Arzneimittel und Therapie

Körperliche Bewegung nicht nur in der Primärprävention

Wer regelmäßig Sport treibt, kann sein Risiko für ein Mamma- oder Kolonkarzinom senken. Immer mehr verdichten sich aber die Daten, dass Sport auch bei einer bereits bestehenden Tumorerkrankung die Prognose verbessert. Krebspatienten gehören deshalb möglichst nicht aufs Sofa, sondern sollten sich bewegen – auch wenn noch viele Fragen offen sind. Apotheker spielen in der Aufklärung eine wichtige Rolle.
Foto: ABDA
Auch Tumorpatienten sollen sich bewegen! Sie müssen raus aus Depression und verminderten sozialen Aktivitäten. Es gibt immer mehr Hinweise, dass sportliche Aktivität bei vielen Krebsarten die Prognose günstig beeinflussen kann.

Sport wird längst empfohlen, um Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes vorzubeugen. Er scheint aber auch nützlich, um Tumorerkrankungen zu verhindern bzw. deren Prognose zu verbessern, wie Mitte Oktober auf dem Internationalen Symposium "Krebs und Sport" in München deutlich wurde. Besonders gut ist die Datenlage für das Kolon- und das Mammakarzinom. So konnte Priv.-Doz. Dr. Karen Steindorf vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg anhand konsistenter Ergebnisse zeigen, dass körperliche Bewegung das Risiko für ein Kolonkarzinom um 20 bis 40% senkt. Dabei gilt: Je intensiver und je länger trainiert wird, umso besser ist der Effekt. Auch die WHO bestätigt, dass Evidenz für einen präventiven Effekt von Sport auf das Kolonkarzinom besteht. Ähnliches gilt für das Mammakarzinom. Hier lässt sich eine Risikoreduktion von 20 bis 30% erreichen. Dabei scheint es nie zu spät zu sein, um aktiv zu werden. Selbst Frauen, die erst jenseits des fünfzigsten Lebensjahrs mit dem Sport beginnen, profitieren hinsichtlich des Krebsrisikos. Doch der Effekt ist nicht für jede Brustkrebsform gleich ausgeprägt. So senkt Sport wohl eher das Risiko für postmenopausalen als für prämenopausalen Brustkrebs. Auch der Hormonrezeptorstatus scheint eine Rolle zu spielen. Es gibt, so Steindorf, "eine Diversifität des Mammakarzinoms auch beim Ansprechen auf Sport."

16% aller Tumorfälle vermeiden

Ob Sport auch die Gefahr für andere Karzinome senken kann, ist weniger eindeutig. Nach Einschätzung des WCRF (World Cancer Research Fund) 2007 gilt ein Nutzen für das Endometriumkarzinom als wahrscheinlich, für Pankreas- und Lungenkarzinom als begrenzt wahrscheinlich und für das Rektumkarzinom als eher unwahrscheinlich. Dennoch: Insgesamt könnte ein Plus an körperlicher Aktivität das Tumorrisiko bei Männern um 13,6% und bei Frauen um 16% reduzieren. Die Daten schlagen sich auch in den Empfehlungen des WCRF nieder. Empfohlen wird moderate körperliche Aktivität, entsprechend flottem Gehen, für mindestens 30 Minuten pro Tag. Mit steigender Fitness sollen die Ziele höher gesteckt werden. Das ist allerdings nicht Evidenz-basiert. Gerade mit Blick auf das notwendige Ausmaß der körperlichen Belastung sind in der Primärprävention von Krebs noch viele Fragen offen.

Körperliche Aktivität für Brustkrebspatientinnen

Weniger gut ist die Datenlage zu der Frage, was Sport bei bereits diagnostiziertem Krebs leisten kann. Doch es verdichten sich die Hinweise, dass er bei vielen Krebsarten nicht nur primärpräventiv wirkt, sondern auch die Prognose günstig beeinflusst. Prof. Dr. Michael H. Schönberg, München, Kongresspräsident des Symposiums, forderte deshalb: "Tumorpatienten sollen nicht daliegen und sich nicht bewegen. Sie müssen raus aus dem Bermudadreieck aus Depression, Fernseher und Couch". Das gilt insbesondere für das Kolonkarzinom und das Mammakarzinom. In der Nurses´ Health Study, in der knapp 3000 Patientinnen mit verschiedenen Arten und Stadien von Mammakarzinomen ausgewertet wurden, zeigte sich ein günstiger Effekt von Sport mit einem Überlebensvorteil von 6% in zehn Jahren, erläuterte A. R. Carmichael, West Midlands (Großbritannien). Auch die WHEL (Women´s Healthy Eating Living)-Studie unterstreicht die Bedeutung körperlicher Aktivität nach Brustkrebsdiagnose. Frauen, die täglich mindestens 60 Minuten Nordic Walking betrieben, und das fünf Tage pro Woche, konnten ihr Mortalitätsrisiko mindestens halbieren im Vergleich zu Frauen, die weniger aktiv waren. Sie empfahl, Frauen nach der Diagnose Brustkrebs zu körperlicher Aktivität zu animieren. Dabei sollte auch nicht vergessen werden, dass Sport die Lebensqualität verbessert. Er steigert die Fitness und kann die typischen Nebenwirkungen der Chemotherapie wie Übelkeit, Erbrechen und Fatigue senken. Ähnliches gilt für Darmkrebspatienten. Schönberg verwies auf eine prospektive Studie, die zu dem Ergebnis kam: Wer Sport treibt, senkt seine Mortalität. Erreichten die Patienten mehr als 18 MET (metabloc equivalent task) pro Woche, verbesserte sich ihre Prognose im Mittel um 45%.


BMI beeinflusst Ansprechen auf eine Chemotherapie


In der ADEBAR (Adjuvant Docetaxel vs. Epirubicin Based Regimen Trial)-Studie, die den Effekt einer adjuvanten Therapie mit Taxanen bei 1.500 Patientinnen mit lokal fortgeschrittenem Mammakarzinom untersuchte, wurde auch der Einfluss des BMI auf das Ansprechen untersucht. Lag er über 30 kg/m2, war das krankheitsfreie Überleben deutlich schlechter als bei schlankeren Patientinnen, unabhängig von der Art des Chemotherapieregimes.

Schock als "teaching moment" nutzen

Patienten für regelmäßige körperliche Aktivität zu gewinnen, ist nicht immer einfach. Schönberg empfahl, den Schock über die Diagnose "Krebs" als "teaching moment" zu nutzen. Idealerweise sollten erste Bewegungsübungen bereits in der Klinik beginnen, mit fließendem Übergang in die Rehabilitationsphase. Die eigentliche Herausforderung aber beginnt, wenn der Patient wieder in seinen eigenen vier Wänden ist. Onkologe und Sportmediziner sollten einen individuellen Trainingsplan erstellen. Ideal: ein Ausdauertraining mit einer Herzfrequenz von 60 bis 75% der maximalen Herzfrequenz mit einem Krafttraining mit 40 bis 70% der Maximalkraft zu kombinieren. Auch umfassende Aufklärung über den Nutzen körperlicher Aktivität kann Krebspatienten motivieren. Hier kann auch in der Apotheke ein wichtiger Beitrag geleistet werden.

Auch beim Sport Kontra indikationen beachten

Schönberg verhehlte allerdings nicht, dass es auch Kontraindikationen gibt. Dazu gehören die Applikation kardio- oder nephrotoxischer Chemotherapeutika am selben Tag, Blutbildveränderungen, Bewusstseinseinschränkungen und Verwirrtheit, Kreislaufbeschwerden, ein akuter Infekt oder auch Schmerzen, die ein körperliches Training unmöglich machen. Als relative Kontraindikationen bezeichnete er vorübergehende postoperative Einschränkungen bis zur abgeschlossenen Wundheilung, ein erhöhtes Hernienrisiko oder auch eine ossäre Metastasierung, einhergehend mit einem erhöhten Frakturrisiko. Stomaträger sollten Kontaktsportarten meiden. Verzichten müssen sie auf Sport aber nicht. Selbst Schwimmen ist bei entsprechender Versorgung des Stomaausgangs möglich. Da der Flüssigkeitsverlust über ein Ileo-stoma erhöht ist, muss während und nach dem Sport für eine ausreichende Flüssigkeitssubstitution gesorgt werden.

Auch der BMI ist relevant

Eng mit körperlicher Aktivität korreliert ist das Körpergewicht, das ebenfalls prognosebestimmend ist. Bei Patienten mit Kolonkarzinom nach OP und adjuvanter Chemotherapie erhöhte sich das Risiko für ein Rezidiv oder Tod innerhalb von zehn Jahren bei einem BMI > 35 kg/m2 um 1,27, erläuterte Prof. Dr. Ellen Kampman, Wageningen (NL). Auch Brustkrebspatientinnen sollten auf ihr Gewicht achten. Eine Gewichtszunahme von mehr als 5 kg nach der Brustkrebsdiagnose verschlechtert das Gesamtüberleben um 20%. Insbesondere übergewichtige Frauen schränken ihre körperliche Aktivität ein, nur die Hälfte hat nach drei Jahren den gleichen Aktivitätslevel wie vor der Diagnose. Aber auch Brustkrebspatientinnen mit einem BMI > 25 kg/m2 zum Zeitpunkt der Diagnose haben eine schlechtere Prognose, nicht zuletzt, weil der Tumor bei ihnen oft später erkannt wird.


Apothekerin Dr. Beate Fessler



DAZ 2011, Nr. 49, S. 44

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