Fortbildungskongress

Hormontherapie individuell gestalten

Viele Jahre galt eine Hormontherapie in und nach der Menopause als wahrer Jungbrunnen. Diese Sichtweise hat sich verändert. Derzeit werden die Hormone wegen der erhöhten Brustkrebsgefahr und eines erhöhten Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen seltener eingesetzt, sind aber bei zielgerichteter Anwendung weiterhin wertvolle Therapeutika.
Prof. Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz Foto: DAZ/hel

Prof. Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz aus Frankfurt/M. zeigte, dass sich Östrogene bei zeitlich befristeter Anwendung gut zur Behandlung von Hitzewallungen und Atrophien der Vaginalschleimhaut eignen.

Folgen des Östrogenmangels

In der zweiten Lebenshälfte geht bei Frauen die Hormonproduktion in den Ovarien zurück. Der Östrogenmangel macht sich vor allem in den östrogenabhängigen Organen bemerkbar. Das Endometrium bildet sich zurück, das Vaginalepithel wird dünn, und die Schleimhäute im Genitalbereich atrophieren. Dadurch können Schwierigkeiten mit der Kontrolle der Blasenfunktion auftreten.

Zu den weiteren klimakterischen Beschwerden gehören in erster Linie Hitzewallungen, denen oft Tachykardien vorausgehen, und Schweißausbrüche. Daneben kann es zu psychischen Symptomen wie Depressionen, Nervosität und Schlafstörungen kommen.

Gute Wirkung bei Wechseljahresbeschwerden

Vor allem lokale Beschwerden und Hitzewallungen lassen sich mit Östrogenen und Östrogen-Gestagen-Kombinationen gut behandeln. Dazu sollten die Hormone so kurz und so niedrig dosiert wie möglich eingesetzt werden. Da es sich hierbei um die Therapie von Beschwerden handelt, wird heute nur noch der Begriff Hormontherapie verwendet; der Ausdruck "Hormonersatztherapie" gilt als obsolet. Verwendet werden vor allem physiologisches Estradiol und Estradiolvalerat sowie konjugierte Östrogene aus Stutenharn. Da Östrogene das Wachstum der Gebärmutterschleimhaut fördern und dadurch Krebs auslösen können, dürfen sie bei Frauen, die ihre Gebärmutter noch haben, nur gemeinsam mit Gestagenen eingesetzt werden, die der Krebsentstehung entgegenwirken.

Hitzewallungen können auch mit dem synthetischen Steroid Tibolon behandelt werden, dessen Metabolite östrogene, gestagene und androgene Effekte besitzen.


Prof. Dr. Rolf Daniels Foto: DAZ/hel

Transdermale Applikation ist vorteilhaft

Prof. Dr. Rolf Daniels, Tübingen, stellte die Applikationsmöglichkeiten für diese Hormone vor. Die lipophilen Steroidhormone werden nach der Einnahme rasch in der Leber verstoffwechselt und müssen daher in sehr hohen Dosen eingenommen werden. Viele synthetische Hormone sind so verändert, dass sie nach oraler Applikation weniger schnell abgebaut werden.

Eine Alternative sind transdermale Darreichungsformen, wie Pflaster, Cremes und Gele, mit denen die erste Leberpassage umgangen wird. Daher können hier niedrigere Hormondosen eingesetzt werden. Grundsätzlich sollte so wenig Östrogen wie möglich, aber so viel wie nötig an den gewünschten Wirkort transportiert werden. In Gelen ist die Östrogenkonzentration höher als bei Pflastern, damit sich in der obersten Hautschicht ein Wirkstoffreservoir aufbaut, aus dem die Hormone nach und nach ins Blut abgegeben werden.

Lokale Beschwerden behandeln

Wenn ausschließlich Beschwerden an den Harn- und Geschlechtsorganen behandelt werden sollen, können lokale Applikationsformen wie östrogenhaltige Salben und Zäpfchen verwendet werden, deren Inhaltsstoffe kaum ins Blut übergehen. Durch diese Therapie verbessern sich die trockenen und atrophierten Schleimhäute im Urogenitaltrakt, und viele Beschwerden in diesem Bereich verringern sich. Aus diesem Grund wird eine lokale Östrogentherapie auch bei rezidivierenden Harnwegsinfekten empfohlen.


Prof. Dr. Helga Stopper Foto: DAZ/hel

Erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen

Eine Hormontherapie erhöht das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall, ebenso das Risiko für venöse Thromboembolien und Lungenembolien. Daher sollten Frauen mit einem erhöhten Risiko für diese Erkrankungen Hormone nur zurückhaltend einnehmen.

Die Einnahme der Hormone kann das Brustkrebsrisiko erhöhen; ungeklärt ist der Einfluss auf das Ovarialkarzinom. Außerdem erhöhen die Hormone das Risiko von Gallenblasenerkrankungen.

Zur Prävention der Osteoporose sollte die Hormontherapie wegen ihrer Risiken nur noch individuell eingesetzt werden, wenn das Frakturrisiko hoch ist, andere medikamentöse Alternativen ausscheiden und das Krebsrisiko als niedrig eingeschätzt wird.

Prof. Dr. Roland Kaufmann Foto: DAZ/hel

Nicht belegt sind positive Wirkungen der Hormone auf die Haut. Auch können die Hormone, anders als erhofft, das Risiko für eine Alzheimer-Demenz nicht senken.

Pflanzliche Hormone wirken nicht

Isoflavone aus Soja, Rotklee und Traubensilberkerze haben beim Menschen keine nachgewiesene Wirkung auf Wechseljahresbeschwerden, wie die Professoren Dr. Helga Stopper aus Würzburg und Dr. Roland Kaufmann aus Frankfurt/M. erklärten.

Das gilt auch für andere hormonartig wirkende Naturstoffe aus Pflanzen, die sogenannten Phytohormone. Entsprechende Präparate eignen sich daher nicht als "sanfte und natürliche" Alternative zu künstlichen Hormonen, denn sie verringern in den Wechseljahren weder Hitzewallungen noch nächtliches Schwitzen.

Ausgeprägter Placeboeffekt

Weil sich Wechseljahresbeschwerden ohnehin von allein wieder verringern, ist der Placeboeffekt hier jedoch sehr groß. Da außerdem zahlreiche positive Erfahrungsberichte vorliegen und kaum mit unerwünschten Wirkungen zu rechnen ist, können sie in der Apotheke zur Einnahme über einen begrenzten Zeitraum empfohlen werden.

Langzeitstudien zur Sicherheit dieser Mittel liegen jedoch nicht vor. Wegen der hormonartigen Wirkungen muss daher von einer unkritischen dauerhaften Anwendung abgeraten werden. Besonders vorsichtig sollten Frauen mit Brustkrebserkrankungen sein, da die Pflanzenhormone Enzyme des Cytochrom-P450-Systems beeinflussen und so die Wirkung von Tamoxifen zur Brustkrebsbehandlung abschwächen können. Präparate aus der Traubensilberkerze können außerdem unter Umständen die Leber schädigen.

Kanzerogene Wirkungen der Pflanzenhormone sind zwar denkbar, wurden bisher aber nicht nachgewiesen.


hel



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DAZ 2011, Nr. 7, S. 82

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