Gesundheitspolitik

Eigentor

Die frühe Nutzenbewertung gilt mittlerweile als lernendes System. Die Auswahl der Vergleichstherapie ist weiterhin ein großes Problem, insbesondere weil als Folgewirkung wichtige Studien unbeachtet bleiben. Doch der Gemeinsame Bundesausschuss zeigt sich gesprächsbereit. Das gibt langfristig Hoffnung. Ein weiteres Problem liegt in der Natur der Sache: Solange noch keine Preisverhandlung abgeschlossen ist, kann niemand abschätzen, welcher zusätzliche Nutzen welchen Preis wert sein soll. Das bedeutet für die Hersteller Planungsunsicherheit. Doch die Zeit wird dieses Problem lösen, auch wenn die Ergebnisse der Verhandlungen neue Fragen aufwerfen können.

Bis dahin geht die Unsicherheit zulasten der Hersteller. Kapitalmärkte leiden oft stärker unter Unsicherheit als unter schlechten Nachrichten. Deshalb erstaunt, dass gerade die Hersteller die Rabatte vertraulich halten wollen. Offen ausgewiesene niedrige Referenzpreise könnten die Preise im Ausland verderben, auf Deutschland zurückwirken und damit einen Kellertreppeneffekt auslösen. Diese Sorge ist gewiss berechtigt, aber Intransparenz wäre keine tragfähige Lösung, sondern ein zusätzliches Problem in einem ohnehin schwer durchschaubaren Verfahren: Geheime Rabatte würden die Unsicherheit über die Relation zwischen Zusatznutzen und Preis auf Dauer fortschreiben. Die pharmakoökonomische Forschung und die gesellschaftliche Diskussion über einen angemessenen Preis für den Nutzen eines Arzneimittels würden weiterhin im luftleeren Raum stattfinden. Weder Politik noch Hersteller können das wollen. Obendrein wäre der Vorteil der Geheimniskrämerei zweifelhaft. Wer glaubt ernsthaft, dass die anderen Länder auf einen solchen Trick hereinfallen? Die würden dann wohl langfristig ihre Preisbildungsmechanismen anpassen und irgendeinen Abschlag in ihre Preise einrechnen.

Wie belastend geheime Rabatte sein können, zeigen die Rabattverträge. Unklare Spareffekte, die unpraktikable Mehrkostenregel und viel Bürokratie sind die Folgen. Wer wünscht sich das noch einmal bei den patentgeschützten Innovationen? Für die Apotheken würden neue Alltagsprobleme entstehen und für die Industrie würde es bald zum Eigentor.


Thomas Müller-Bohn



AZ 2012, Nr. 19, S. 1

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