Rezepturen

Nasensalben in der Rezeptur

Drei Beispiele aus dem Apothekenalltag

Von Gerd Wolf

Dermatologen, Allgemeinärzte und Kinderärzte verordnen die meisten Rezepturen. Erst danach folgen in der Häufigkeitsstatistik die HNO-Ärzte, die Salben, Cremes, Emulsionen oder Tropfen zur Anwendung in der Nase oder im Ohr als Rezepturen verschreiben. Doch auch die Herstellung dieser Zubereitungen kann das Apothekenpersonal vor Schwierigkeiten stellen. Nachfolgend werden drei typische Beispiele für Nasenemulsionen und -salben, die damit zusammenhängenden Probleme und mögliche Lösungswege vorgestellt.

Vitamin-A-haltige Nasensalbe

Das erste Beispiel ist eine Salbe zur Anwendung in der Nase, obwohl die Bezeichnung der Grundlage als "Oculentum simplex" zunächst den Einsatz am Auge vermuten lässt.

Nasensalbe Beispiel 1


Rp.

Vitadral®: 5,0 g

Dexpanthenol: 5,0 g

Oculentum simplex: ad 40,0 g


Vitadral®

Das Fertigarzneimittel Vitadral® enthält Retinolpalmitat bzw. Vitamin-A-palmitat (1 ml entspricht 54.900 I.E. Retinol) gelöst in raffiniertem Erdnussöl. Demnach enthält ein Gramm der fertigen Zubereitung etwa 6.800 I.E. Retinol. Die maximal empfohlene Tagesdosis bei äußerlicher Anwendung beträgt 50.000 I.E. [1]. Vitamin A ist teilweise wirksam bei dermatologischen Erkrankungen, die mit einer pathologischen Keratinisierung einhergehen [2]. Es ist für die normale Differenzierung des geschichteten Plattenepithels, die Keratinisierung in der Haut, erforderlich. Bei externer Anwendung wirkt Vitamin A re-epithelialisierend. Möglicherweise soll mit der verordneten Salbe eine trockene Nasenschleimhaut behandelt werden. Retinolpalmitat ist sehr lipophil und löst sich in fetten Ölen und organischen Lösungsmitteln. Es ist sehr oxidationsempfindlich. Daher werden den öligen Lösungen meist Antioxidanzien hinzugefügt, wie Butylhydroxytoluol (BHT) in Vitadral®.


Dexpanthenol

Dexpanthenol ist eine klare, hoch viskose Flüssigkeit, die sich leicht in Wasser, Ethanol und Propylenglykol löst [3]. Es wird seit Jahrzehnten in Dermatika zur Wundbehandlung eingesetzt, fördert die Re-Epithelialisierung und beugt Hautentzündungen vor. Das Stabilitätsoptimum liegt zwischen pH 3 und 7. Die Normkonzentration beträgt in dermatologischen Rezepturen 5 Prozent, in kosmetischen Zubereitungen werden häufig nur 2,5 Prozent, in Shampoos 1 Prozent eingesetzt. Die in der Beispielrezeptur gewählte Konzentration von 12,5 Prozent erscheint als Überdosierung, die eine Unklarheit gemäß § 7 (1) ApBetrO darstellt. Diese muss vor der Herstellung im Gespräch mit dem Verordner ausgeräumt werden. Nachfolgend wird vom Einsatz der Normkonzentration ausgegangen.


Oculentum simplex

Die Bezeichnung "Oculentum simplex" ist mehrdeutig. Es ist die frühere Bezeichnung für die Monographie "Einfache Augensalbe DAC (NRF 15.19.)" (siehe Kasten) im Deutschen Arzneimittel Codex (DAC) bzw. im Neuen Rezeptur Formularium (NRF). Im Sinne der Ph. Eur. gilt sie als hydrophobe Salbe bzw. Kohlenwasserstoffgel. Die geschmeidige Konsistenz unterstützt die Anwendung am und im Auge. In diese Grundlage lassen sich jedoch nur lipophile Stoffe einarbeiten. Die ölige Vitadral®-Lösung wird sich demzufolge problemlos integrieren lassen, das hydrophile Dexpanthenol dagegen nicht.

Einfache Augensalbe DAC (NRF 15.19., früher: Oculentum simplex DAC)


Weißes Vaselin: 6,0 g

Dickflüssiges Paraffin: 4,0 g

Aufbrauchfrist: 4 Wochen (Augensalbentube)


Mit "Oculentum simplex" kann aber auch eine Monographie aus den SR-Vorschriften gemeint sein, die heute als "Emulgierende Augensalbe DAC (NRF 15.20.)" bezeichnet wird (siehe Kasten).

Emulgierende Augensalbe DAC (NRF 15.20., früher: Oculentum simplex SR)


Cholesterol: 0,1 g

Weißes Vaselin: 5,65 g

Dickflüssiges Paraffin: 4,25 g

Aufbrauchfrist: 4 Wochen (Augensalbentube)


Dies ist eine Wasser aufnehmende Salbe vom W/O-Typ bzw. eine W/O-Absorptionssalbe. In diese Salbe können sowohl hydrophile als auch lipophile Wirkstoffe eingearbeitet werden. Um das lipophile Retinolpalmitat und das hydrophile Dexpanthenol homogen einarbeiten zu können, kommt nur diese Grundlage in Frage. Um das Abwiegen des zähen Dexpanthenol zu erleichtern, sollte die viskose Masse zuvor mit der gleichen Menge Propylenglykol gemischt werden. Daraus ergibt sich die im Kasten "Beispiel 1 optimiert" beschriebene, überarbeitete und konkretisierte Rezeptur.

Beispiel 1 optimiert


Rp.

Vitadral®: 5,0 g

Dexpanthenol/Propylenglykol (1:1): 4,0 g

Emulgierende Augensalbe DAC (NRF 15.20.): ad 40,0 g

M. f. ungt.
Salbe zur Anwendung in der Nase

Aufbrauchfrist: 36 Monate (Tube mit Nasenapplikator)

Sympathikomimetische Nasenemulsion

Das zweite Beispiel steht stellvertretend für viele ähnliche Nasenemulsionen oder -salben.

Nasensalbe Beispiel 2


Rp.

Naphazolinnitrat: 0,004 g

Oleum Arachidis: 50,0 g

Adeps Lanae anhydric.: 32,5 g

Aqua purific.: 10,0 g

Paraffin. subliq.: 7,5 g


Naphazolinnitrat

Das lokal wirksame Sympathikomimetikum Naphazolinnitrat müsste als Substanz auf einer Analysenwaage abgewogen werden. Daher ist es für die Herstellung zweckmäßiger, Naphazolinnitrat in bereits gelöster Form, beispielsweise als Fertigarzneimittel Privin® -Tropfen, hinzuzusetzen. Bei der verordneten, relativ geringen Konzentration wären 4,0 g Privin® -Tropfen einzusetzen. Um die Normkonzentration von Naphazolin zu erreichen, wären 10,0 g des Fertigarzneimittels nötig. Möglicherweise möchte der Verordner jedoch den Einsatz des Konservierungsmittels Benzalkoniumchlorid in dem Fertigarzneimittel umgehen, um schädigende Effekte auf das Flimmerepithel zu vermeiden.

Hinsichtlich der Arzneimittelsicherheit ist zu bedenken, dass lokal wirksame Sympathikomimetika bei Anwendungen über mehr als 14 Tage zur Gewöhnung führen und einen Circulus vitiosus in Gang setzen können. Bei diesem "Privinismus" schwellen die Gefäße nach Abfluten des Wirkstoffs wieder an und veranlassen den Patienten zur erneuten Anwendung. Außerdem ist Naphazolin bei Rhinitis sicca kontraindiziert, sodass die Kombination mit einer lipophilen Grundlage einen Hinweis auf eine irrtümliche Verordnung darstellen könnte.


Wollwachs

Wollwachs gilt als Allergen, wenn auch inzwischen eher die Reste von Detergenzien und freie Alkohole für die allergene Wirkung verantwortlich gemacht werden. Wegen der schon lange diskutierten Pestizidbelastung gilt eine Höchstmengen-Verordnung (siehe auch Folge 7 dieser Serie, erschienen in DAZ 3/2011). Daraufhin werden alle von Apotheken bezogenen Chargen von Wollwachsprodukten auf Restmengen an Pestiziden überprüft. Angesichts der Anwendung auf verletzter oder sonst geschädigter Haut ohne intaktes Stratum corneum kann dieser Aspekt durchaus relevant sein. Um dieses Risiko weiter zu minimieren oder ganz zu vermeiden, bieten sich als Alternativen eine pestizidarme, wollwachsalkoholhaltige, Wasser aufnehmende Salbe vom W/O-Typ bzw. eine W/O-Absorptionssalbe wie Eucerinum® anhydricum oder eine wollwachsfreie Ausführung wie "Emulgierendes hydrophobes Basisgel DAC" (siehe Kasten) an.

Emulgierendes hydrophobes Basisgel DAC


Isopropylpalmitat: 8,0 g

Triglyceroldiisostearat: 10,0 g

Hydrophobes Basisgel: 82,0 g


Letzteres kann unter dem Namen "Pionier® KWH pharma" über den pharmazeutischen Großhandel bezogen werden. Es stellt die lipophile Phase der "Hydrophoben Basiscreme DAC (NRF 11.104.)" dar.


"Verdünnung" von W/O-Cremes

Der lipophilen Außenphase der wollwachshaltigen W/O-Creme werden in verordneten Nasenemulsionen vielfach große Mengen an fetten Ölen wie mittelkettige Triglyceride, dickflüssiges Paraffin oder hier Erdnussöl hinzugefügt, die aspiriert werden und so genannte Lipidpneumonien auslösen können. Die ursprüngliche halbfeste, lipophile Creme soll so in eine weniger viskose W/O-Lotion überführt werden, um sie mit einer Pipette aufsaugen und applizieren zu können. Solche Zubereitungen sind jedoch oft galenisch instabil und zerfallen in zwei Phasen. Denn W/O-Emulgatoren, insbesondere solche auf Wollwachsbasis, und die mit ihnen zusammen eingesetzten lipophilen Konsistenzgeber stoßen bei der Zugabe von Ölen sehr schnell an die Grenzen ihrer Emulgierfähigkeit. Andere Verhältnisse von Konsistenz gebenden zu flüssigen Anteilen sind zu erreichen, wenn die flüssigen Öl-Anteile nicht überwiegen oder flüssige W/O-Emulgatoren eingesetzt werden. Diese können auch mit festen Emulgatoren gemischt werden, die nicht mit Wollwachs oder Wollwachsalkoholen verwandt sind. Aus galenischer Sicht erscheint das zweite Beispiel als instabiles Vehikelsystem. Als Lösung bietet sich an, den Öl-Anteil zu reduzieren und den Konsistenz gebenden Anteil zu erhöhen.


Optimierte Zubereitung

So ergibt sich folgende Optimierungsmöglichkeit für die zweite Beispielrezeptur:

Beispiel 2 optimiert


Rp.

Privin® 1:1000 Lsg.: 4,0 g oder 10,0 g

Eucerin®. anhydric. oder Emulgierendes hydrophobes Basisgel DAC: 54,0 g – 45,0 g

Paraffin. subliq.: 7,5 g

Oleum Arachidis: ad 100,0 g

Aufbrauchfrist: 12 Monate (Tube mit Nasenapplikator)


Die mikrobielle Stabilität dieser lipophilen Creme ist durch das Konservierungsmittel Benzalkoniumchlorid in der Privin®-Lösung gegeben. Falls Naphazolinnitrat als Substanz verarbeitet wird, könnte die mikrobielle Stabilität stattdessen mit Propylenglykol gesichert werden.

Nasensalbe mit Glucose und Lanolin

Teilweise die gleichen, aber auch einige neue Probleme ergeben sich beim dritten Beispiel einer Nasensalbe:

Nasensalbe Beispiel 3


Rp.

Dextropur®: 5,0 g

Menthol: 0,1 g

Lanolin.: 3,0 g

Paraff. subliq.: ad 50,0 g


Dextropur® ist ein mit Warenzeichen geschütztes Produkt, das Glucose enthält. Hier wird der osmotische Reiz der Glucose auf eine trocken gewordene Nasenschleimhaut ausgenutzt und so versucht, die Schleimproduktion anzuregen. Lanolin ist im Sinne der Ph. Eur. eine wollwachshaltige, lipophile Creme bzw. W/O-Creme (siehe Kasten).

Lanolin DAB 2008 / 2010


Dickflüssiges Paraffin: 15,0 g

Gereinigtes Wasser: 20,0 g

Wollwachs: 65,0 g


Der Wassergehalt von 20 Prozent, also 0,6 g, reicht nicht aus, um 5 g Glucose darin lösen zu können. Daher verklumpt die Glucose, und es ergibt sich keine homogene Zubereitung. Außerdem gelten die gleichen Anmerkungen zu Wollwachs und Wollwachsalkoholen wie bei der zweiten Beispielrezeptur. Ähnlich wie beim Öl-Anteil im zweiten Beispiel ist auch hier der Anteil an dickflüssigem Paraffin so hoch, dass keine stabile W/O-Lotion erwartet werden kann.


Optimierte Zubereitung

Damit bestehen folgende Ansätze zur Optimierung:

  • Die Glucose sollte in mindestens der gleichen Menge Wasser gelöst werden.

  • Das Wasser muss konserviert werden.

  • Lanolin sollte gegen Eucerinum® anhydricum oder "Emulgierendes hydrophobes Basisgel DAC" (siehe Kasten 3) ausgetauscht und in seiner Konzentration erhöht werden.

  • Die Menge an dickflüssigem Paraffin sollte erheblich reduziert werden.

So ergibt sich die im Kasten Beispiel 3 beschriebene optimierte Rezeptur.

Beispiel 3 optimiert


Rp.

Glucose: 5,0 g

Kaliumsorbat: 0,07 g

Wasserfreie Citronensäure: 0,035 g

Aqua dest.: 4,9 g

Menthol: 0,1 g

Eucerin®. anhydric. oder Emulgierendes hydrophobes Basisgel DAC: 24,0 – 20,0 g

Paraffin. subliq.: ad 50,0 g

Aufbrauchfrist: 12 Monate (Tube mit Nasenapplikator)


Alternativ zu Kaliumsorbat und Citronensäure in 4,9 g Wasser kann zur Konservierung 1 g Propylenglykol verwendet werden, sodass dann noch 4 g Wasser benötigt werden.

Eine vergleichbare Monographie einer stabilen W/O-Lotion existiert weder im DAB noch im DAC oder im NRF. Es erscheint daher für die Praxis hilfreich, eine standardisierte Vorschrift für eine W/O-Lotion als Nasenemulsion zu entwickeln und zu monographieren. Dabei sollte es die Konsistenz erlauben, die Zubereitung mit einer Pipette aufzusaugen und in der Nase zu applizieren.


Literatur

[1] Haffner, Schultz, Schmid, Braun (Hrsg.), Normdosen gebräuchlicher Arzneistoffe und Drogen, Wiss. Verlagsgesellschaft Stuttgart (2010), 15., akt. und erw. Auflage, S. V 3

[2] Ammon, H.P.T., Hunnius, Pharmazeutisches Taschenbuch, Walter de Gruyter, Berlin/New York (2010), S. 1782 – 1783

[3] ebenda, S. 460


Autor

Dr. rer. nat. Gerd Wolf, Fachapotheker für Offizinpharmazie, Robert-Koch-Apotheke,
Fauviller Ring 1, 53501 Grafschaft-Ringen, Fax: 0 26 41 / 75 76 20,
E-Mail: robert-koch-apotheke@pharma-online.de


Rezepturprobleme erkennen und lösen


In der DAZ 30/2010 hatte Dr. Gerd Wolf ein praxisorientiertes Konzept zum Erkennen und Lösen von Rezepturproblemen vorgestellt und die Anwendung an einem Beispiel erläutert. Die Vorgehensweise wird in weiteren Beiträgen vertieft. Bislang sind erschienen:



DAZ 2011, Nr. 34, S. 50

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