Aus Kammern und Verbänden

Pflanzliche Wirkstoffe – ein breites Forschungsgebiet

Vom 4. bis 9. September fand in Antalya die 59. Internationale Tagung der Gesellschaft für Arzneipflanzen- und Naturstoffforschung (GA) statt. Bei tropischen Temperaturen trafen sich etwa 700 Wissenschaftler aus über 30 Ländern, um neue Ergebnisse auf dem Gebiet der pflanzlichen Wirkstoffe und ihrer therapeutischen Anwendungen zu diskutieren. Organisator der Tagung war Prof. Hüsnü Can Bașer von der Universität Eskișehir.

Der Kongress begann mit dem Young Researchers’ Workshop, der großen Zuspruch unter den zahlreich angereisten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fand und thematisch die gesamte Breite der Veranstaltung abbildete. Ebenso starken Zuspruch fand der Workshop des Permanent Committee on Regulatory Affairs of Herbal Medicinal Products, das unter der bewährten Leitung von Susanne Alban, Kiel, und Arnold Vlietinck, Antwerpen, stattfand. Hier ging es insbesondere um regulatorische Probleme bei Nahrungsergänzungsmitteln pflanzlichen Ursprungs und traditionellen Arzneimitteln in der EU. Die Frage nach der Harmonisierung der unterschiedlichen Regelungen in den einzelnen Mitgliedsländern wurde kontrovers diskutiert.

Zwölf Plenarvorträge, 17 Kurzvorträge und drei weitere Workshops ermöglichten einen aktuellen Überblick zu Forschungsrichtungen der modernen Naturstoffforschung, wobei sowohl neue Strategien der Wirkstoffsuche als auch Aspekte der Anwendung pflanzlicher Produkte dargestellt wurden – Letzteres nicht nur in der klassischen westlichen Phytotherapie, sondern auch in der traditionellen chinesischen Medizin.

Prof. Dr. Veronika Butterweck, Universität von Florida, stellte die Bedeutung der mikrobiellen Metabolisierung von Flavonoiden im Gastrointestinaltrakt für die Wirkung flavonoidhaltiger Phytopharmaka heraus. Unter Berücksichtigung des individuellen Mikrobioms (der Gesamtheit der Mikroorganismen eines Menschen) und seiner Metabolisierungskapazität ergeben sich neue Einsichten zur Pharmakodynamik von pflanzlichen Wirkstoffen, aber auch zur Frage von Respondern und Non-Respondern. Eine spannende Fragestellung, die sicher ganz neue Erkenntnisse erbringen wird.

Metabolisches Syndrom

Für die Phytotherapie war der Workshop "Biological and pharmacological activities of natural products" von besonderem Interesse. Im Mittelpunkt standen das metabolische Syndrom, seine genetischen Ursachen, pharmakologische Beeinflussungsmöglichkeiten sowie pflanzliche Wirkstoffe zur Therapie. Zunächst stellte Günter Vollmer, TU Dresden, neue Forschungsergebnisse zu molekularen Angriffspunkten für eine Beeinflussung des Lipidstoffwechsels vor. Dabei spielen offensichtlich Rezeptoren im Zellkern eine wichtige Rolle, die durch Cholesterolderivate, Gallensäuren, Steroide und Bilirubin aktiviert werden. In diesem Zusammenhang können auch natürlich vorkommende Di- und Triterpene bzw. Steroide als Agonisten oder Antagonisten wirksam werden.

Interessante pharmakologische Ergebnisse mit Pflanzen bzw. Naturstoffen, die über Peroxisomen-Proliferation-aktivierende Rezeptoren (PPARs) wirksam werden, wurden von Kathrin B. Christensen, Universität Odense, vorgestellt. Dazu zählen u. a. spezielle Fettsäuren, Alkamide aus Sonnenhut (Echinacea spp.) oder auch Extrakte aus Salbei, Holunderblüten oder Mastix (Pistacia lentiscus var. chia).

Hannelore Daniel, TU München, stellte unter dem Stichwort "Nutrigenomics" eine Vielzahl von Studien vor, die der Frage nachgingen, was denn beim metabolischen Syndrom angeboren ist und was erworben wird bzw. welche robusten diagnostischen Parameter dafür bestimmt werden können. Obwohl durch diese Untersuchungen unser Wissen über all diese genetischen und epigenetischen Faktoren stark erweitert wurde, gibt es bis heute keine zuverlässigen Parameter, die ein individuelles Risiko, am metabolischen Syndrom zu erkranken, vorhersagen können. Vieles spricht dafür, dass jeder einzelne es selbst in der Hand hat, durch seine Ernährung eine Erkrankung zu vermeiden.

Abschließend befasste sich David Ribnicky, Rutgers University, USA, mit pflanzlichen Therapeutika für die Behandlung des metabolischen Syndroms. Er lieferte einige beeindruckende Beispiele für die wissenschaftliche Bearbeitung dieser Thematik, allerdings werden all diese pflanzlichen Produkte in den USA als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben – rationale Phytotherapie ist dort (noch) kein Thema. Experimentelle und klinische Ergebnisse zur Senkung des Blutzuckerspiegels bzw. zur Verbesserung der Insulinempfindlichkeit wurden zum Russischen Estragon (Artemisia dracunculus f. redowski), zu Heidelbeerextrakten oder zu Hoodia gordonii vorgestellt. Der Referent berichtete auch über Maßnahmen der Qualitätssicherung wie Identitätsprüfungen, Tests auf Pestizide, Überprüfung der Anbaumethoden, die in europäischen Ohren sehr vertraut klangen und den Eindruck erweckten, dass man in den USA das Fahrrad zum zweiten Mal erfinden wolle. Als Europäer schaut man für diese Qualitätsstandard in das Europäische Arzneibuch und liest (erleichtert) eine der vielen Arzneidrogenmonografien. Diesen Standard sollten wir unbedingt halten, denn Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für Phytotherapeutika!

Die Fülle an neuen Daten zu Inhaltsstoffen und biologischen Effekten von pflanzlichen Inhaltsstoffen kann an dieser Stelle nicht weiter dargestellt werden. Neben den Kurzvorträgen vermittelten die etwa 500 Poster ein aktuelles Bild der internationalen pharmakognostischen Forschung.


Literaturtipp


Der Tagungsband des Kongresses mit den Zusammenfassungen aller Beiträge ist das Heft Nr. 77 der Zeitschrift Planta Medica, ISSN: 00320943


Matthias F. Melzig



DAZ 2011, Nr. 44, S. 123

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