Arzneimittel und Therapie

Erhöhtes Prostatakrebsrisiko durch Vitamin E?

Seit 2001 nahmen mehr als 35.000 Probanden an der SELECT (Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial)-Studie zur Krebsprävention teil. Die Teilnehmer aus den USA, Kanada und Puerto Rico hatten ein Vitamin-E-Präparat, ein Selenpräparat, beide Präparate oder Placebos eingenommen. Die Abschlussergebnisse dieser randomisierten klinischen Studie zeigen keine präventive Wirkung gegen Prostatakrebserkrankungen durch die regelmäßige Einnahme von Vitamin E. Vielmehr ist das Krebsrisiko sogar signifikant erhöht.

Bis vor wenigen Jahren ging man von einer Senkung des Prostatakrebsrisikos durch die präventive Zufuhr von hohen Vitamin-E-Dosen aus. Dies schienen die Ergebnisse einer Studie (Alpha-Tocopherol Beta Carotene Cancer Prevention Study) zu bestätigen, die für die Teilnehmer ein um 32% geringeres Krebsrisiko nach der Einnahme von Vitamin E nachgewiesen hatte. In der finnischen Studie mit nahezu 30.000 männlichen starken Rauchern hatte eine Gruppe über fünf bis acht Jahre 50 Internationale Einheiten (IU) Vitamin E erhalten, die andere keine Vitamine [2].

Vitamin E und Selen senken das Krebsrisiko nicht

Die SELECT (Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial)-Studie sollte einen vermeintlich positiven Einfluss von Selen und Vitamin E auf das Prostatakrebsrisiko belegen. An dieser größten jemals durchgeführten Studie zur Krebsprävention nahmen mehr als 35.000 Männer ab 55 Jahren der weißen Bevölkerung bzw. ab 50 Jahren der schwarzen Bevölkerung aus den USA, Kanada und Puerto Rico teil. Sie hatten seit 2001 jeden Tag entweder nur ein Vitamin-E-Präparat, nur ein Selenpräparat, beide Präparate oder Placebo erhalten. Alle Probanden hatten keinen auffälligen rektalen Tastbefund und einen PSA-Wert unter 4,0 ng/ml.

Ende 2008 zeigten vorläufige Ergebnisse weder für Selen (200 µg/Tag) noch für Vitamin E (400 IU/Tag) eine Senkung des Prostatakrebsrisikos. In der Vitamin-E-Gruppe waren sogar mehr Männer erkrankt als in der Placebogruppe [3]. Der Unterschied war zwar statistisch nicht relevant, die Studie wurde damals aus Sicherheitsgründen danach aber abgebrochen, die Teilnehmer jedoch weiter beobachtet. Als ein Grund dafür, dass weder Selen noch Vitamin E eine präventive Wirkung gegen Prostatkrebs hatte, wurde ein zu hoher Selenspiegel der Teilnehmer diskutiert. Zudem war ein geringfügiger, nicht-signifikanter Anstieg von Diabetes-Neuerkrankungen unter Selen festgestellt worden. Als optimal für die Expression von Selenoproteinen werden Plasma-Selenwerte zwischen 110 und 130 μg/l erachtet. Nicht nur Werte darunter, sondern auch darüber (> 150 μg/l) sind langfristig möglicherweise mit einer erhöhten Gesamt- und Krebsmortalität assoziiert. Empfohlen wird daher, bei Langzeitanwendung von Selen den Selenspiegel laufend zu kontrollieren.

Die jetzt veröffentlichten abschließenden Auswertungen zeigen eine relative Erhöhung des Prostatakrebsrisikos durch Vitamin E um 17%. Demnach erkrankten aus der Vitamin-E-Gruppe pro 1000 Teilnehmer 76 Männer an Prostatakrebs. Aus der Placebogruppe waren es nur 65. Auch bei einer Selengabe und bei einer Zufuhr von beiden Präparaten konnte ein leichter Trend beobachtet werden [1]. Da der absolute Risikoanstieg zwar gering, aber statistisch relevant ist und es andererseits unklar bleibt, auf welche Weise Vitamin E das Krebsrisiko erhöht, werden in einer neuen Studie die DNA-Proben der Probanden analysiert. Die Wissenschaftler wollen dabei klären, ob es einen Zusammenhang zwischen einer erhöhten Vitamin-E-Supplementierung, genetischer Prädisposition und Krebsanfälligkeit gibt. Für die Vitamin-E-Aufnahme in Form von Nahrungsergänzungsmitteln schlägt das Bundesinstitut für Risikobewertung eine Tagesdosis von höchstens 15 Milligramm vor. Dies entspricht etwa 22 Internationalen Einheiten. Tagesdosen von 400 IU Vitamin E sind aber offensichtlich nicht unüblich, zumal bislang keine schädigenden Wirkungen auch für diese Mengen bekannt waren.


Quelle

[1] Klein E.A.; et al.: Vitamin E and the risk of prostate cancer: the Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial (SELECT). JAMA 2011; 306: 1549 – 1556.

[2] Heinonen O.P.; et al.: Prostate cancer and supplementation with alpha-tocopherol and beta-carotene: incidence and mortality in a controlled trial. J. Natl. Cancer. Inst. 1998; 90: 440 – 446.

[3] Lippman, S.M.; et al.: Effect of selenium and vitamin E on risk of prostate cancer and other cancers. JAMA 2009; 301: 39 – 51.


Dr. Hans-Peter Hanssen



DAZ 2011, Nr. 42, S. 43

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