Arzneimittel und Therapie

Weniger ist mehr

Eine prospektive Beobachtungsstudie mit älteren Frauen sieht in der langfristigen Supplementation von Vitaminen und Mineralstoffen keinen Nutzen und weist für einige Nahrungsergänzungsmittel auf eine Korrelation zwischen der langfristigen Einnahme und einer erhöhten Mortalitätsrate hin.

Betrachtet man den stetig wachsenden Markt an Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) und die zunehmende Zahl der Konsumenten von Vitamin- und Mineralstoffpräparaten, so gibt es erstaunlicherweise nur relativ wenige Untersuchungen, die sich mit den Auswirkungen einer langfristigen Supplementation befassen. Was bewirkt die langjährige Einnahme von Vitaminen und Mineralstoffen bei einer Population mit gutem Ernährungszustand? Können dadurch Krankheiten verhindert und die Mortalitätsrate gesenkt werden? Mit dieser Frage befasste sich eine finnische Beobachtungsstudie, die den Einfluss einer langjährigen Supplementation bei älteren Frauen untersuchte.

Daten aus einer Kohortenstudie

Die erforderlichen Daten lieferte die Iowa Womens Health Study, die 1986 begonnen wurde und in der unter anderem der Einfluss von Ernährung und Lebensgewohnheiten auf die Krebsinzidenz postmenopausaler Frauen untersucht wird. Zur Klärung der obigen Fragestellung – wie wirkt sich die langfristige Supplementation auf die Sterblichkeit aus? – wurden die Daten von 38.772 Frauen ausgewertet, die zu Beginn der Iowa Womens Health Study (1986) durchschnittlich 61,6 Jahre alt waren und die über einen längeren Zeitraum hinweg (1986, 1997 und 2004) Angaben über ihre Einnahme von Vitaminen und Mineralstoffen gemacht hatten. Im Verlauf der Studie stieg der Anteil der Konsumentinnen von Nahrungsergänzungsmitteln von 63% auf rund 85% an. Jede vierte Probandin nahm vier oder mehr Supplemente ein. Ende 2008 waren rund 40% der Studienteilnehmerinnen nicht mehr am Leben.

Mehr Schaden als Nutzen

Mithilfe einer multivariablen Regressions-Analyse wurde die Beziehung zwischen der Einnahme bestimmter Nahrungsergänzungsmittel und dem Mortalitätsrisiko ermittelt, wobei Einflüsse wie Alter, Wohnort, Diabetes mellitus, Body-Mass-Index, Hormonersatztherapie, Ernährung, körperliche Aktivität und Rauchverhalten berücksichtigt wurden. Die Analyse zeigt bis auf eine Ausnahme für alle untersuchten Supplemente eine geringfügige bis leichte Erhöhung des Sterblichkeitsrisikos:

  • Die Einnahme von Multivitaminen erhöhte das absolute Mortalitätsrisiko um 2,4%, die Supplementation von Vitamin B6 um 4,1%, von Folsäure um 5,9%, von Eisen um 3,9%, von Magnesium um 3,6%, von Zink um 3% und von Kupfer um 18% (siehe Tabelle).

  • Die langfristige Einnahme von Calcium reduzierte das Sterblichkeitsrisiko um 3,8%.

  • Auch ein Ausschluss der Frauen, die zu Beginn der Studie an Diabetes mellitus, Krebs oder kardiovaskulären Erkrankungen litten, führte bei der Analyse zu ähnlichen Daten.

  • Betrachtet man das Mortalitätsrisiko in Abhängigkeit der Dauer der Supplementation, so zeigte sich vor allem bei der Einnahme von Eisen ein ansteigendes Risiko. So erhöhte sich das Mortalitätsrisiko zwischen 1986 und 1996 um 2,2%, zwischen 1997 und 2003 um 5,5% und zwischen 2004 und 2008 um 6,6%.

  • Der positive Effekt von Calcium nahm über die Jahre hinweg zu und die absolute Risikoreduktion stieg von 1,4% über 1,5% auf 1,8% an.

  • Für Calcium und Eisen wurde auch die Beziehung zwischen der Dosis des eingenommenen Supplements und dem Mortalitätsrisiko ermittelt. Bei einer dauerhaften Eiseneinnahme stieg das Mortalitätsrisiko mit der Dosis und der Dauer der Einnahme an. Der protektive Effekt von Calcium ging bei hohen Dosen (> 1300 mg/d) verloren.

Hazard ratio (HR) für das Sterberisiko älterer Frauen unter einer langfristigen Supplementation von Vitaminen und Mineralstoffen.

Supplement
HR
(95% Konfidenzintervall)*
absoluter
Risikoanstieg**
absolute
Risikoreduktion
Multivitamine
1,06 (1,02 – 1,10)
2,4%
Vitamin A
1,06 (0,99 – 1,13)
Beta-Carotin
1,10 (0,93 – 1,30)
Vitamin B6
1,10 (1,01 – 1,21)
4,1%
Folsäure
1,15 (1,00 – 1,32)
5,9%
Vitamin-B-Komplex
1,00 (0,94 – 1,06)
Vitamin C
1,01 (0,97 – 1,05)
Vitamin D
1,00 (0,95 – 1,06)
Vitamin E
1,01 (0,96 – 1,05)
Calcium
0,91 (0,88 – 0,94)
3,8%
Kupfer
1,45 (1,20 – 1,75)
18,0%
Eisen
1,10 (1,03 – 1,17)
3,9%
Magnesium
1,08 (1,01 – 1,15)
3,6%
Selen
1,09 (0,99 – 1,19)
Zink
1,08 (1,01 – 1,15)
3,0%
* Berücksichtigt sind Alter, Bildungsstatus, Wohnort, Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Body-Mass-Index, Verhältnis von Taille zu Hüftumfang, Hormonersatztherapie, sportliche Aktivitäten, Rauchverhalten, Alkoholkonsum, Energieaufnahme, Verzehr von gesättigten Fettsäuren, Früchten, Gemüse und Vollkornprodukten

** nicht für alle Supplemente angegeben

NEM nur bei bestehendem Mangel

Angesichts dieser Ergebnisse empfehlen die Studienautoren eine Supplementation nur bei einem bestehenden Nährstoffmangel durchzuführen und sehen ihre Empfehlung zu einem vorsichtigen Umgang mit Vitaminen und Mineralstoffen im Kontext weiterer Studien, die ebenfalls negative Auswirkungen einer langfristigen Einnahme aufzeigten (siehe z. B. DAZ 42, S. 43, erhöhtes Prostatakrebsrisiko durch Vitamin E). Allerdings weisen die Autoren auch darauf hin, dass es sich um eine prospektive Studie handelt, deren Aussagekraft nicht dasselbe Gewicht hat wie das einer randomisierten, kontrollierten und placebokontrollierten Studie.

Ferner sei zu bedenken, ob die Frauen aufgrund einer Erkrankung die Nahrungsergänzungsmittel eingenommen hatten und somit die Ursache für die erhöhte Mortalitätsrate in der Grunderkrankung und nicht in der Supplementation zu suchen sei. Zumindest für die Einnahme von Eisen kann diese Frage verneint werden, da auch bei den Frauen, bei denen weder ein Tumorleiden noch eine kardiovaskuläre Erkrankung oder Diabetes vorlag, das Sterberisiko nach einer langfristigen Eisensupplementation erhöht war.

Einer weiteren Klärung bedarf die Rolle von Calcium, dem in dieser Studie ein Benefit zugesprochen wurde. Dagegen spricht eine Metaanalyse, der zufolge die Einnahme von Calcium mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko assoziiert ist.


Quelle

Mursu J., et al.: Dietary supplements and mortality rate in older women. Arch Intern Med 171 (18), 1625 – 1633 (2011).


Apothekerin Dr. Petra Jungmayr



DAZ 2011, Nr. 43, S. 63

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