Aus Kammern und Verbänden

Kräuter-Apotheke im Museum und Phytotherapie von gestern

Die Landesgruppe Franken der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie veranstaltete am 12. November im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim einen pharmaziehis torischen Tag. Ort des Geschehens war die Kräuter-Apotheke des Museums, die sich in einem malerischen Wohnhaus befindet.
Foto: privat
Im Freilandmuseum Familie Dres. Thomas und Claudia Richter mit Philipp und Apotheker Friedrich Schmelzer.

Die Kräuter-Apotheke wurde im ersten Stock eines aus dem späten Mittelalter stammenden Hauses mit der finanziellen Unterstützung pharmazeutischer Hersteller, Großhändler und Privatpersonen eingerichtet und stellt ein pharmaziehistorisches Kleinod dar. Friedrich Schmelzer, Diespeck, der in seiner 40-jährigen Laufbahn viele Fertigarzneimittel gesammelt und schließlich dem überlassen hat, führte durch die Ausstellung. Die Apotheken einrichtungen stammen teils aus dem Berlin der späten Gründerzeit, teils aus einer Apotheke in Burgpreppach bei Haßfurt, die bis zum Jahr 1978 in Betrieb war. Ein Labor, eine Materialkammer sowie eine Kräuterkammer mit Trockenboden stellen dem Besucher typische pharmazeutische Tätigkeiten vor Augen. Weitere Schwerpunkte sind pflanzliche Arzneimittel und pharmazeutische Spezialitäten.


Der Makrokosmos oder das Weltall in der "Weltchronik" des Hartmann Schedel, Nürnberg 1493, Blatt 5v. Im Mittelpunkt ruht die Erde, dann folgen die Sphären der Elemente Wasser, Luft und Feuer, die Sphären der sieben Planeten einschließ lich Mond (1. Sphäre) und Sonne (4. Sphäre), dann das Firmament (d. h. der Fixsternhimmel) mit den Tier kreiszeichen, coelum cristallinum und primum mobile und schließlich der göttliche Himmel. An den Ecken (von oben rechts im Uhr zeigersinn) Süd-, West-, Nord- und Ostwind.

Signaturenlehre und Magie

Anschließend referierte Apo theker Dr. Dr. Thomas Richter, Würzburg, über "Pflanzen in Pharmazie, Volkskunde und Religion"; dabei beleuchtete er die magischen Elemente der volksmedizinischen Phytotherapie, die auch die Volksfrömmigkeit beeinflusst haben. Entscheidend für die Charakterisierung einer Heilpflanze war die Signaturenlehre. Pflanzen mit einem auf fälligen Habitus erregten schon immer die Aufmerksamkeit der Betrachter, und man versuchte, von den äußeren Merkmalen Rückschlüsse auf die therapeu tischen Wirkungen zu ziehen. Solchen Spekulationen lag die Vorstellung zugrunde, dass die Dinge der Welt (Makrokosmos) ihre Entsprechungen im mensch lichen Körper (Mikrokosmos) haben. Es handelt sich um eine erste Stufe der Magie, die noch zweckfrei ist.

Die zweite Stufe der Magie ist das Bemühen, die Elemente zu beherrschen, indem man sich die Elementargeister von Feuer, Wasser, Luft und Erde zu Diensten macht. Die höchste Stufe der Magie ist die Substanzmagie, die sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben kann. Eine ambivalente Substanz magie wohnt auch bestimmten Pflanzen inne, und es ist Sache des Menschen, bei deren Anwendung für eine positive Wirkung zu sorgen. So hat die Alraune, wie Hildegard von Bingen in ihrem Werk "Physica" behauptet, eine (den Nonnen und Klerikern unerwünschte) aphrodisierende Wirkung. Durch die Reinigung in einem "queckborn" (einer Quelle) lässt sich jedoch die Wirkung umkehren, sodass die Alraune als "Antiaphrodisiakum" (!) eingesetzt werden kann, wobei die Applikation äußerlich an den Lenden erfolgt.

Faust als Magier

Magie spielt auch in Goethes "Faust" eine Rolle, wie Richter ausführte. Faust hat sich mit allen wissenschaftlichen Disziplinen beschäftigt und sucht nach alternativen Formen der Erkenntnis. Dabei beginnt er mit der ersten, spekulativen Stufe der Magie, indem er ein Bild des Makrokosmos betrachtet und sich in die Sphärenharmonien versenkt, um die Entsprechungen des Makrokosmos in der menschlichen Gesellschaft (Mikrokosmos) zu finden.

Als dies misslingt, versucht Faust sich in der Elementarmagie und beschwört den Erdgeist herauf. Er meint, einen Elementargeist vor sich zu haben, den er mühelos beherrschen kann. In Wirklichkeit hat er es aber mit dem großen Schöpfergeist, dem Demiurg, zu tun, der für den Anfänger in der Magie ein paar Nummern zu groß ist …

Nach diesen frustrierenden Erlebnissen landet Faust bei der Subtanzmagie und bei Mephisto, der ihn in die Hexenküche führt, wo er aphrodisierende Tränke bekommt, die seinen Sexualtrieb reaktivieren. Die Substanzmagie zerstört aber auch sein Seelenheil.


Alraune im "Tacuinum sanitatis in medicina", Codex Vindobonensis (14. Jh.). Der Rhizotom (rechts) hat die Hälse der anthropomorphen Wurzel der Alraune und des Hundes mit einem Seil umschlungen, damit der Hund die Wurzel nach dem Ertönen eines Signals herausziehen kann. Österreichische Nationalbibliothek, Series Nova 2644, fol. 40r.

Würzbüschel und Volksfrömmigkeit

Bestimmte Pflanzen spielen in der Reli gion eine kultische oder symbolische Rolle. So wurde im minoischen Kreta die Mohngöttin verehrt, die mit Mohnkapseln dargestellt wurde.

In der Volksfrömmigkeit des Christentums ist die Kräuterweihe an Mariä Himmelfahrt (15. August) ein eindrucksvolles Beispiel. Der Brauch entstand aufgrund einer Legende, dass die Apostel am dritten Tage nach dem Tod Mariens ihr Grab öffneten und anstatt des Leichnams duftende Blumen und Kräuter fanden. An Mariä Himmelfahrt werden in katholischen Kirchen Würzbüschel gesegnet, deren zentrale Achse immer eine Königskerze – auch Muttergotteskerze genannt – bildet, während die anderen Kräuter regional variieren. Typische Würzbüschelkräuter sind Rainfarn, Dost, Johanniskraut, Salbei, Ringelblume, Mutterkraut, Baldrian, Kamille, Engelwurz und Benediktenkraut. Viele dieser alten Heilkräuter wachsen in den Außenanlagen des Fränkischen Freilandmuseums, das für das nächste Jahr eine Veranstaltung zum Thema "Würzbüschel" plant.

Der pharmaziehistorische Tag in Bad Windsheim führte den Teilnehmern einige Aspekte der vorwissenschaftlichen Phytotherapie vor Augen, die in Beziehung zur Religion und zum Aberglauben stand. Die vom Rationalismus geprägten Menschen von heute interessieren sich zunehmend für das vergangene Alltags leben auf dem Lande, das sich gewissermaßen einer anderen Welt vollzog. Die hohen Besucherzahlen des Fränkischen Freilandmuseum, dessen Erweiterung geplant ist, bestätigen diesen Trend sehr eindrucksvoll (www.freilandmuseum.de).


Dr. Dr. Thomas Richter, Würzburg



DAZ 2011, Nr. 49, S. 85

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