Arzneimittel und Therapie

Dysmenorrhö oder Dysurie – Zeichen einer Endometriose

Endometrioseherde können fast überall sitzen: Im Peritoneum, auf den Ovarien oder auch im Rektum. Sie bereiten Schmerzen, schränken die Lebensqualität massiv ein und sind eine der häufigsten Ursache für Sterilität. Trotzdem dauert es im Mittel sechs Jahre bis die Diagnose "Endometriose" gestellt wird. Je nach Lokalisation und Schweregrad stehen dann hormonelle und operative Therapieoptionen zur Verfügung. Die beste medizinische Versorgung ist aufgrund der interdisziplinären Zusammenarbeit in einem Endometriosezentrum gewährleistet.
Foto: DAK/Wigger
Die Diagnose Endometriose wird meist erst nach vielen Jahren gestellt, denn häufig werden chronische Unterbauchschmerzen nicht als Endometriose-Symptom verstanden. Dysmenorrhoische Beschwerden in jungen Jahren können auf eine Endometriose deuten. Eine ausführliche Anamnese, die auch nach der familiären Belastung fragt, sowie weitere gynäkologische Untersuchungen wie eine vaginale Tastuntersuchung oder die Ultraschalluntersuchung des Bauchraumes können das Vorliegen einer Endometriose bestätigen.

Wenn gutartiges Endometriumgewebe außerhalb der Gebärmutter wuchert, lautet die Diagnose "Endometriose". Gesichert ist sie allerdings erst, wenn der histologische Nachweis erbracht ist. Denn: "Nicht jeder rote Punkt ist eine Endometriose", so Prof. Dr. Thomas Römer, Köln, auf der von Bayer Health Care veranstalteten Pressekonferenz "Neues aus dem Bereich Gynäkologie". Dennoch ist die Endometriose eine der häufigsten Erkrankungen von Frauen im gebärfähigen Alter mit 42.000 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland. Und sie ist eine der häufigsten Ursachen für unerfüllten Kinderwunsch.

Mannigfaltige Lokalisation

Klinische Leitsymptome sind Dysmenorrhoe, Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr), Dysurie und oft auch unspezifische Unterbauchbeschwerden bis hin zu Rückenschmerzen. Dabei kann die klinische Symptomatik Hinweise auf die Lokalisation der Endometrioseherde geben, die sich an verschiedenen Stellen außerhalb der Gebärmutter festsetzen können. Für eine Peritonealendometriose sprechen dysmenorrhoische Beschwerden. Eine Dyspareunie kann dagegen ein Hinweis auf eine rektovaginale Endometriose sein, zyklische Blasenbeschwerden mit Hämaturie für eine Blasenendometriose. Helles Blut im Stuhl und zyklische Darmbeschwerden, meist in Form einer Obstipation, können Indiz für eine Darmendometriose sein. Eine Lokalisation in Milz, Lunge, Niere oder Gehirn kann vorkommen, gilt aber als Rarität. Die häufigsten Lokalisationen sind das Ligamentum sacrouterinum, das zum Bandapparat der Gebärmutter gehört, das Ovar und der Douglas-Raum. Seltener sind Harnblase, Rektum sowie Dünn- und Dickdarm betroffen.

Starke Einschränkung der Lebensqualität

Eine Endometriose belastet die Frauen schwer. Nach einer Umfrage zur Lebensqualität auf der Internetseite des Europäischen Endometriose Informations-Centrums fühlen sich 65% in ihrer körperlichen Aktivität eingeschränkt, 68% leiden unter Dyspareunie und knapp 80% fühlen sich in ihrer sexuellen Aktivität beeinträchtigt. Auch auf die Arbeitsfähigkeit wirkt sich die Endometriose nachteilig aus: Etwa die Hälfte der Frauen fühlt sich beruflich stark eingeschränkt. Die Arbeitsunfähigkeit wegen Endometriose-bedingter Beschwerden liegt bei 2,8 Tagen pro Monat und 19,3 Tagen pro Jahr.

Hohe indirekte Kosten

Römer verwies zudem auf die beträchtlichen Krankheitskosten. Laut einer Datenerhebung bei knapp 500 Frauen, die Mitglieder der Endometriosevereinigung e.V. sind, und 257 Patientinnen einer stationären Rehabilitationsklinik liegen die durchschnittlichen Kosten pro Fall und Jahr bei 5622 Euro. Dabei standen die indirekten Kosten durch Arbeitsausfall, Erwerbsminderung und Arbeitsreduzierung mit 62% im Vordergrund. Eine Hochrechnung der deutschlandweiten Kosten ergab Gesamtaufwendungen in Höhe von 1,96 Milliarden Euro für das Jahr 2003.

"Schokoladenzysten" in der Vaginalsonographie

Das Dilemma: Die Diagnose "Endometriose" wird durchschnittlich erst nach sechs Jahren gestellt. Drängt sich etwa wegen dysmenorrhoischer Beschwerden in jungen Jahren der Verdacht auf eine Endometriose auf, sollte zunächst nach einer familiären Belastung gefragt werden. Sie besteht bei immerhin bis zu 10% der Frauen. Weitere Hinweise neben zyklusabhängiger Schmerzen ist ein schmerzhafter Tastbefund im Unterbauch. Typische Veränderungen in der Vaginalsonographie können den Befund erhärten. So finden sich dort etwa die typischen "Schokoladenzysten". Dabei handelt es sich um Ovarialzysten mit schokoladenfarbig eingedickten Blutabbauprodukten. Sicher diagnostizieren lässt sich eine Endometriose aber meist nur laparoskopisch mit histologischer Sicherung des Befunds in der Biopsie.

Gestagen zur symptomatischen Dauertherapie

Schmerzen können in frühen Stadien einer Endometriose mit NSAR behandelt werden. Sie sind auch eine Option, wenn Frauen eine hormonelle Behandlung oder eine Operation ablehnen oder dagegen eine Kontraindikation besteht. Hormonale Kontrazeptiva im Langzyklus oder als Langzeiteinnahme werden ebenfalls genutzt. Ihr Einsatz bei Endometriose ist aber off-label. Goldstandard waren lange GnRH-Analoga. Eine nachgewiesene günstige Wirkung auf die Endometriose haben aber auch Gestagene. Sie sind laut Römer zur symptomatischen Dauertherapie geeignet. Explizit für die Therapie der Endometriose zugelassen ist Dienogest 2 mg (Visanne®), das, einmal täglich eingenommen, die Schmerzsymptomatik wirksam bekämpft. Es wirkt signifikant besser als Placebo und ist ebenso effektiv wie die Standardtherapie mit GnRH-Analoga.

Extragenitale Herde operativ entfernen

Bei extragenitaler Lokalisation der Endometrioseherde, etwa im Rektum, ist wegen der fehlenden oder nur geringen hormonellen Ansprechbarkeit eine komplette operative Sanierung anzustreben. Dabei werden die endometrialen Wucherungen mittels Koagulation, Vaporisation oder Exzision beseitigt. Auch für Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch bleibt der chirurgische Eingriff die einzige Option, die Fertilität zu verbessern.

Besser im Zentrum

Um eine optimale Versorgung der Patientinnen mit Endometriose zu gewährleisten, plädierte Römer für eine Überweisung an ein Endometriosezentrum. Dort kann interdisziplinär ein individuelles Gesamtkonzept für die Frauen entwickelt werden. Besonders bei organübergreifenden Endometriosen ist durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit, etwa zwischen Chirurgen und Urologen, eine Optimierung der Therapie möglich.


Apothekerin Dr. Beate Fessler



DAZ 2011, Nr. 36, S. 43

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