Selbstmedikation

Der Wunsch nach Selbstmedikation nimmt zu

In den letzten 20 Jahren hat sich die Behandlung der Vaginal mykosen zunehmend mehr in den OTC Bereich verschoben. Während 1990 34% der Vaginaltherapeutika in der Apotheke ohne ärztliche Verordnung gekauft wurden, sind es mittlerweile 80%. Wie wichtig ist die pharmazeutische Beratung? Wie kann man im Beratungsgespräch Kundenwünschen und der Arzneimittelsicherheit gerecht werden?

Vaginalmykosen kommen sehr häufig vor. Studien zufolge leiden ca. 30 bis 40% aller deutschen Frauen mindestens einmal im Leben unter einer solchen Pilzinfektion, wobei die Erstinfektion bereits im Alter zwischen 18 und 30 Jahren auftritt. Die Hälfte der Betroffenen erkrankt sogar ein zweites Mal. Doch trotz der weiten Verbreitung und der Verbraucheraufklärung in den Medien ist das Krankheitsbild für viele nach wie vor ein Tabuthema. Eine Marktforschungsanalyse der Firma Bayer Vital GmbH konnte zeigen, dass sogar die Gespräche mit dem Partner bei einer Erkrankung nicht stattfinden, weil die Betroffenen neben Schamgefühl auch Schuldgefühle entwickeln. Dr. Walter Schulze, Leiter der Marktforschung Consumer Care, erläuterte diese Ergebnisse: "Viele Frauen fühlen sich ‚unrein‘, machen sich Selbstvorwürfe und fragen sich sogar, ob sie unter einer Geschlechtskrankheit leiden." Sie ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück, meiden Sport und treffen übertriebene Hygienemaßnahmen. "Aus diesem Leidensdruck heraus ist es verständlich, dass der größte Wunsch der Betroffenen eine schnell einsetzende und unkomplizierte Therapie ist", so Schulze.

Prof. Dr. Hans-Jürgen Tietz, Leiter des Instituts für Pilzkrankheiten in Berlin, bestätigte die Ergebnisse der Marktforschungsanalyse aus seiner Praxis erfahrung: "Auch wir beobachten bei den Patienten sehr große Einbußen an Lebensqualität und sehr häufig auch Schuldgefühle, ganz besonders bei einer wiederholten Infektion." Hier sei es wichtig, den Verbraucher zu informieren, dass es keine Immunität gegenüber Pilzinfektionen gibt. "Eine Pilzinfektion ist keine Kinderkrankheit, die man nur einmal bekommt. Wer daran erkrankt, kann sich immer wieder neu infizieren", so der Experte. Für das Beratungsgespräch in der Apotheke sei diese Botschaft wichtig, um den Betroffenen Mut zu machen und sie von Selbstvorwürfen zu befreien. Darüber hinaus gebe es auch positive Aspekte beim Krankheitsbild. "Pilzinfektionen haben einen großen Vorteil gegenüber vielen anderen Krankheitsbildern: sie sind heilbar und können mit Antimykotika effektiv und sicher behandelt werden, auch wenn es sich um Rezidive handelt." Voraussetzung ist jedoch, dass die Diagnose stimmt. "Hier kann die Beratung in der Apotheke entscheidend unterstützen."

Symptome im Beratungsgespräch abfragen

Bei der Beratung in der Apotheke sollten vor der Abgabe eines Antimykotikums unbedingt die typischen Symptome der Vaginalmykose wie Rötung, Juckreiz und säuerlich riechender weißlicher Ausfluss abgefragt werden, um herauszufinden, ob die "Selbstdiagnose" zutrifft.

Das gesunde Scheidensekret ist eine weißlich-zähe bis dünnflüssig-klare Flüssigkeit mit leicht säuerlichem Geruch. Bei einer Pilzinfektion verändert sich dieser Geruch kaum, bei bakteriellen Infektionen im Gebärmutterhals oder in der Scheide nimmt man dagegen einen deutlich unangenehmen Geruch wahr.

Der häufigste Erreger der Vaginalmykose ist Candida albicans. Faktoren wie eine Antibiotikatherapie, Infektionen im Körper, die Einnahme von Immunsuppressiva, Diabetes mellitus, hormonelle Verhütung, eine trockene Scheide (Wechseljahre) oder übertriebene Intimhygiene können die Infektion begünstigen.


Leitsymptome der Vaginalcandidose


  • Juckreiz oder Brennen im Scheidenbereich

  • geröteter und geschwollener äußerer Genitalbereich

  • gelblich-krümelige, "Quark-ähnliche" Absonderungen aus der Scheide

  • weißliche Beläge im Bereich der Schamlippen und der Klitoris

  • meist unauffälliger Geruch

Behandlung – ein, drei oder sechs Tage?

"Ideal ist es, wenn man gleich mit den ersten Symptomen behandelt", so Tietz. Dafür stehen im Bereich der Selbstmedikation mehrere Wirkstoffe zur Verfügung. Nystatin, das erste, topisch angewandte Pilzmittel, werde allerdings bei Vaginalmykosen aufgrund resistenter Stämme kaum noch eingesetzt. Weitere Therapieoptionen im Rahmen der Selbstmedikation sind mit Miconazol oder Clotrimazol gegeben, wobei die Paul-Ehrlich-Stiftung Clotrimazol als Mittel der Wahl einstuft.


Ein-Tages-Therapie bevorzugt


53% der Frauen bevorzugen eine Ein-Tages-Therapie, 32% die Drei-Tages-Therapie, so eine Marktforschungsanalyse der Bayer Vital GmbH. Je größer der Leidensdruck, desto schneller soll das Medikament greifen.


In Bezug auf die Clotrimazoltherapie bevorzugen die meisten Frauen die Ein-Tages-Therapie (51,5% Canesten® Gyn once), dicht gefolgt von der Dreitagestherapie (45,4% Canesten® Gyn), die Sechs-Tages-Therapie kommt im OTC Bereich kaum noch vor, so die Ergebnisse einer offenen multizentrischen Beobachtungsstudie mit 978 Patientinnen und 236 gynäkologischen Praxen [Tietz H-J, Becker N-H: Vergleich der topischen Ein- und Drei-Tageskombi-Therapie: gyne [2011], 17: in Druck]. Die Studie zeigte außerdem, dass die Hochdosistherapie mit Canesten® Gyn once bezüglich Wirksamkeit und Anwenderzufriedenheit besser bewertet wurde. Es kam bei den behandelten Frauen zu einem schnelleren Rückgang der Symptome ohne Einbußen der Verträglichkeit versus Standardtherapie von drei Tagen. Insbesondere in den ersten zwölf Stunden kam es bei der Eintagestherapie zu einer signifikant stärkeren Reduktion der Beschwerden (Rötung, Juckreiz, Brennen).


Zum Weiterlesen


Pilzinfektionen sind heilbar.

Therapien der häufigsten Mykosen


DAZ 2011, Nr. 20, S. 70 – 75.

Vorteile der Hochdosistherapie

Bei der Eintagestherapie gibt es zwei Effekte, die dafür sorgen, dass die Symptome schnell und effektiv zurückgedrängt werden. Zum einen nutzt man den Depoteffekt aus. Hier werden 500 mg Clotrimazol als Vaginaltablette einmalig appliziert, wobei die Freisetzung des Wirkstoffs kontinuierlich über mindestens 72 Stunden erfolgt. Es gibt keine Complianceprobleme und in der Regel auch keine Anwendungsfehler, wenn eine ausführliche Beratung in der Apotheke stattgefunden hat. Bei der Dreitagestherapie, bei der dreimal 200 mg Clotrimazol verabreicht werden, erfolgt die Anwendung nicht immer fachgerecht (Compliance).

Der zweite Effekt, der die Wirksamkeit von Clotrimazol in der Dosierung von 500 mg verbessert, ist der Milchsäurezusatz. Dieser sorgt für eine verbesserte Löslichkeit und damit eine verbesserte Effizienz des Wirkstoffs. Der Milchsäurezusatz senkt darüber hinaus den pH-Wert im Vaginalepithel. Das begünstigt zunächst den Anstieg des Pilzwachstums, da Candida-Pilze in saurem Milieu gute Vermehrungsbedingungen finden. Doch gerade das wird den Krankheitserregern zum Verhängnis, da Clotrimazol den Pilz in der Vermehrungsphase an seinem empfindlichsten Punkt trifft. Clotrimazol hemmt die Ergosterolsynthese und behindert dadurch den Aufbau der Zellmembran des Pilzes. Ein weiterer Angriffspunkt ist die direkte Bindung an die Phospholipide der Zellmembran, was zu Permeabilitätsveränderungen und Strukturstörungen führt. Der Milchsäurezusatz sorgt dafür, dass Clotrimazol eine große Angriffsfläche hat und dementsprechend optimal wirken kann.


Interview

"Pilze lieben Säure"


Wir sprachen mit Prof. Hans-Jürgen Tietz vom Institut für Pilzkrankheiten und Mikrobiologie, Berlin, und baten ihn um praktische Tipps für die Behandlung und Vorbeugung von Vaginalmykosen. Denn bei den hartnäckigen und häufig wiederkehrenden Pilzinfektionen der Scheide ist eine medikamentöse Therapie angeraten.


DAZ: Herr Tietz, wann empfehlen Sie Frauen die Anwendung von Milchsäurebakterien?

Tietz: Wenn diese im Vaginalbereich fehlen und damit auch die gesunde Barriere gegen Harnwegserreger und andere Bakterien. Das kann beispielsweise nach einer Antibiotikatherapie der Fall sein.


DAZ: Wann sollte die Anwendung keinesfalls stattfinden?

Tietz: Frauen mit einer gesunden Scheidenflora brauchen diese Therapie nicht. Auch nicht nach einer Pilzinfektion. Vulva und Scheide benötigen dann keine Säure, sondern Pflege und Regeneration. Was viele nicht wissen: wenn keine Antibiotikatherapie vorausgegangen ist, haben die meisten Mykose-Patientinnen eine völlig intakte Flora. Diese muss daher nicht aufgebaut werden, da sie während der Pilz-Therapie nicht zerstört wurde.


DAZ: Wie lange ist eine solche Einnahme sinnvoll?

Tietz: Normalerweise eine Woche, aber bei manchen Frauen reicht das trotzdem nicht aus, um fehlende Milchsäurebakterien anzusiedeln. In dieser Situation empfehle ich als Ersatzabwehrstoff gegen bakterielle Keime eine Kombination von Milchsäurebakterien mit Ascorbinsäure, beispielsweise Vagi® C einmal wöchentlich anzuwenden, mitunter lebenslang.


DAZ: Lieben alle Pilze Säure?

Tietz: Nein, nur Hefepilze lieben Säure, zu denen auch Candida albicans gehört. Sie besitzen sogar Gene, die zum Schutz vor niedrigem pH-Wert (Säure-Gen) und H2O2 (Katalase-Gen) eingeschaltet werden können.


DAZ: Welche Maßnahmen empfehlen Sie neben der antimykotischen Therapie?

Tietz: Als Arzt muss ich auf die Vermeidung von Infektionsquellen hinweisen, um eine anhaltende Heilung zu erreichen. Denn ohne Erreger kommt es nicht zur Infektion, unabhängig davon, wie die psychische oder immunologische Situation der Frau ist. Prophylaktisch sollten die Frauen keine Whirlpools benutzen, da diese meist hochgradig kontaminiert sind. Auch die Anwendung von in Joghurt getränkten Tampons kann die Infektion begünstigen, ebenso wie Genital-Piercings, da die Medikamente im Stichkanal nicht wirken. Oraler Sex, wenn der Mund des Partners mit der Scheide in Kontakt kommt, erhöht ebenfalls das Infektions risiko. Die häufigste Infektionsquelle stellt jedoch der eigene Darm dar. Hier sollten die Frauen auf richtige Toilettenhygiene achten und gegebenenfalls eine Darmsanierung in Betracht ziehen.


DAZ: Wie können Frauen einer Pilzinfektion vorbeugen?

Tietz: Am Besten ist es, möglichst keine Erreger an die genetischen Andockstellen in der Scheide heranzulassen. Kehrt die Infektion immer wieder, sollte der Arzt die genannten potenziellen Infektionsquellen untersuchen und behandeln. Wichtig ist eine vitaminreiche gesunde Ernährung, aber keine drastische Anti-Pilzdiät. Die schadet dem Pilz nicht, dafür der Abwehr, die Zucker braucht. Eine Grippeimpfung im Herbst verbessert neben dem spezifischen Erregerschutz auch die allgemeine Immunsituation.


DAZ: Herr Professor Tietz, vielen Dank für das Gespräch!


Apothekerin Elke Engels



DAZ 2011, Nr. 46, S. 68

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