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Gutes tun – und dies auch belegen

KIEL (tmb). Die in Apotheken erbrachten Leistungen umfassen Distribution, Beratung und idealerweise auch eine weitergehende pharmazeutische Betreuung. Doch aufwendige Maßnahmen scheitern an der Finanzierung. Daher müssen die Apotheker den Nutzen pharmazeutischer Interventionen wissenschaftlich nachweisen, um die Grundlage für eine entsprechende Honorierung zu schaffen. Dafür hat die Mitgliederversammlung der ABDA bereits im Juni eine Endpunktstudie zu pharmazeutischen Interventionen bei Herzinsuffizienz beschlossen.
Foto: DAZ/tmb
Dr. Nina Griese präsentierte die geplante ABDA-Studie zum Nutzen pharmazeutischer Interventionen bei Herzinsuffizienz.

Im Rahmen der Kammerversammlung der Apothekerkammer Schleswig-Holstein informierte ABDA-Mitarbeiterin Dr. Nina Griese über den Hintergrund zu diesem für die Apotheken in ganz Deutschland relevanten Thema. Die Studie sei nötig, um den Wert pharmazeutischer Intervention zu zeigen. Sie solle Evidenz dafür schaffen, dass kognitive Leistungen der Apotheker einen Effekt haben, so Griese. Letztlich ziele dies auf ein Honorar, denn ohne zusätzliches Honorar könnten so aufwendige Leistungen, wie sie in der Studie stattfinden, nicht erbracht werden.

Herzinsuffiziente als Zielgruppe

Patienten mit Herzinsuffizienz seien bewusst als Zielgruppe gewählt worden, weil diese Indikation weit verbreitet und mit hohen Kosten für das Gesundheitswesen verbunden ist. Die Herzinsuffizienz beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich. In Deutschland sind etwa 2,7 Millionen Menschen betroffen. Die Prävalenz nimmt zu, weil sie stark altersabhängig ist. Die Betroffenen würden mit durchschnittlich 48 Arztkontakten pro Jahr das Gesundheitswesen stark in Anspruch nehmen. Außerdem sei die Herzinsuffizienz die häufigste Ursache für Krankenhauseinweisungen bei Älteren. Für die Herzinsuffizienz als Gegenstand der Studie spricht nach Einschätzung von Griese auch, dass gerade hier Arzneimittel viel leisten können, wenn sie richtig und konsequent eingesetzt werden.

Die Studie geht von drei Angriffspunkten pharmazeutischer Interventionen aus, wie Griese erläuterte. Erstens solle die Therapietreue verbessert werden, zweitens sollten Arzneimittelrisiken erkannt und vermieden werden und drittens sollten die Apotheker die Patienten dazu anhalten, ihr Selbstmanagement und ihre Symptomkontrolle zu verbessern. Gerade bei der oft komplexen Medikation mit vielen Arzneimitteln sei die Compliance besonders wichtig. "Es ist klar, dass Non-Compliance nicht heilbar ist", erklärte Griese. Darum müssten die Patienten immer wieder neu beraten werden. Dafür seien häufige persönliche Kontakte vor Ort wichtig, die individuell auf die Patienten abgestimmt sein müssten. Außerdem sollte die Medikation möglichst einfach gestaltet werden. Griese verwies auf eine US-amerikanische Studie, in der die Compliance durch Interventionen deutlich gesteigert wurde. Zudem habe eine spanische Studie gezeigt, dass bei 78 Prozent der Patienten arzneimittelbezogene Probleme aufgetreten sind, von denen jedoch 94 Prozent vermeidbar gewesen seien. Außerdem gebe es gute Hinweise, dass die Einbeziehung von Apothekern in die Betreuung die Hospitalisierungsrate senke. Als besonderes Problem bei der Herzinsuffizienz hob Griese die kardiale Dekompensierung hervor. Um die vorherigen Anzeichen zu deuten, müssten die Patienten sich selbst beobachten und täglich wiegen, wobei eine plötzliche Gewichtszunahme für Ödeme spricht.


Foto: ABDA
Blutdruckmessung, Medikationscheck, wochenweises Stellen von Arzneimitteln – Patienten mit Herzinsuffizienz werden im Rahmen einer ABDA-Pilotstudie intensiv an die Apotheke gebunden, um Arzneimittel-bezogene Probleme zu verringern. Ziel ist es, den Nutzen pharmazeutischer Interventionen wissenschaftlich nachzuweisen.

Konzept der Studie

Die Erfolge der Betreuung sollen insbesondere an einer Senkung der Zahl kardiovaskulärer Todesfälle gezeigt werden. Außerdem wird erwartet, dass die Interventionen die Zahl der Krankenhaustage reduzieren. Dies soll mit einer randomisierten kontrollierten Studie belegt werden. Dabei sollen die Patienten beim Arzt rekrutiert und anschließend randomisiert werden. Das pharmazeutisch wichtigste Einschlusskriterium soll sein, dass die Patienten ein Diuretikum und mindestens drei weitere Arzneimittel regelmäßig einnehmen.

Die Kontrollpatienten werden in üblicher Weise versorgt und sind in der Apotheke nicht als Studienteilnehmer bekannt. Für die Patienten in der Interventionsgruppe erstellt der Apotheker zu Beginn der Studie einen Medikationsplan, ermittelt dabei arzneimittelbezogene Probleme und klärt diese mit dem Arzt. Anschließend werden die Arzneimittel für die Patienten in der Interventionsgruppe in der Apotheke wochenweise gestellt. Das wöchentliche Abholen dieser Arzneimittel bietet zugleich die Ansatzmöglichkeit für die weiteren betreuenden Maßnahmen der Apotheke. In der Apotheke wird nach dem Befinden und nach Problemen im Zusammenhang mit der Medikation gefragt. Blutdruck und Herzfrequenz werden dokumentiert. Bei Problemen wird der Patient an den Arzt verwiesen oder der Arzt direkt informiert. Letztlich soll der intensive Kontakt zur Apotheke auch die Compliance verbessern. Alle Maßnahmen in der Apotheke sollen so gestaltet werden, dass sie später auch außerhalb der Studie durchgeführt werden könnten, sofern die Honorierung gewährleistet ist.

Planung und Finanzierung

Die Vorgehensweise wird derzeit in einer Pilotstudie mit 50 Patienten und drei Apotheken erprobt, wie Griese berichtete. An der Gestaltung der Studie sind renommierte Kardiologen beteiligt. Die Kosten der Studie belaufen sich voraussichtlich auf 3,25 Millionen Euro, erklärte Griese. Diese würden von ABDA-nahen Stiftungen und der ABDA selbst getragen. Die Studie soll im nächsten Jahr beginnen, sodass ab 2014 erste Ergebnisse vorliegen könnten.

In der anschließenden Diskussion in der Kammerversammlung wurde das Vorhaben insgesamt positiv bewertet. Der Delegierte Gerd Wandel hält die Studie für dringend erforderlich. Da die Leistungen der Apotheken belegt werden sollten, müssten diese auch die Studie bezahlen. Wandel wies auf eine ähnliche Studie aus Australien hin, bei der die Zahl der verordneten Arzneimittel reduziert worden sei, was einen zusätzlichen Vorteil für die Krankenkassen darstelle.



Kurzkommentar

Interventionseffekt nachweisen – aber wie?


Die Apotheker brauchen dringend Studien, die den patientenbezogenen Nutzen pharmazeutischer Interventionen belegen. Solche Studien können langfristig mehr bewirken als jede Öffentlichkeitsarbeit. Doch gibt es noch wenig Erfahrung mit einer aussagekräftigen Gestaltung. Hier sehe ich eine Gefahr bei der geplanten Herzinsuffizienzstudie. Betrachter, die am Wert der pharmazeutischen Betreuung zweifeln, könnten Erfolge in der Interventionsgruppe dem Stellen der Arzneimittel zuschreiben. Denn die Effekte des Stellens und der sonstigen Maßnahmen lassen sich hier nicht trennen. Der naheliegende Lösungsansatz, die Arzneimittel auch für die Kontrollgruppe zu stellen, dort aber nicht weiter zu intervenieren, würde zu einem neuen Problem führen. Dann wäre die Studie gegenüber den Apothekern nicht mehr verblindet und damit angreifbar. So bliebe als Lösung ein dritter Studienarm, doch der würde die Kosten weiter erhöhen. Für die Studiengestalter ist dies ein Dilemma.


Thomas Müller-Bohn



DAZ 2011, Nr. 40, S. 21

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