Gesundheitspolitik

"Tödlicher Generika-Austausch?"

Apotheker Jürgen Wolff sucht "den Aufstand"

BRAUNSCHWEIG (rb). In den allermeisten Apotheken hat man sich damit arrangiert, die Rabattverträge der Krankenkassen pharmazeutisch gewissenhaft zu erfüllen. Nicht so Jürgen Wolff, Inhaber der Post-Apotheke in Braunschweig. Er sucht nach Gehör in der Öffentlichkeit und nutzt jede Gelegenheit, seinen Protest gegen die Rabattverträge nach außen zu tragen. Am liebsten möchte er einen "Ärzteaufstand organisieren", wie er im Gespräch mit der AZ sagte.

Jürgen Wolff, Inhaber der Post-Apotheke in Braunschweig, kämpft für das Wohl der Patienten. Foto: privat

Dabei geht es Jürgen Wolff nicht um die generelle Ablehnung von Generika oder deren Austausch. Das Ärgernis besteht für ihn darin, dass häufig hilflose und ohnehin mit ihrer Krankheit schon überforderte Patienten aufgrund der Rabattverträge immer wieder mit neuen, ihnen bisher unbekannten Medikamenten konfrontiert werden. Der ständige Generikaaustausch ist für Wolff aus pharmazeutischer Sicht eine "vorsätzliche Körperverletzung". Nicht nur dass die Compliance auf der Strecke bleibt. Auch durch die unterschiedliche Bioverfügbarkeit der einzelnen Präparate – selbst wenn sie im gesetzlich vorgeschriebenen Rahmen bleibt – kommt es insbesondere bei Wirkstoffen mit geringer therapeutischer Breite zu gefährlichen Dosisschwankungen mit der Folge, dass sich der Gesundheitszustand der häufig multimorbiden Betroffenen verschlechtert.

Er sei es leid, dass viele Kollegen nur mit den Achseln zucken und sagen "da kann man nichts machen". Nein, er sei kein Querulant, sagt Wolff. Aber seine innere Empörung treibe ihn an. Es könne nicht angehen, dass Apotheker für genaueste Dosierungen und höchste Reinheit ihrer Produkte gerade stehen müssen, dass aber Herstellungsprozesse und Hilfsstoffe völlig egal seien, obwohl sie die Bioverfügbarkeit und damit die Wirkung eines Arzneistoffes beeinflussen. Das aber sei den Menschen etwa bei den Krankenkassen, die "das Leben nur im Computer sehen und unfähig sind, in Zusammenhängen denken zu können" nicht zu vermitteln. Deshalb sei er auf der Suche nach Verbündeten, die ihn in seiner Mission unterstützen.


Der Bankplatz in Braunschweig wartet auf Belebung und Publikum. Jürgen Wolff möchte "die Flamme weiter lodern lassen" und hofft, dass sich weitere Redner für die "Speaker‘s Corner" finden.
Foto: Mettler

Auftritt auf der Speaker‘s Corner in Braunschweig

In seinem Heimatort ist Jürgen Wolff bereits öffentlich aufgetreten – ähnlich wie im Londoner Hyde Park auf einer "Speaker‘s Corner" am Bankplatz in der Braunschweiger Innenstadt. Hier kann jeder, der ein Anliegen hat, auf ein Podest steigen und seine Meinung spontan kundtun. Die Idee zur "Speaker‘s Corner" hatte der Friedrich-Wilhelm-Viertel-Verein, ein Zusammenschluss von Geschäftsleuten, die das Ziel verfolgen, ihr Stadtviertel stärker in den gesamtstädtischen Blickpunkt zu rücken. Jürgen Wolff gehört diesem Verein an und er war der erste, der die neue Braunschweiger "Rede-Ecke" nutzte. Sein Thema hieß "Tödlicher Generika-Austausch?". Die Menschen zeigten sich interessiert, die Resonanz vor Ort sei gut gewesen und die Braunschweiger Zeitung habe anschließend über ihn berichtet, sagt Wolff im Gespräch mit der AZ. Jetzt möchte er die Flamme weiter lodern lassen, gerne gemeinsam mit den Ärzten oder Angehörigen anderer freier Berufe, zum Beispiel auch Rechtsanwälten. Wolff ist sich darüber im Klaren, dass seine Inhalte – der Austausch von Generika und die damit verbundene Problematik – der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln sind. Das Fernsehen habe bei ihm angefragt, ob es nicht auch betroffene Patienten gebe, die über das Problem aus ihrer Sicht berichten können. Sicher könnte man einzelne Personen finden, doch Wolff vertritt die Auffassung, dass sich die ganz große Mehrheit der Betroffenen überhaupt nicht artikulieren könne. "Das ist doch die breite Masse der oft multimorbiden Menschen in der Problemzone zwischen Krankenhausaufenthalt und ambulanter Behandlung, die mit zahlreichen Arzneimitteln möglichst kostengünstig versorgt werden müssen und die mit ihrem Kranksein und ihren körperlichen Gebrechen ohnehin schon überfordert sind – und diese Gruppe wird in den nächsten Jahren immer größer!" Mit der wachsenden Zielgruppe wird auch der willkürliche Austausch von Generika in der Zukunft zum immer größeren Problem werden, mit noch unübersehbaren gesundheitspolitischen Folgen.

Hier das Ankündigungsplakat zur Eröffnung der "Speaker’s Corner" in Braunschweig: Am 1. Dezember 2011 trat Apotheker Jürgen Wolff als erster "Speaker" auf.

Jürgen Wolff will nicht locker lassen – zum Wohl der Patienten, das seiner Ansicht nach gerade nicht im Vordergrund gestanden hat, als die Standesvertreter der Apotheker immer wieder die Substitution gefordert haben. Dass die Ärzte nur den Wirkstoff verschreiben und der Apotheker das Generikum auswählt, sei nur sinnvoll, wenn er dabei den Patienten im Blick habe, und nicht die eigenen Einkaufs- und Lagerhaltungsvorteile. Genauso wenig dürfe es nur darum gehen, dass die Krankenkassen Einkaufsvorteile haben, wie es jetzt der Fall sei.

Man kann Generika mit Sinn und Verstand abgeben, davon ist Wolff überzeugt. Und wenn man tatsächlich einmal austauscht, was sich ja nicht vermeiden lässt, so sollte der Apotheker diesen Vorgang aktiv begleiten. Er sollte zum Beispiel beim Patienten zeitnah anrufen und ihn fragen, wie er mit dem neuen Medikament klar kommt und wie es ihm geht.

"Man kann sowieso nichts machen" – diese resignativ-pessimistische Aussage kann Jürgen Wolff nicht akzeptieren. Es könne nicht sein, dass wir Apotheker nirgendwo durchdringen, sagt er im Gespräch mit der AZ. Auch wenn er sich manchmal "wie Michael Kohlhaas vorkommt" – Wolff will weiter kämpfen. Und er sucht Unterstützer.



AZ 2012, Nr. 13, S. 5

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