Arzneimittel und Therapie

Impfung kann Entwicklung nicht verhindern

Große Hoffnung in der Behandlung des Typ-1-Diabetes wird in die Immuntherapie gesetzt. In einer aktuellen Studie konnte allerdings ein weiteres Fortschreiten der Erkrankung durch Anwendung eines Glutamatdecarboxylase-Impfstoffs (GAD) innerhalb der ersten drei Monate nach Diagnose nicht erreicht werden. Dennoch sollte die Option, Betazellen vor autoimmunen Angriffen zu schützen, weiter verfolgt werden, so die Autoren.
Foto: Aventis
Jugendlicher Diabetes Beim Typ-1-Diabetes kommt es zu einem zunehmenden bis absoluten Mangel an Insulin. Ursache ist eine Zerstörung der insulinproduzierenden Beta-Zellen im Pankreas. Viele Patienten erkranken im Alter von zehn bis 15 Jahren. Geschätzt leben heute 10.000 bis 15.000 Kinder im Alter bis 14 Jahren mit einem Diabetes Typ 1. In der Regel wird sofort nach Diagnosestellung mit der Applikation von Insulin begonnen, da sich der kindliche Stoffwechsel sehr schnell verschlechtern kann. Die Therapie muss lebenslang durchgeführt werden.

Im Rahmen einer multizentrischen, randomisierten doppelblinden dreiarmigen Studie in den USA und Kanada wurde die Wirksamkeit der antigenbasierten Therapie mit einem Glutamatdecarboxylase-Impfstoff gebunden an Aluminiumhydroxid als Adjuvans an 145 Probanden im Alter zwischen drei und 45 Jahren getestet. Das Durchschnittsalter betrug bei mehr als der Hälfte der Patienten unter 16 Jahre. Die Diagnose des Typ-1-Diabetes lag zum Zeitpunkt des Beginns der Teilnahme an der Studie maximal 100 Tage zurück. Ein weiteres Einschlusskriterium war, dass der GAD-65-Antikörpertest positiv ausfiel.

Die Glutamatdecarboxylase wurde als relevantes Autoantigen in der Entstehung des Typ-1-Diabetes identifiziert und erwies sich im Mausmodell als geeigneter Ansatzpunkt für eine Therapie. Die in der Studie von Wherrett und Kollegen verfolgte Strategie war, durch einen geeigneten Impfstoff die Betazellen in der Pankreas gezielt vor Autoimmunangriffen zu schützen, um so die Insulinproduktion aufrecht zu erhalten oder doch zumindest das Fortschreiten des Niedergangs der Betazellen zu verlangsamen. Gleichzeitig sollte durch die Behandlung das Immunsystem der Patienten nicht zusätzlich in Mitleidenschaft gezogen werden. In vergleichbaren Studien mit Ciclosporin oder Substanzen wie Rituximab oder Abatacept trat bei den Patienten als Nebenwirkung unter anderen eine Immunsuppression auf.

Keine Wirkung, aber auch keine UAW

Die Intervention erfolgte mit einer dreimaligen Injektion des Impfstoffes in der Verumgruppe, während der ersten Vergleichsgruppe zweimal der Impfstoff und einmal nur das Adjuvans und der zweiten Vergleichgruppe dreimal das Adjuvans subkutan gespritzt wurde. Der GAD-Aluminiumhydroxidimpfstoff enthielt 20 mg Wirkstoff. Der Zeitpunkt der zweiten Injektion lag vier Wochen nach der ersten, die dritte Injektion erfolgte acht Wochen nach der zweiten. Als primäres Endziel wurde die AUC (Fläche unter der Kurve) des C-Peptids während der ersten beiden Stunden im Rahmen des Vier-Stunden-Toleranztest nach einer gemischten Mahlzeit ausgewertet. Zwölf Monate nach der Intervention konnte kein Unterschied zwischen den drei Probandengruppen festgestellt werden. Sekundäre Ziele waren der HbA1c, der Verbrauch an Insulin und das Auftreten von Komplikationen. Hier traten in allen drei Gruppen ebenfalls keine Unterschiede auf. Unerwünschte Auswirkungen auf das Immunsystem der Patienten aller drei Arme wurden ebenfalls nicht beobachtet.

Eine Behandlung mit dem Glutamatdecarboxylase-Aluminiumhydroxid-Impfstoff stellt in der untersuchten Form keine klinisch einsetzbare Therapieoption dar. Dies konstatieren die Wissenschaftler in der Diskussion und Interpretation ihrer Ergebnisse. Sie regen an, da ihre Intervention weder einen positiven noch einen negativen Einfluss auf das Fortschreiten der Entwicklung des Typ-1-Diabetes bei frisch diagnostizierten Patienten gezeigt hat, den Impfstoff eventuell hinsichtlich seiner Eignung zur Prävention zu testen.

Forschung bündeln

Die beiden in Belgien tätigen Wissenschaftler Mathieu und Gillard beurteilen im Lancet in einem Kommentar die Ergebnisse ähnlich. Auch wenn mit dieser Studie kein Erfolg erreicht werden konnte, so sehen sie die Studie als wesentlich für die weitere Forschung zur Intervention bei der Entstehung des Typ-1-Diabetes. Vor allem sei das Konzept des "Type 1 Diabetes TrialNet" (s. Kasten) überzeugend, weil auf diese Weise eine schnelle Umsetzung von der Idee bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse innerhalb kürzester Zeit ermöglicht wird. Sie fordern gleichzeitig, dass auch in Zukunft durch Hersteller, Forschungsinstitute und Wissenschaftler konsequent das Ziel verfolgt werden muss, Typ-1-Diabetes entweder zu heilen oder eine geeignete Präventionsstrategie zu finden.

Das "Type 1 Diabetes TrialNet"


Diese Studienvereinigung wird seit 2010 gemeinsam von sechs amerikanischen Instituten, die im Bereich der Diabetesforschung tätig sind, finanziell getragen und betreut weltweit an 18 Forschungszentren – u. a. auch in Deutschland – Studien zur Entstehung, Prävention und Behandlung von Diabetes Typ 1. Zudem sind mehr als 150 medizinische Zentren und niedergelassene Ärzte in diesem Netzwerk aktiv. Ziel ist es, die Forschung zur Prävention des Typ-1-Diabetes sowie möglicher Behandlungsoptionen effektiv zu fördern.


Quelle

Wherrett, D.K. et al: Antigen-based therapy with glutamic acid decarboxylase (GAD) vaccine in patients with recent-onset type 1 diabetes: a randomised double-blind trial. Lancet 2011; 378: 319 – 327.

Matthieu, C, Gillard, P.: Arresting type 1 diabetes after diagnosis: GAD is not enough. Lancet 2011; 378: 291 – 292.



Apothekerin Dr. Constanze Schäfer



DAZ 2011, Nr. 43, S. 69

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