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Hess zweifelt an Milliarden-Einsparung

BERLIN (dpa/daz). Schon jetzt heißt es oft, das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) lasse die Ausgaben für Medikamente purzeln. Tatsächlich zeigt das Herzstück des Gesetzes, die frühe Nutzenbewertung, noch gar keine Wirkung. Selbst wenn im kommenden Jahr die ersten Erstattungspreise für neue Arzneimittel ausgehandelt werden – Rainer Hess, der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), sieht die vom Gesetzgeber eingeplanten Einsparungen nicht so schnell realisiert.
Foto: G-BA/Svea Pietschmann
Für unrealistisch hält der G-BA-Vorsitzende Hess die vom Gesetz geber durch die frühe Nutzenbewertung geplante Einsparsumme von zwei Mrd. Euro.

Derzeit werden die ersten, in diesem Jahr neu auf den deutschen Markt gekommenen Medikamente auf ihren Mehrwert für die Patienten geprüft. Doch die angekündigten Einsparungen von zwei Milliarden Euro jährlich sind nicht in Sicht. Dieses Einsparziel sei nur realistisch, wenn der G-BA auch die schon länger auf dem Markt befindlichen Arzneimittel bewerte, sagte Hess der Nachrichtenagentur dpa. Allein mit der Bewertung neuer Arzneimittel lasse es sich nicht erreichen. Die Bewertung des Bestandsmarkts sei aber ein langfristiges Großprojekt, so Hess weiter. "Derzeit können wir nicht sicher einschätzen, wann ein nennenswerter Anteil an Wirkstoffen einer neuen Bewertung unterzogen sein wird". Vorerst ist man also mit neuen Arzneimitteln beschäftigt. Hess zufolge haben Pharmafirmen bislang Dossiers zu 24 neuen Mitteln eingereicht. Auf deren Basis entscheidet der G-BA, welchen Zusatznutzen ein neues Mittel – wenn überhaupt – hat. "Voraussichtlich noch in diesem Jahr wird der G-BA die erste frühe Nutzenbewertung abschließen", kündigte Hess an. Im Januar können dann die Preisverhandlungen starten. GKV-Spitzenverband und Herstellerverbände sind sich in weiten Teilen über das Prozedere einig. Offen ist allerdings noch, wie die im Gesetz vorgesehenen europäischen Vergleichspreise einbezogen werden sollen. Diese Frage haben Kassen und Hersteller ihrer Schiedsstelle zur Entscheidung vorgelegt.

Hess zeigte sich optimistisch: "Anfangsschwierigkeiten werden alle Betroffenen und Beteiligten gemeinsam überwinden." Dann werde der tatsächliche Zusatznutzen neuer Produkte früher als bisher erkennbar sein. Echte Innovationen würden den Patienten nicht vorenthalten. "Deutschland ist ein viel zu großer und bedeutender Markt, als dass die Industrie auf diesen verzichten könnte." Mittelfristig werde das schwarz-gelbe Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes einen starken Anreiz setzen, Produkte mit Mehrwert marktreif zu machen.


Foto: AkdÄ
300 bis 500 Wirkstoffe – statt der derzeit rund 2000 zugelassenen – würden aus Sicht des AKdÄ-Vorsitzenden Ludwig für eine gute medizinische Versorgung ausreichen.

AKdÄ-Vorsitzender: Zu viele Arzneimittel

Indessen erklärte der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, dass es in Deutschland "definitiv zu viele Arzneimittel" gebe. Es seien rund 20.000 verschreibungspflichtige Arzneimittel mit rund 2000 Wirkstoffen zugelassen – 300 bis 500 dieser Wirkstoffe dürften für eine gute medizinische Versorgung ausreichen, meint Ludwig. "In einzelnen Bereichen wie der Schmerztherapie bei Tumorpatienten sind die Verordnungen oft sehr irrational." Er mahnte an, solche kostenträchtige Medikamentengruppen gezielt zu überprüfen. Für Ludwig ist es allerdings fraglich, ob G-BA und IQWiG die hierzu nötige Kapazität haben.

Ludwig geht davon aus, dass neuen Mitteln künftig häufiger ein fehlender Mehrwert für die Patienten bescheinigt wird. Nach optimistischen Schätzungen könne durch etwa 30 Prozent der neuen Wirkstoffe ein therapeutischer Fortschritt erreicht werden, andere gingen nur von 10 Prozent aus. "Auf die restlichen Präparate könnten wir in Zukunft verzichten, ohne dass sich die Qualität der Patientenversorgung verschlechtert", so Ludwig. Für die Zukunft hofft er, dass die Hersteller stärker einen Zusatznutzen für die Patienten anstreben. "Dann hätten wir für unsere Patienten mehr Wirkstoffe, die nicht nur Scheininnovationen sind und keinen therapeutischen Fortschritt bringen."



DAZ 2011, Nr. 46, S. 20

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