allerdings abnehmender Tendenz.

Aufgrund des "Kombimodells" führt eine höhere Zahl an zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM zu einem entsprechend höheren Honorar (= Rohertrag aus Festzuschlag). Dieser Zuwachs beim Honorar (identisch mit der prozentualen Entwicklung der Zahl der abgegebenen Rx-FAM-Packungen) von 1,65% ist verbunden mit einem mindestens so hohen Mehr an Beratungsaufwand und -leistung, steigt der Anteil der rabattbegünstigten (und damit außerhalb der rein pharmazeutischen Beratung zusätzlich kommunikationsbedürftigen) Fertigarzneimittel weiter stetig an.

Abb. 2: Entwicklung der Apotheken-Einkaufswerte der zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM in den Monaten Januar 2010 bis März 2012 (Monatsdurchschnitt 2004 = 100).


*Insight Health ist ein führender Informationsdienstleister im Gesundheitsmarkt mit einem breiten Portfolio datenbasierter Services zur Markt- und Versorgungsforschung. Der Erfolg von Insight Health liegt in der Bereitstellung individueller Lösungen für die pharmazeutische Industrie, Krankenversicherungen, Ärztevereinigungen, wissenschaftliche Institute, Behörden, Politik und weitere Entscheider im Gesundheitsmarkt. Weitere Informationen über Insight Health finden Sie unter www.insight-health.de.

… höherer Apothekeneinkaufswert. Mit der gestiegenen Zahl an zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM-Packungen ist – zwangsläufig – auch ein Zuwachs beim zugehörigen Apothekeneinkaufswert einhergegangen. Ein Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum ist deshalb schwierig, weil der Großhandel den Apotheken (gemäß Artikel 11b, AMNOG) in 2011 für Rx-FAM, die dem Versorgungsanspruch des SGB V unterliegen, einen Abschlag in Höhe von 0,85 Prozent auf den ApU zu gewähren hatte. Dieser – von Großhandel und Apotheken getragene – Abschlag ist bei den folgenden Vergleichen berücksichtigt; er geht in voller Höhe als Verlust in die Margen von Großhandel und Apotheken ein. Sowohl beim ApU als auch beim Apothekeneinkaufswert, der für die Honorierung der apothekerlichen Leistung von größerer Bedeutung ist, wurde im März ein Allzeithoch erreicht; er ist gegenüber dem Vergleichswert des Vorjahrsmonats um 5,79% gestiegen (vgl. Abb. 2), und damit wesentlich stärker als der Umsatz (mit 5,12%). Im ersten Quartal liegt der Anstieg sogar bei 7,27%, gegenüber 6,38% beim Umsatz.

Apothekenrohertrag bleibt weiter hinter allgemeiner wirtschaftlicher Entwicklung zurück. Der gesamte Rohertrag der öffentlichen Apotheken (als Summe aus Festzuschlag und kaufmännischer Komponente) hat – nach weniger als 2,8% im Januar und rund 2,5% im Februar – im März 2012 um knapp 2,2% gegenüber dem jeweiligen Vorjahresmonat zugenommen. Für das erste Quartal des Jahres ergibt dies einen saldierten Zuwachs gegenüber dem Vorjahreszeitraum von nicht einmal 2,5%. Unter Berücksichtigung des Mehraufwandes aufgrund der Zunahme bei den zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM-Packungen (von annähernd 1,8% in den ersten drei Monaten) entspricht dies einem "Inflationsausgleich" von 0,7% – und damit wesentlich weniger als der Entwicklung der allgemeinen Lebenshaltungskosten (von etwa 2,1% im ersten Quartal 2012).

Die Ausgaben-dämpfende Ausgestaltung der AMPreisV insbesondere auf der Apothekenstufe hat ursächlich dazu geführt, dass der Umsatz mit Rx-FAM zulasten der GKV im ersten Quartal 2012 (mit + 6,38%) signifikant geringer angestiegen ist als der Apothekeneinkaufswert (mit + 7,27%). Das bedeutet im Ergebnis, dass der Rohertrag der Apotheken, bezogen auf den Bruttoumsatz, in diesem wesentlichen Marktsegment mit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung im Arzneimittelmarkt wieder einmal nicht Schritt halten konnte. 

Abb. 3: Betriebshandelsspanne aus zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM in % des Bruttoumsatzes in den Monaten Januar 2010 bis März 2012 (Vergleich: Jahresdurchschnitt 2004).

Fazit

In den Apotheken wird der Aufwand (an Beratungsintensität, -umfang und -kosten) – nicht zuletzt aufgrund leicht steigender Packungszahlen und der vermehrten Verpflichtung zur Abgabe von rabattbegünstigten Rx-FAM zulasten der GKV – größer. Der Rohertrag in Prozenten des Bruttoumsatzes nimmt immer weiter ab. So fiel die Handelsspanne aus GKV-Rx-FAM in Prozenten des Bruttoumsatzes gemäß AMPreisV von 16,14% (März 2010) über 15,63% (März 2011) auf 15,19% im März 2012 (vgl. Abb. 3); im ersten Jahr der Umstellung auf das Kombimodell (2004) lag sie noch bei 17,91%.

Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass der Gesetz- bzw. Verordnungsgeber nach mehr als acht Jahren andauernden "Inaktivität" endlich tätig wird, und das federführende Wirtschaftsministerium gemäß § 78 Abs. 2 AMG dafür Sorge trägt, dass der Festzuschlag (von zurzeit eingefrorenen 8,10 Euro) endlich den wirtschaftlichen Gegebenheiten angepasst wird!

Der durchschnittliche Preis der im März und im ersten Quartal 2012 zulasten der GKV abgegebenen Rx-FAM-Packungen sowie die wertmäßigen Anteile der Wertschöpfungsstufen sind der Tabelle zu entnehmen.

Durchschnittliches GKV-Rx-FAM
März 2012
I. Quartal
2012
Verkaufspreis laut AMPreisV
50,64 €
50,81 €
./. Kassenabschlag
2,05 €
2,05 €
= GKV-Abrechnungspreis (brutto)
48,59 €
48,76 €
./. Mehrwertsteuer
7,76 €
7,78 €
= GKV-Abrechnungspreis (netto)
40,83 €
40,98 €
Apo.-Rohertrag aus Festzuschlag
6,38 €
6,38 €
Apo.-Rohertrag, kfm. Komponente
1,00 €
1,01 €
./. Apo.-Rohertrag insges. (gem. AMPreisV)
7,38 €
7,39 €
= Apothekeneinkaufswert
33,45 €
33,59 €
./. Großhandelsmarge
1,56 €
1,56 €
= ApU (Abgabepreis des pharm. Untern.)
31,89 €
32,03 €
Quelle: INSIGHT Health und eigene Berechnungen; Hü. ©

Dipl.-Math. Uwe Hüsgen, Unternehmensberater, langjähriger Geschäftsführer des Apothekerverbandes Nordrhein e.V., Essen, E-Mail: uwe.huesgen@web.de


AZ 2012, Nr. 19, S. 2