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Homöopathie kommt an

BERLIN (ks/jz). Die Homöopathie erfreut sich bei Ärzten und Patienten wachsender Beliebtheit – nicht zuletzt, weil homöopathische Arzneimittel als nebenwirkungsarm gelten und kostengünstig sind. Doch was leisten diese Arzneimittel tatsächlich in der Praxis? Dieser Frage gingen letzte Woche auf Einladung der Hufelandgesellschaft und des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BAH) praktische Ärzte und Ärztinnen in einer Gesprächsrunde nach.

Nach Angaben des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) verschreiben drei von vier niedergelassenen Allgemeinärzten und Internisten gelegentlich bis sehr oft homöopathische Arzneimittel. Sie kommen bei akuten wie auch komplexeren und chronischen Erkrankungen zum Einsatz. Dennoch scheidet die Homöopathie die Geister. Die einen schwören auf die alternativmedizinische Behandlungsmethode, die nicht nur einzelne Symptome, sondern den Menschen ganzheitlich in den Blick nimmt. Die Kritiker sind dagegen überzeugt, dass die hochpotenzierten Mittelchen schlicht keine Wirkung entfalten können.

Bei der Diskussionrunde des BAH und der Hufelandgesellschaft trafen allerdings nur die Befürworter zusammen. Vier praktizierende Ärzte – zwei von ihnen behandeln ausschließlich Privatpatienten – berichteten aus ihrem Praxisalltag und den Erfolgen, die sie bei ihren Patienten erzielen konnten. Sie alle waren sich einig: Homöopathie wirkt und ist – auch in ihrer Kombination mit Schulmedizin – eine sinnvolle Therapiealternative.

So beklagte der Privatarzt Dr. Markus Pfisterer (Heilbronn), dass die medizinische Behandlung derzeit als Behandlung der Symptome definiert werde. Entscheidend sei jedoch, dass der Mensch ganzheitlich behandelt werde. Als Beispiel nannte er das Krankheitsbild des Burn-outs, bei dem es kein spezielles Symptom gebe, das für sich allein behandelt werden kann. Durch die Auswahl der richtigen homöopathischen Mittel erfolge nicht nur eine Symptombekämpfung oder -dämpfung, sondern es werde eine allgemeine Umstimmung des Körpers erreicht, die zu einer Anregung der Regenerationsprozesse des Körpers führe.

Wenn Fachärzte nicht mehr weiter wissen …

Dr. Ulrike Keim, Ärztin für innere Medizin, Homöopathie und Naturheilverfahren aus Bonn, betonte, dass bei der Behandlung mit homöopathischen Arzneimitteln heute häufig medizinische Beschwerdebilder im Mittelpunkt stehen, die sich weder der sogenannten Organmedizin noch der Psychosomatik zuordnen lassen. Viele ihrer Patienten kämen nach einer erfolglosen Facharztodyssee zu ihr – und sind dann oft am Ende ihrer Reise angelangt. So berichtete Keim von einer Patientin, die seit Jahren über starke Rückenschmerzen klagte. Täglich nahm sie 150 mg Diclofenac ein und hatte bereits Magenprobleme. Nach zwei Monaten homöopathischer Behandlung benötigte sie nur noch einmal die Woche 75 mg Diclofenac, so Keim.

Dr. Irmgard Schnittert, Allgemeinmedizinerin mit Ausbildung in klassischer Homöopathie aus Berlin, sagte, zu ihr kämen oft Menschen, die nicht akzeptieren wollten, dass sie mehrere Arzneimittel einnehmen sollen und deshalb nach einem weiteren Weg suchen. Schnitterts Behandlungsziel ist es, die Eigenregulation ihrer Patienten zu verbessern und sie autarker zu machen. Dabei sei die Therapie ähnlich dem Billard: Man gibt einen ersten Anstoß – von der Reaktion aus startet man die weitere Behandlung. Nach ihrer Erfahrung sorge nicht zuletzt die enge Arzt-Patienten-Bindung dafür, dass gerade der Facharztkontakt spürbar abnehme.

Kaum Neben- und Wechselwirkungen

Die Ärztinnen und Ärzte zeigten sich erstaunt darüber, dass der gesundheitsökonomisch bedeutende Faktor der Homöopathie von Politikern, Krankenkassenfunktionären oder Gesundheitsökonomen in seiner Tragweite nicht erkannt werde. Insbesondere bei komplexen Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen wie Erkältungskrankheiten, Schlafstörungen, Reizdarm, Allergien oder Sportverletzungen sei die Homöopathie eine erstaunliche Hilfe. Auch bei chronischen Leiden biete die Behandlung Vorteile, da die homöopathischen Arzneimittel auch über längere Zeiträume gegeben werden können, ohne dass eine Gewöhnung oder zu starke Nebenwirkungen auftreten. Insbesondere Kinder sprächen gut auf Homöopathie an – gerade bei Erkältungen ließen sich oftmals Antibiotika vermeiden. In vielen akuten Fällen biete sich die Homöopathie zudem für die Selbstmedikation an. Dies gelte insbesondere für Komplexarzneimittel, die für bestimmte Indikationen zugelassen sind. Einig waren sich die Mediziner auch, dass Homöopathika nicht zuletzt eine gute Ergänzung zur Schulmedizin sind – kritische Wechselwirkungen gebe es nicht.

Forderung nach mehr Anerkennung

Aus Sicht der Gesprächsteilnehmer ist es erforderlich, dass die Homöopathie als Wissenschaft anerkannt und von den Krankenkassen erstattet wird. Keim wünscht sich, dass auch Universitäten Homöopathie lehren – derzeit seien im Medizinstudium gerade einmal 1,5 Stunden Pflicht. Ein positives Beispiel sei ein neuer Komplementärmedizin-Studiengang an der Europa-Universität Viadrina, ein Poststudiengang für Ärzte und Apotheker, der auch die Homöopathie beinhalte. Was die Erstattung betrifft, so verwies der BAH darauf, dass seit Einführung der Wahltarife im Jahr 2007 nur 18 von 154 gesetzlichen Kassen ihren Versicherten einen Wahltarif für naturheilkundliche Arzneimittel anbieten. Mit dem neuen GKV-Versorgungsstrukturgesetz könnten ab Januar 2012 alle Krankenkassen nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel als Satzungsleistung anbieten, also auch naturheilkundliche Arzneimittel. Allerdings: Auch wenn sich die Ärztinnen und Ärzte in der Diskussionsrunde durchaus wünschten, dass mehr gesetzliche Krankenkassen die Kosten der Behandlung übernehmen – über mangelnden Zulauf klagte keiner von ihnen. Viele Patienten sind bereit, die Kosten selbst zu tragen. Und auch für eine Reihe von Kassenpatienten können Ärzte mit Homöopathie-Diplom ihre Leistungen bereits jetzt in Rechnung stellen.



DAZ 2011, Nr. 38, S. 38

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