Schwerpunkt HIV und AIDS

HIV und Ernährung – eine Herausforderung

Ernährungsberatung und -therapie bei HIV und AIDS

Christof Meinhold

Die Ernährungsberatung und Ernährungstherapie von HIV- und AIDS-Patienten hat sich im Verlauf der letzten Jahre deutlich gewandelt. Standen bis zur Einführung der kombinierten antiretroviralen Therapie vorwiegend Mangelernährungssymptome im Vordergrund der Ernährungstherapie, rücken diese heutzutage deutlich in den Hintergrund. Nur bei spät diagnostizierten HIV-Infektionen mit fortgeschrittenem Stadium, bei Wasting oder im Vollbild AIDS steht der Aufbau von Gewicht und Muskelmasse noch im Fokus. Durch die besseren Therapiemöglichkeiten gegen den HI-Virus kommen mittlerweile vorwiegend Patienten mit kürzlich erfolgter Erstdiagnose, mit erhöhten Cholesterinwerten und/oder Triglyceridwerten, zur Prävention und Therapie von Osteoporose, koronaren Herzerkrankungen oder Diabetes mellitus und vor allem auch gastrointestinalen Beschwerden in die Ernährungssprechstunde. Wie die Ernährungs beratung und -therapie bei diesen Patienten aussieht, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Im Folgenden wird ein typischer Beratungsverlauf mit unterschiedlichen ergänzenden Beratungsanlässen im Verlauf der HIV-Infektion vorgestellt:

  • bei einem Patienten mit einer erst kürzlich erfolgten Erstdiagnose

  • bei einem Patienten unter antiretroviraler Therapie
    – mit unklaren Durchfällen
    – mit erhöhten Blutfettwerten (Triglycerid- und/ oder Cholesterinwerten)
    – mit Lipodystrophie-Syndrom

Patient mit einer erst kürzlich erfolgten Erstdiagnose

Die Betreuung dieser HIV-Patientengruppe kann – wie in Tabelle 1 dargestellt – wie folgt charakterisiert werden:


HIV-Anamnesegespräch

Das Anamnesegespräch ist im Wesentlichen vom Aufbau einer sehr offenen und persönlichen Beziehung geprägt, da bei Bekanntwerden einer HIV-Infektion immer noch mit einer Stigmatisierung des Betroffenen zu rechnen ist. Daher ist auch beim Handling der Patienten (Telefonate, Terminvereinbarungen, Besprechungsräume, Befundanforderung, Dokumentation) auf absolute Diskretion zu achten. Parallel ist das Erfassen der medizinischen Daten, des Krankheitsverlaufes, der Haupt- und Begleitmedikation, alternativer Therapien, Symptome und Beschwerden, Bewegungs- und Sportgewohnheiten wichtig. Die Einnahme von pflanzlichen Präparaten wie Echinacea, Ginseng, Johanniskraut, Knoblauch, Taigawurzel, Umckaloabo sollte stets auf die Sinnhaftigkeit und Wechselwirkungen geprüft werden. Ebenso wichtig ist das soziale Setting, da in der Frühphase der Infektion häufig Ärzte, Apotheker und Therapeuten die einzigen Menschen sind, mit denen sich die Patienten über die Infektion unterhalten können. Außerdem ist es wichtig, die wirtschaftlichen Verhältnisse der Patienten zu erfragen, da viele HIV-Positive aufgrund einer Frühberentung geringere geldliche Ressourcen haben, auf die sie zurückgreifen können.

In der Regel werden die bisherigen Ernährungsgewohnheiten mittels Food-Frequency-Methode, 24-h-Recall oder mit der Analyse eines Ernährungsprotokolls erfasst. Erste Beratungsthemen sollten identifiziert werden und sind dann auf der Basis der Ernährungsanalyse und der Körperzusammensetzungsmessung mit dem Patienten im Folgenden zu erörtern.


Messung der Körperzusammensetzung

Eine Messung der Körperzusammensetzung mittels bioelektrischer Impedanzanalyse zeigt, wie viel stoffwechselaktive Körperzellen und somit Eiweißreserven der Körper besitzt. Dies ist wichtig, da der Virus ein Eiweißpartikel ist und bei hoher Viruslast der Muskel abgebaut wird, wenn die Ernährung nicht genügend Eiweiß zur Verfügung stellt. Die Impedanzanalyse sollte möglichst nach Bekanntwerden der Infektion und dann mindestens einmal jährlich oder je nach Krankheitsbild und Viruslast häufiger wiederholt werden. Neben der stoffwechselaktiven Körpermasse lassen sich mithilfe der Methode auch Fettdepots und Veränderungen im Körper ermitteln und so differentialdiagnostisch der Kontext Wasting-Syndrom oder Lipodystrophie-Syndrom besser klären. Unter antiretroviraler Therapie empfiehlt sich als Basis zum Monitoring der Fettdepots eine BIA-Messung vor dem Beginn der Medikation und Kontrollmessungen in halbjährlichem oder jährlichem Rhythmus. Bewährt haben sich BIA-Aktionen in HIV-Schwerpunktpraxen oder HIV-Schwerpunkt apotheken, damit die Patienten einen möglichst niedrigschwelligen Einstieg in die Betreuung durch eine Ernährungsfachkraft haben. Die Messung der Leanbodymass (Magermasse) mittels Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DEXA) oder Bioelektrischer Impedanz Analyse (BIA) gehören schon seit Langem zum Standardmonitoring bei der HIV-Infektion und sollten in der ernährungstherapeutischen Betreuung beim Einsatz von Trinknahrung, Nährstoffsupplementen, enteraler und parenteraler Ernährung nicht fehlen [1].

  • Fallbeispiel Martin K. (Abb. 1) zeigt die Messwerte eines normalgewichtigen HIV-Patienten mit BMI 22, der über Müdigkeit und Schwäche berichtet. Die Viruslast liegt bei ca. 20.000 Viruskopien/ml unter antiretroviraler Therapie. Die Ergebnisse zeigen, dass der Patient trotz Normalgewicht eine viel zu geringe stoffwechselaktive Zellmasse (BCM) hat. Die leicht erhöhten Fettdepots mit 24 kg kaschieren den schlechten Ernährungszustand, der allein auf einer Körperwaage nicht aufgefallen wäre. Der niedrige Zellanteil mit 48,7% deutet auf eine zu geringe Eiweißzufuhr oder zu wenig Bewegung hin. Eine eiweißreiche und hochkalorische Kost (normale orale Kost oder unter Zuhilfenahme von Eiweiß-, Kohlenhydrat- oder Fettsupplementen bzw. Trinknahrung) sollte mit gezieltem Krafttraining kombiniert werden, damit der Patient stoffwechselaktive Zell- und Muskelmasse aufbaut und wieder zu Kräften kommt.

  • Fallbeispiel Jürgen S. (Abb. 2) kommt in die Ernährungssprechstunde, weil er unter Appetitlosigkeit leidet sowie eine starke Lipoatrophie im Gesicht und an den Extremitäten hat. Die Messung der Körperzusammensetzung zeigt sehr niedrige Fettdepots und eine sehr gute Muskel- und Zellmasse, da er regelmäßig Kraftsport treibt und dreimal wöchentlich zwei Stunden rudern geht. Da die niedrigen Fettdepots durch den intensiven Ausdauersport noch stärker reduziert werden, sollte das Rudern etwas reduziert werden bzw. parallel durch eine erhöhte Energiezufuhr gepuffert werden. Der Kraftsport kann in dem Umfang weitergeführt werden, da er eine hohe Muskelmasse sichert und der große Umfang an den Extremitäten den Rückgang des subkutanen Fettdepots kaschieren kann.

  • Fallbeispiel Ronald S. (Abb. 3) zeigt Messwerte von einem Patienten kurz nach der Erstdiagnose mit HIV und einer PcP-Lungenentzündung. Durch eine eiweiß- und vitaminreiche Ernährung sowie gezieltem Muskeltraining konnten die Parameter stoffwechselaktive Zellmasse (BCM), das Verhältnis von nicht-stoffwechsel aktiver Masse (ECM) zu stoffwechselaktiver Masse (BCM) mit dem ECM/BCM-Index, sowie Zellanteil und Phasenwinkel deutlich verbessert werden. Sie halten sich für ca. acht Jahren konstant gut.

Zum Erhalt der BCM und Muskelmasse ist eine feste Integration von ausreichend Bewegung und Sport in den Lebensalltag wichtig. Gomes et al. (2010) konnte in einer Studie zeigen, dass dreimal wöchentlich eine Kombination von Aerobic und Krafttraining einen positiven Effekt auf die Zufriedenheit mit dem Leben hat [5]. Hand et al. (2009) stellte fest, dass ein moderates bis intensives Aerobic- und Krafttraining sich nicht negativ auf die Immunparameter auswirkt und günstige Effekte in den Bereichen Körperzusammensetzung, Koordination, Muskelkraft, Gesamt- und HDL-Cholesterin, kognitive Funktionen, Depression, Angst, allgemeine Gesundheit und Lebensqualität zu verzeichnen sind [8].

Der Patient ist also zu einem individuell angepassten Training zu motivieren, bei dem eine Überforderung z. B. in Form von häufigem und/oder starkem Muskelkater vermieden wird. Im Idealfall wird die sportliche Aktivierung initial sporttherapeutisch begleitet, damit nicht zu schnell Muskelmasse aufgebaut wird und leichtfertig – durch zu ehrgeizige Sportler oder Trainer – regelmäßig ein Muskelkater in Kauf genommen wird.


Besprechung der Ernährungsanalyse

Bei der Auswertung eines Ernährungsprotokolls steht die bedarfsgerechte Versorgung mit Eiweiß, essentiellen Fettsäuren, Vitaminen, Mineralstoffen und Antioxidanzien im Vordergrund. Leider gibt es noch keine HIV-spezifischen evidenzbasierten Empfehlungen, so dass die Empfehlungen von Berger und Woods von 1999 (siehe Tab. 2 und Tab. 3) immer noch herangezogen werden müssen [2, 25]. Zu berücksichtigen ist, dass eine Vitaminsupplementation nicht immer zum Vorteil des Patienten ist. Eine Gabe von 1000 mg Vitamin C führte in einer Untersuchung zu einem signifikanten Absinken der Wirkstoffspiegel des Proteaseinhibitors Indinavir [20] und kann somit Resistenzen gegen die antiretrovirale Therapie bewirken. Bei 60% der HIV-Positiven lässt sich eine Osteopenie feststellen, bei 10 bis 15% eine krankhafte Osteoporose [4]. Daher wird bei allen HIV-Positiven mit Risikofaktoren wie niedrige Knochendichte, hohes Risiko für Knochenbrüche und chronische Nierenerkrankungen eine Überprüfung des Vitamin-D-Status empfohlen. Weitere Risikofaktoren sind dunkle Hautfarbe, mangelndes Sonnenlicht, Fehlernährung, verminderte Nährstoffaufnahme aus dem Darm und Fettleibigkeit. Lässt sich durch eine Ernährungsumstellung die Vitamin- und Mineralstoffversorgung nicht verbessern, ist auch an die Empfehlung von Vitamin- und Mineralstoffsupplementen zu denken.


Lebensmittelinfektionen

Möglichst frühzeitig sollte der HIV-Infizierte auf die Gefahren von unterschiedlichen Lebensmittelinfektionen (Salmonellose, Toxoplasmose etc.) hingewiesen werden. Insbesondere bei einer späteren Verschlechterung des Immunstatus wird dieser Aspekt immer wichtiger. Zum Schutz vor möglichen Lebensmittelinfektionen sollten nur erhitzte tierische Lebensmittel verzehrt werden. Milch sollte mindestens pasteurisiert, Eier hart gekocht, Fleisch und Fisch gut durchgegart sein. Vorsicht gilt bei Rohmilchkäse, weich gekochten Eiern, Tiramisu oder Mousse au Chocolate mit rohen Eiern, Sushi, Schweinemett, Rindertartar oder Carpaccio. Rohes Obst und Gemüse sind vor dem Verzehr gründlich zu waschen. Längeres Warmhalten von Speisen ist aus Hygienegründen und zum Vitamin erhalt zu vermeiden. Neben einer guten Küchenhygiene ist auf hygienische Bedingungen in der Speisenzubereitung be sonders zu achten – insbesondere bei Speisen angeboten in Selbsthilfeinstitutionen. Anschauliche, praxisnahe Beispiele für Hygienefehl verhalten lassen sich besonders gut bei gemein samen Kochseminaren identifizieren und thematisieren.


Gesunde Lebensführung

Aufgrund eines möglicherweise erhöhten Risikos für koronare Herzkrankheiten und unterschiedliche Krebsformen sollte der HIV-Infizierte zur Risikominimierung neben Ernährungsumstellung und Sport schon frühzeitig über die Vorteile des Nichtrauchens informiert und gegebenenfalls Nichtrauchertraining angeboten werden [10].


Monitoring der Ernährungsumstellung, Laborparameter und Körperzusammensetzung

Je nach herausgefundenen Beratungsthemen und notwendigen Umsetzungsschritten, steht die Anbindung der HIV-Patienten an eine Ernährungssprechstunde zur Kontrolle der Ernährungsparameter, der Laborwerte und Veränderungen der Körperzusammensetzung im Vordergrund. Hier eignen sich ergänzend Themen wie die Stärkung des Immunsystems durch Obst, Ge müse, sekundäre Pflanzenstoffe, ausreichend Eiweiß-, Vitamin- und Mineralstoffzufuhr, Sinnhaftigkeit von Nährstoffsupplementen, Aufbau von Gewicht- und Muskelmasse. Aber auch die praktische Umsetzung wie das Erlernen von Grundfertigkeiten beim Erstellen von Mahlzeiten sind hier bewährte Konzepte, das theoretische Wissen langsam in den Alltag zu integrieren. Besonders regelmäßige Kochveranstaltungen sind ideale Gelegenheiten, HIV-positive Singles zum Kochen und Aufbau von Netzwerken unter Gleichgesinnten zu motivieren.

Patient unter antiretroviraler Therapie

Nimmt die Anzahl der Helferzellen zu stark ab und steigt die Viruslast dauerhaft zu hoch an, wird die Virusvermehrung durch eine Kombination von antiretroviralen Wirkstoffen auf unterschiedlichen Wegen unterdrückt, was mit verschiedenen – teilweise ernährungstherapeutisch beeinflussbaren – Problemen verbunden sein kann.


Ungewollte Gewichtszunahme

Der Beginn einer antiretroviralen Therapie (ART) führt durch die Suppression der Virusreplikation bei gleichbleibender Nährstoffzufuhr in vielen Fällen zu einer Gewichtszunahme von 5 bis 15 kg. Sie resultiert vor allem aus der Zunahme der Fettmasse mit nur geringfügigen Veränderungen der fettfreien Masse und der stoffwechselaktiven Zellmasse (BCM) [16]. Damit der Patient von einer Gewichtszunahme auch gesundheitlich und leistungsmäßig profitiert, ist darauf zu achten, dass er mehr BCM als Fettdepots aufbaut. Grundvoraussetzung hierfür sind eine ausreichende Proteinzufuhr und gezieltes Krafttraining.


Einnahme antiretroviraler Medikamente

Zu beachten ist bei der Medikation, dass einige Wirkstoffe nüchtern oder zu einer Mahlzeit eingenommen besser resorbiert werden. Dies ist aus den jeweiligen Fachinformationen der Arzneimittel ersichtlich (s. a. Tab. 4). Erfahrungsgemäß hat es sich bewährt, die Arzneimittel – wenn es die Einnahmevorschriften zulassen – zu einer kleinen Mahlzeit einzunehmen, um gastrointestinale Nebenwirkungen wie Übelkeit, Völlegefühl, Appetitverlust und Durchfall zu reduzieren.

Bei der Einnahme von hochdosiertem Vitamin C konnte in einer Untersuchung ein Absenken des Wirkstoffspiegels von Indinavir (Crixivan®) im Blut gezeigt werden [20]. Ebenso sinkt der Wirkstoffspiegel von Saquinavir (Invirase®) bei Ein nahme von Knoblauchpräparaten [17]. Ein Absinken der Wirkstoffspiegel der antiretroviralen Therapie ist mit einem erhöhten Risiko für Resistenzbildung gegen diesen Wirkstoff oder gegen diese Wirkstoffklasse verbunden und sollte daher vermieden werden. Ein wichtiger Service bezüglich Interaktionen und Wechselwirkungen von natürlichen Nahrungsbestandteilen, Nahrungsergänzungsmitteln und der antiretroviralen Therapie ist die Interaktionshotline www.ifi-interaktions-hotline.de und die Plattform der Deutschen Aidshilfe www.hiv-wechselwirkungen.de.


Patienten mit Diarrhoe unter antiretroviraler Therapie

Störungen des Magen-Darm-Traktes sind häufige mit der HIV-Infektion und der antiretroviralen Therapie assoziierte Komplikationen. Sie können zu unzureichender Nahrungszufuhr, Diarrhoe und Absorptionsstörungen führen. Die Ursachen für eine Diarrhoe sind vielfältig und müssen in jedem Einzelfall geklärt werden. Sie können durch opportunistische Erreger (z. B. Microsporidia, Cryptosporidium pavum) oder eine HIV-Enteropathie verursacht sein. Eine verringerte HCl-Ausschüttung und die verminderte Bildung von Intrinsicfaktor werden ebenfalls oft beobachtet [12]. Ebenso kann die antiretrovirale Therapie zu Durchfällen führen, sowohl initial für zwei bis sechs Wochen als auch chronisch. Wichtig ist es, bei diesen chronischen Diarrhöen andere Ursachen wie Lactasemangel, Fructosemalabsorption, übermäßige Fructosezufuhr, Pankreasinsuffizienz, Histaminintoleranz, Lebensmittelallergien, Glutenunverträglichkeit und chronisch entzündliche Darmerkrankungen auszuschließen. Sollte der Patient sich in letzter Zeit im Ausland aufgehalten haben, ist auch an einen Erregerausschluss von Shigellen, Yersinien, Salmonellen, Campylobacter und Vibrio cholerae (Cholera), Reisediarrhoe durch Enterotoxin bildende Escherichia-coli-Bakterien (ETEC) etc. zu denken.

Diarrhöen können Störungen des Wasser- und Elektrolythaushaltes bewirken. Außerdem besteht die Gefahr einer unzureichenden Nährstoffaufnahme. Dies kann zum Verlust stoffwechselaktiver Zellmasse (BCM), Kraftverlust und Leistungsminderung führen. Nicht zu unterschätzen ist der Verlust an Lebensqualität und Mobilität, den wässrige, chronische Durchfälle oder plötzlicher Stuhldrang hervorrufen [23]. Für die Kommunikation mit den Patienten über Veränderungen der Stuhlkonsistenz haben sich die Piktogramme von Merz bewährt (vgl. Abb. 4) [14].

Als Ernährungsbasis bei chronischer Diarrhoe unter antiretroviraler Therapie kann zur Entlastung des Verdauungstraktes die sogenannte Leichte Vollkost herangezogen werden. Grundsätzlich ist jedoch auszuprobieren, was individuell gut verträglich ist. Für die Auswahl geeigneter Lebensmittel im Rahmen der Leichten Vollkost können für den Patienten entsprechende Broschüren "Durchfall & HAART" siehe www.mangelernaehrung-online.de oder als Anregung zum Kochen spezielle Rezepte (z. B. DGE 2008, Unilever 2009, Stromburg 2009, Roßmeier 1998) eine Hilfe sein [3, 19, 21, 24].

Zur Linderung von Diarrhöen hat sich neben der Medikation auch der Einsatz "altbewährter Hausmittel" bewährt. Hierzu gehören Schleimsuppen (z. B. Haferschleim, Reisschleim), pektinreiche Kost (geriebener Rohapfel, Karottensuppe, pürierte Banane) oder gerbstoffreiche Lebensmittel (Schwarztee, Grüntee, Heidelbeer-Aufguss, dunkle Schokolade). Wegen möglicher Komplexbildungen sollten gerbstoffreiche Lebensmittel möglichst nicht in zeitlichem Zusammenhang mit der antiretroviralen Therapie oder anderen Arzneimitteln verzehrt werden [7].

Studien konnten zeigen, dass ART-assoziierte Durchfälle auch durch die Einnahme von Calcium reduziert werden konnten. Die Patienten berichteten von umgehenden Besserungen bis hin zur Normalisierung des Stuhlgangs bei einer Dosierung von zweimal täglich 500 mg Calcium. Die Aufnahme des Calciums erfolgte wegen möglicher Komplexbildungen zwei Stunden vor/nach der antiretroviralen Medikation [15].

Der Einsatz von probiotischen Kulturen, löslichen Ballaststoffen und L-Glutamin konnte ART-assoziierte Diarrhöen ebenso reduzieren. In einer Studie von Heiser nahmen die Probanden 1,2 g Probiotika (Lactobaccillus acidophilus und Bifidobacter bifidum) morgens auf leeren Magen und 11 g lösliche Ballaststoffe (Plantago ovata Samenschalen, indischer Flohsamen) zwei Stunden nach der ART ein. Bei hartnäckigen Diarrhöen wurde gegebenenfalls ab der vierten Woche täglich 10 bis 30 g L-Glutaminpulver verabreicht. Die Diarrhöen verbesserten sich bei 86% der Patienten um mehr als 50% [9].

Ähnlich gute Wirkung auf die Stuhlkonsistenz erzielte der alleinige Einsatz von Probiotika. Hier haben sich die Kulturen aus probiotischen Drinks oder Joghurts und probiotische Präparate bewährt.

Um die Ansiedlung einer probiotischen Kultur sicherzustellen, sollten diese Produkte anfangs ein- bis zweimal täglich verzehrt und nicht zwischen unterschiedlichen Kulturen gewechselt werden. Bewährt haben sich Lebensmittel mit folgenden Kulturen:

  • Lactobacillus casei Shirota (Yakult®)

  • Lactobacillus casei DN-114 001 (Actimel®)

  • Lactobacillus johnsonii La 1 (Nestle LC1®)

  • Lactobacillus rhamnosus GG (Emmi fit®)

  • Bifidobacterium animalis subspecies lactis DN-173010 (Activia®)

Der Patient kann auch andere probiotische Kulturen ausprobieren, falls die genannten finanziell für ihn nicht infrage kommen. Diese haben aber häufig ihren Nutzen bei Diarrhöen, Blähungen und Flatulenzen noch nicht in Studien bewiesen. Zur Erhaltung der Kultur nach zwei bis vier Wochen reicht es oft, diese alle zwei Tage zu verzehren. Können Milchprodukte nicht eingesetzt werden, sind auch Probiotikapräparate wie Symbio lact comp.®, VSL#3® eine Möglichkeit.

Weitere Ernährungstipps und Einnahmeempfehlungen zu den althergebrachten Hausmitteln gegen Diarrhöe stehen Patienten in einer speziellen Sammlung "Diarrhöe und HAART" zum Download unter www.mangelernaehrung-online.de zur Verfügung [7].


Völlegefühl, Blähungen, Flatulenzen unter antiretroviraler Therapie

Als eine häufig "nur unangenehme" Nebenwirkung wird nach dem Start der antiretroviralen Therapie über Völlegefühl, Blähungen und Flatulenzen berichtet. Auch hier ist es wichtig, dass eine gute Ausschlussdiagnostik ähnlich wie bei der Diarrhoe betrieben wird. Können Unverträglichkeiten ausgeschlossen werden, haben sich kleine Mahlzeiten und der Einsatz von Probiotika bewährt.


Appetitverlust und Übelkeit unter antiretroviraler Therapie

Appetitverlust und Übelkeit können unterschiedliche Ursachen haben. So berichten Patienten, die eine große Anzahl an Tabletten nehmen, häufig von diesen Nebenwirkungen. Auch der Zeitpunkt der Einnahme und die Mahlzeitenabhängigkeit hat von Fall zu Fall einen Einfluss. Teilweise kann der Patient die Einmalgabe eines Medikamentes auf den späten Abend legen, so dass er Nebenwirkungen einfach verschläft. Teilweise kann es hilfreich sein – so weit zulässig – Medikamente erst nach einer kleinen bis mittleren Mahlzeit einzunehmen. Bei anderen Patienten tritt Appetitverlust und Übelkeit parallel mit der Übermittlung des HIV-Testergebnisses oder begleitender schwerer Erkrankungen auf und verliert sich zum Teil wieder mit zunehmender Akzeptanz und Bewältigung der HIV-Infektion. Hier ist die Anbindung an Selbsthilfestrukturen oder spezialisierte Psychotherapeuten sinnvoll.


Fettstoffwechselstörungen unter antiretroviraler Theapie

Die Zunahme der koronaren Herzerkrankungen bei HIV-Positiven führt zu einer besonderen Beobachtung der Fettstoffwechselwerte und den assoziierten Erkrankungen. Durch die antiretrovirale Therapie steigen zum Teil die Triglyceridwerte im Blut. Hierdurch besteht die Gefahr einer akuten Pankreatitis, LDL-Cholesterinerhöhungen, HDL-Cholesterinabsenkungen, Leber- und Milzvergrößerungen, etc. Es ist unbedingt zu vermeiden, das diese medikamentenbedingten Fettstoffwechselveränderungen sich auf eine vererbte Fettstoffwechselstörung setzen und die Progression koronarer Herzerkrankungen vorantreiben. So ist es erforderlich, Blutfettwerte vor dem Start der antiretroviralen Therapie mit zu berücksichtigen und ggfs. spezielle Laboruntersuchungen auf small-dense-LDL-Spiegel zu Rate zu ziehen [18]. Eine Anbindung von HIV-Positiven mit Fettstoffwechselstörungen vor Beginn einer Fettstoffwechselmedikation hat sich bewährt, insbesondere weil es zur Beeinflussung der Wirkstoffspiegel der ART durch einige Statine kommen kann. Speziell ausgebildete Fachkräfte sind beim Kompetenznetzwerk Fettstoffwechsel (www.netzwerk-fettstoffwechsel.de) zu finden.


Patienten mit Lipodystrophie-Syndrom

Durch das Lipodystrophie-Syndrom wird HIV wieder sichtbar in der Gesellschaft. Hiervor haben viele HIV-Positive Angst, insbesondere vor Diffamierung und Diskriminierung. Die Ausprägungen des Syndroms sind unterschiedlich. Bei der Hypotrophie verschwindet das Unterhautfettgewebe an den Extremitäten, am Gesäß und vor allem im Gesicht. Letzteres befürchten viele, da dadurch eine HIV-Infektion nicht mehr versteckbar ist. Bei der Hypertrophie kommt es zu Fettansammlungen im viszeralen Bauchbereich unter der Muskeldecke, zu Lipomatose (kreisrunde Fettansammlung im Halsbereich), Buffalo hump (Fettansammlung im Nackenbereich). Diese Fettansammlungen sind unangenehm, können aber bis zu einem gewissen Grad mit geschickter Kleidung kaschiert werden. Daneben zählen unterschiedliche Stoffwechselentgleisungen zum Lipodystrophie-Syndrom, wie erhöhte Blutfettwerte, Diabetes mellitus und Osteoporose. Eine einheitliche Definition dieses Syndroms existiert noch nicht [10].

Lindegaard et al. demonstrierte 2008 den Effekt eines Kraft- und Ausdauertrainings auf unterschiedliche Parameter [13]. Die Forschungsgruppe beobachtete u. a., dass nur Krafttraining die Fettmasse reduzierte, nicht jedoch das Ausdauertraining. Krafttraining hatte günstige Effekte auf HDL-Cholesterinwerte, wo hingegen das Ausdauertraining sich positiv auf HDL- und LDL-Werte auswirkte.

Fazit

Die präventive Ernährungsberatung bei kürzlich diagnostizierten HIV-Positiven und die Ernährungstherapie bei symptomatischen HIV-/AIDS-Patienten ist eine interessante und wichtige Aufgabe, die durch die Chronifizierung des Infekts und der verbesserten antiretroviralen Medikation zunehmend auch klassische Stoffwechselstörungen wie Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen und Osteoporose mit berücksichtigen muss. Eine gute Versorgung mit Makro- und Mikronährstoffen unterstützt das Immunsystem, um möglichst lange ohne antiretrovirale Therapie auszukommen.

Ein regelmäßiges Monitoring der Körperzusammensetzung hilft Veränderungen im Bereich Muskelmasse oder Fettdepots frühzeitig zu erkennen. Lebensmittelinfektionen sind vermeidbar, insbesondere bei stark immungeschwächten Patienten. Gastrointestinale Beschwerden sollten geklärt werden, da sich auch Lebensmittelunverträglichkeiten und -allergien dahinter verstecken könnten.

Bei erhöhten Triglycerid- und Cholesterinwerten sind mögliche familiär ererbte Ursachen einer koronaren Herzerkrankung bei der Ernährungstherapie mit zu berücksichtigen.

Die frühzeitige Motivation zum Nichtrauchen sollte fester Bestandteil in dem Kontakt mit HIV-Patienten sein.

Motivation zu mehr Bewegung und Sport hilft, viele Stoffwechselparameter und die Lebensqualität zu verbessern.


Literatur

[1] A.S.P.E.N.: Guidelines for the use of parenteral and enteral nutrition in adult and pediatric patients. J Parenter Enteral Nutr 26, 85SA – 87SA (2002)

[2] Berger DS: Enteral and parenteral support. In: Miller TL, Gorbach GL (Hrsg.): Nutritional aspects of HIV infection. Arnold, London, Sydney: 140 – 159 (1999)

[3] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (Hrsg.): Leichte Vollkost, Artikel-Nr. 123030, Bonn (2008)

[4] EACS European AIDS Clinical Society, European Guidelines for treatment of HIV infected adults in Europe, Version 6.1, November 2011

[5] Gomes RD, et al.: Effects of physical exercise in the perception of life satisfaction and immunological function in HIV-infected patients: Non-randomized clinical trial, Rev Bras Fisioter Oct;14(5):390 – 395 (2010)

[6] GEM - Gesellschaft zur Förderung von Ernährungstherapien bei Malnutrition (GEM) e. V. (Hrsg.): Essen & Trinken – HIV & HAART, 3. Aufl., Pliezhausen (2008) Download: www.mangelernaehrung-online.de

[7] GEM - Gesellschaft zur Förderung von Ernährungstherapien bei Malnutrition (GEM) e. V. (Hrsg.): Durchfall & HAART, 2. Aufl., Pliezhausen (2006), Download: www.mangelernaehrung-online.de

[8] Hand GA, et al.: Impact of Aerobic and Resistance Exercise on the Health of HIV-Infected Persons, Am J Lifestyle Med. November 1; 3(6): 489 – 499 (2009)

[9] Heiser CR et al. Probiotics, soluble fiber, and L-glutamine (LGN) reduce nelfinavir (NFV)- or lopinavir / ritonavir (LPV / r)-related diarrhea. J Int Assoc Physicians AIDS Care (Chic Ill) 3: 121 – 129 (2004)

[10] Hoffmann C, Rockstroh JK (Hrsg.): HIV-Buch. Medizin Fokus Verlag. www.hiv-buch.de (2010)

[11] Kompetenznetzwerk Fettstoffwechsel der Deutschen Gesellschaft der qualifizierten Ernährungstherapeuten und Ernährungsberater (QUETHEB e.V.) und der Deutschen Gesellschaft für Fettwissenschaft e. V. (DGF) www.netzwerk-fettstoffwechsel.de

[12] Kotler DP: Human immunodeficiency virus-related wasting: malabsorption syndromes. Semin Oncol 25, 70 – 75 (1998)

[13] Lindegaard B et al: The Effect of Strength and Endurance Training on Insulin Sensitivity and Fat Distribution in Human Immunodeficiency Virus-Infected Patients with Lipodystrophy, J Clin Endocrinol Metab 93, 3860 – 3869 (2008)

[14] Merz R: Validation of an New Measure of Diarrhea. Digestive Diseases and Sciences 40 (9), 1873 – 1882 (1995)

[15] Perez-Rodriguez E et al. The role of calcium supplements in the treatment of nelfinavir-associated diarrhoea. 39th ICAAC, San Francisco, abstract 1308 (1999)

[16] Pernerstorfer-Schön H, Schindler K, Parschalk B et al.: Beneficial effects of protease inhibitors on body composition and energy expenditure: a comparison between HIV-infected and AIDS patients. Aids 13, 2389 – 2396 (1999)

[17] Piscitelli SC, Burstein AH, Welden N, Gallicano K, Falloon J: Garlic Supplements Decrease Saquinavir Plasma Concentrations. 8th Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections Abstr. 743 (2001)

[18] Richter WO: Taschenbuch der Fettstoffwechselstörungen, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart, Sonderauflage (2005)

[19] Roßmeier A: Das große Buch der Leichten Küche, Südwest Verlag (1998)

[20] Slain D, Amsden JR, Khakoo RA, Effect of high-dose vitamin C on the steady-state pharmacokinetics of the protease inhibitor indinavir in healthy volunteers. Pharmacotherapy 25,165 – 70 (2005)

[21] Stromburg H: Kochen mit Bauchgefühl, edition Fischer-Piepenbrock (2009)

[22] Tenzif S: MOS-HIV Health Survey Questionnaire vs. Karnofsky Performance Scale in assessing physical health in a study of People Living With HIV/AIDS (PHAs): A comparison. Third International Conference on Nutrition and HIV Infection Cannes, P-51 (1999)

[23] Tramarin A: Association between diarrhea and quality of life in HIV-infected patients receiving highly active antiretroviral therapy, Quality of Life Research 13: 243 – 250, (2004)

[24] Unilever: Leichte Vollkost, 5. akt. Auflage, (2009), Download: www.ernaehrungs-forum.com/Infomaterialien/Broschueren

[25] Woods M: Dietary recommendations for the HIV/AIDS patient. In: Miller TL, Gorbach GL (Hrsg.): Nutritional aspects of HIV infection. Arnold, London, Sydney, Auckland (1999)


Autor

Dipl. oec. troph. Christof Meinhold, Praxis für Ernährungsberatung, Görresstraße 9, 50674 Köln, E-Mail: anmeldung@christof-meinhold.de, www.praxis.christof-meinhold.de



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DAZ 2011, Nr. 48, S. 82

Abb. 1: Fallbeispiel Martin K., BMI 22; Beratungsanlass: Müdigkeit, Schwäche; Viruslast c. 20.000 Viruskopien/ml, antiretrovirale Therapie.
Abb. 2: Fallbeispiel Jürgen S.; Beratungsanlass: Appetitlosigkeit, starke Lipoatrophie (Gesicht, Extremitäten).
Abb. 3: Fallbeispiel Ronald S., HIV-Erstdiagnose, PcP-Lungenentzündung, Verbesserung des Ernährungsstatus durch ernährungstherapeutische Beratung.
Abb. 4: Piktogramme für die Stuhlkonsistenz nachMerz(1995).

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