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Kliniken behandeln immer mehr psychisch Kranke

BERLIN (lk). Immer mehr Menschen kommen wegen psychischer Störungen ins Krankenhaus. Laut dem aktuellen Barmer GEK Report Krankenhaus 2011 hat ihre Zahl in den letzten zwanzig Jahren um 129 Prozent zugenommen. Waren 1990 noch rund 3,7 von tausend Versicherten betroffen, so wurden 2010 bereits 8,5 gezählt.

"Es ist beachtlich, in welchem Umfang sich deutsche Krankenhäuser mittlerweile um die Versorgung psychisch kranker Menschen kümmern. Dennoch muss man fragen, ob jeder Fall ins Krankenhaus gehört", so der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, bei der Vorstellung des Reports in Berlin. Nicht immer sei die vollstationäre Versorgung die beste Lösung. Vieles spreche für eine stärkere wohnortnahe Versorgung durch ein und dasselbe Behandlungsteam im ambulanten oder teilstationären Bereich. "Nirgendwo sonst sind individuelle Behandlungskonzepte und sektorenübergreifende Ansätze dringlicher als im Bereich der psychischen Erkrankungen."

Für ein besseres Schnittstellenmanagement spricht auch ein anderes Ergebnis: Für Patienten mit psychischen Störungen ist die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Krankenhausaufenthalts relativ hoch. Innerhalb der ersten zwei Jahre nach Entlassung werden 30 Prozent unter derselben psychischen Diagnose wieder eingewiesen, 39 Prozent wegen einer anderen psychischen Erkrankung. Dabei wird ein Drittel dieser Patienten bereits in den ersten 30 Tagen wieder aufgenommen, knapp die Hälfte in den ersten drei Monaten.

Aufschlussreich sind Ergebnisse einer ergänzenden Befragung von 1731 Patienten, darunter 1256 mit der Diagnose Depression. Etwa ein Jahr nach der psychiatrischen Versorgung wurden sie nach ihrem subjektiven Gesundheitszustand gefragt: 69 Prozent gaben an, dass es ihnen im Vergleich zum Zeitpunkt direkt nach der Entlassung besser oder sehr viel besser gehe. 59 Prozent hatten dennoch Anzeichen einer mittleren bis schweren Depression.

Die Autorin des Reports, Professorin Eva-Maria Bitzer vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung Hannover, stellt kritisch fest: "Die hohe Wiederaufnahmequote zeigt auch, dass bei den Depressionen die zentralen Behandlungsziele wie das Nachlassen der Symptome und die Vorbeugung von Rückfällen vielfach nicht erreicht werden."

Der Barmer GEK Report kommt zu weiteren Feststellungen:

Seit 1990 sank die Gesamtbehandlungszeit im Krankenhaus um 27 Prozent. Verantwortlich hierfür ist vor allem der Rückgang der Behandlungszeiten von Krankheiten des Kreislaufsystems um insgesamt 43 Prozent.

In den Top Ten nach Behandlungstagen im Krankenhaus liegen Depression und Schizophrenie ganz vorn. Auf sie entfallen 5,7 Prozent aller Krankenhausbehandlungstage. Die Top Ten nach Behandlungshäufigkeit wird von der Diagnose Psychische Verhaltensstörung durch Alkohol angeführt. Insgesamt entfielen rund 17 Prozent aller Behandlungstage auf die psychischen Störungen, die damit Herz-Kreislauf-Erkrankungen als häufigsten Behandlungsanlass längst abgelöst haben.

Im Krankenhaus geht seit Jahren die Verweildauer pro Fall zurück. Während sich ein Aufenthalt 1990 noch über mehr als 13 Tage erstreckte, dauerte er 2010 nur noch 8,3 Tage. Bei der Behandlungshäufigkeit zeigt sich der gegenläufige Trend. Auch 2010 stieg sie wieder geringfügig von 186 auf 187 Fälle je 1000 Versicherte. 1990 waren es noch 160 Fälle pro 1000 Versicherte gewesen.



DAZ 2011, Nr. 30, S. 21

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