DAZ aktuell

Die Zukunft der Vergangenheit

Gerhard Schulze

Wenn es in der Soziologie um die großen Veränderungen der letzten beiden Jahrhunderte geht, ist viel von der ständig weiter fortschreitenden Individualisierung der Gesellschaft die Rede. Das verfassungsmäßige Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit ist der Idee nach zwar schon über 200 Jahre alt, doch es hat eine Weile gedauert, bis sie in der Lebenswelt ankam und von einer wachsenden Zahl von Menschen aufgegriffen wurde. Im 21. Jahrhundert ist Individualisierung so weit verbreitet wie noch nie zuvor, und Kulturkritiker nehmen das oft zum Anlass, vor Werteverfall, Egoismus und Niedergang des Zusammengehörigkeitsgefühls zu warnen.

Ich finde nicht, dass sie Recht haben. Mir gefällt es, wenn Menschen sich etwas zutrauen und ihre eigenen Wege gehen. Individualisierte Gesellschaften sind erfolgreicher als Kulturen, in denen der Einzelne nichts gilt. Kritisches Denken, Kreativität, Einfühlungsvermögen, Lernen mit Versuch und Irrtum, Selbstentfaltung bei gleichzeitiger Selbstkontrolle – all diese Merkmale gelungener Individualisierung sichern ihnen einen Vorsprung gegenüber traditionell oder kollektivistisch ausgerichteten Kulturen.

Individualisierung spiegelt sich auch im Angebot von Waren und Dienstleistungen wider. Die wachsende Nachfrage nach maßgeschneiderten Lösungen, nach dem Unverwechselbaren, dem Besonderen hat die vor allem auf Massenproduktion beruhende Ökonomie auf eine neue Stufe gehoben. Individualisierte Produkte und Standardangebote sind nicht länger ein unauflösbarer Widerspruch, sondern gehen eine Symbiose ein.

Auch die medizinische und pharmazeutische Forschung wird nun von dieser Entwicklung ergriffen. Bisher war es vor allem die Komplementärmedizin, die den Wunsch nach einer dem Einzelnen besser entsprechenden Therapie widerspiegelte. Menschen sind verschieden, also müssen es die Therapien und Arzneimittel auch sein. Dieser Denkansatz kam in der Bevölkerung gut an, und die Komplementärmedizin ist fest im Gesundheitswesen verankert. Es wird ein neuartiges, auf das körperliche Wohl bedachte Vorsorgedenken sichtbar, aber auch die oft verzweifelte Suche nach Auswegen bei chronischen Erkrankungen und die Abkehr von einigen überholten Paradigmen der Medizin.

Eigenart und Besonderheiten der Patienten spielen inzwischen auch in der Schulmedizin eine größere Rolle. Zwar bleiben noch immer zu viele Therapiemaßnahmen mit standardisierten, studienkontrollierten, evidenzbasierten Arzneimitteln ohne die erwünschte Wirkung, aber es zeichnet sich hier etwas ab, was in der Welt von Konsum und Dienstleistungen schon weit entwickelt ist: Die Individualisierung der Medizin. Möglich wird sie durch die Feststellung bestimmter genetischer Merkmale, die über die Wirksamkeit von Medikamenten entscheiden. Zukünftig wird deshalb ein routinemäßiger Gentest bei immer mehr Therapien dazu gehören.

Zu den naturwissenschaftlichen Einzelheiten werde ich mich als Soziologe nicht weiter äußern, das können andere besser. Stattdessen denke ich an die aus der neuen pharmazeutischen Differenzierung folgende Arbeitsteilung. Gentests und deren Interpretation in Bezug auf die Chemie eines Arzneimittels wären doch eigentlich die ureigenste Aufgabe der Apotheker. Dass andere ihnen dies streitig machen, wie aus dem Arztvorbehalt im neuen Gendiagnostikgesetz hervorgeht, wundert mich nicht, denn auch der Kampf der Interessengruppen gehört zur Individualisierung dazu.

Wie aber behaupten sich die Apotheker in diesem Kampf, wie werden sie sich in Zukunft behaupten? Individualisierung fordert zum Agieren, nicht bloß zum Reagieren heraus. Der bisherige Verlauf der Moderne zeigt: Wer eine absehbare Entwicklung rechtzeitig erkennt und ernst nimmt, kann sie auch nach eigenen Vorstellungen gestalten. Ein auf bessere Wirksamkeit und Verträglichkeit von Arzneimitteln zielender Gen-Pass für alle – das ist die Zukunft. Sie ist deutlich sichtbar, hat aber noch keine Form angenommen. Sie gehört in die Verantwortung von Apothekern, denn sie kennen Arzneimittel und sind ganz nahe an den Menschen dran, die diese Mittel einnehmen.

Individualisierung ist eine besonders anspruchsvolle Verheißung der Moderne. Eine Medizin, die deshalb besser hilft, weil sie individualisiert wurde und darum besser zu den Patienten passt, ist ebenfalls nicht ohne Mühe zu haben, aber sie ist so erstrebenswert wie ein selbstgebackener Kuchen, ein schönes Zuhause oder eine Reise ins Unbekannte. Mit weniger würde ich mich nicht zufrieden geben.


Gerhard Schulze


Gerhard Schulze, geb. 1944, ist Professor für Soziologie an der Universität Bamberg. Seine Arbeiten untersuchen den kulturellen Wandel der Gegenwart. Im Februar 2011 erschien sein aktuelles Buch "Krisen. Das Alarmdilemma" im Fischer Verlag.



DAZ 2011, Nr. 35, S. 26

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