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Berliner Forschungspreis für Alternativen zum Tierversuch

BERLIN (ks). Wo Krankheiten erforscht und Therapien entwickelt werden, sind Tierversuche kaum hinwegzudenken. Allerdings gibt es Bemühungen, diese Versuche zu vermeiden oder wenigstens zu reduzieren. In Berlin wurde nun erstmals der Berliner Forschungspreis für Alternativen zu Tierversuchen verliehen. Er wurde gemeinsam von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales und dem Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) verliehen.

Der mit 15.000 Euro dotierte Preis – gestiftet vom vfa – soll künftig jährlich für eine herausragende wissenschaftliche Arbeit zur Vermeidung und Reduzierung von Tierversuchen vergeben werden. In diesem Jahr gingen zehn Bewerbungen ein. Einstimmig kürte die Jury die Arbeit von Dr. med. Andreas Hocke "Etablierung und Fortentwicklung eines humanen Lungengewebe-Infektionsmodells zur Reduktion und zum Ersatz von Tierversuchen in Maus-Pneumonie-Modellen" als Wettbewerbssieger. Das Ziel dieser Arbeit ist, Versuche mit Mäusen im Rahmen der Lungeninfektionsforschung zu reduzieren und für gezielte Fragestellungen zu ersetzen. Dr. Hocke arbeitet als Assistenzarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Charité Berlin an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie.

Außerdem wurde ein Sonderpreis an die Lise-Meitner-Schule vergeben für die Arbeit "Umsetzung eines 3T3 Phototoxizitätstests mit Hypericin unter Schulbedingungen zur Ergänzung der Fachpraxis in der Ausbildung zum biologisch technischen Assistenten" eingereicht von Jennifer Weigt, Nils Dommershausen und Florian Butke. Mit diesem Sonderpreis soll die Auseinandersetzung mit dem Thema Alternativen zu Tierversuchen auch in der Ausbildung gewürdigt werden.

Berlin ist Hauptstadt der Tierversuche

"Angesichts der Tatsache, dass Berlin noch immer die Hauptstadt der Tierversuche ist, bin ich sehr froh, dass es uns gelungen ist, einen Forschungspreis für Alternativen zu Tierversuchen auszuloben", sagte Katrin Lompscher, Senatorin für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz bei der Preisverleihung. Sie dankte nicht zuletzt den Preisgeldstiftern. Lompscher betonte: "Wir brauchen auf diesem Gebiet mehr Forschung, um praktikable Alternativen zu finden. Nur so kann es uns gelingen, Tierversuche immer öfter überflüssig zu machen."

Dr. Siegfried Throm, vfa-Geschäftsführer Forschung, betonte seinerseits, dass die forschenden Pharmaunternehmen ein großes Interesse daran haben, Medikamente künftig mit immer weniger Tierversuchen zu entwickeln – nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. Denn Tiere müssen schließlich angeschafft und gepflegt werden. Die vfa-Unternehmen erarbeiteten daher auch selbst Methoden hierfür und unterstützten darauf abzielende akademische Projekte.

Grundsätzlich gilt in Deutschland bei Tierversuchen die Maxime des Deutschen Tierschutzgesetzes: "Es ist verboten, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerz, Leid oder Schaden zuzufügen." Damit kann die Zulässigkeit eines Tierversuchs immer nur im Einzelfall überprüft werden. Stets muss begründet werden, warum das Versuchsziel nicht anderweitig erreicht werden kann. Daher muss jeder Projektplanung eine umfassende Abwägung vorausgehen: Reichen Computermodelle oder In-vitro-Verfahren? Oder muss wirklich auf ein Tier zurückgegriffen werden? Es gelten dabei die 3R-Prinzipien: Replace (andere Methoden), Reduce (weniger Tiere), Refine (niedrigst entwickelte Art wählen). Oft kommen auch Kombinationen von tierfreiem Versuch und Tierversuch zur Anwendung.

Nach der aktuellsten Tierversuch-Statistik des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (zu finden unter www.bmelv.de) wurden im Jahr 2009 in Deutschland 2.786.331 Tiere in Versuchen verwendet – 1.876.563 hiervon waren Mäuse, 514.722 Ratten. Der Anteil der pharmazeutischen und medizintechnischen Industrie an diesen Versuchstieren betrug zusammen 27 Prozent (1.042.431). Hier waren 82 Prozent der Tiere Mäuse und Ratten. Die meisten Tierversuche finden allerdings in der biologischen Grundlagenforschung statt (917.070).



DAZ 2011, Nr. 35, S. 33

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