Arzneimittel und Therapie

Kinder früh beim pädiatrischen Gastroenterologen vorstellen

Chronische Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes und der Leber können durchaus bereits im Kindes- und sogar im Kleinkindalter auftreten. Das Hauptproblem in solchen Fällen besteht darin, dass bei unspezifischen Bauchschmerzen oder anderen Beschwerden oft nicht an die Möglichkeit einer gravierenden Erkrankung gedacht und die richtige Diagnose erst mit erheblicher Verzögerung gestellt wird. Bleiben Symptome hartnäckig bestehen und ist eine plausible Ursache nicht in adäquater Zeit zu finden, so sollten die Kinder unbedingt einem pädiatrischen Gastroenterologen vorgestellt werden.
Foto: AOK Mediendienst
Bei unspezifischen Beschwerden und Oberbauchschmerzen bei Kindern, die sich durch die routinemäßig erhobenen Befunde nicht schlüssig erklären lassen oder trotz Behandlung fortbestehen, muss auch an die Möglichkeit einer seltenen Erkrankung gedacht werden. Die Kinder sollten dann an einen pädiatrischen Gastroenterologen überwiesen werden.

Bis vor wenigen Jahren wurde angenommen, ein Morbus Crohn manifestiere sich praktisch nie vor dem sechsten Lebensjahr. Inzwischen ist jedoch klar, dass schon Kleinkinder und sogar Säuglinge an einer chronisch entzündliche Darmerkrankung (CED) leiden können. Das kommt zwar selten vor, doch muss im Fall des Falles eine rasche Diagnose gestellt werden, damit den Kindern unnötiges Leid und zudem auch Krankheitskomplikationen erspart bleiben. Ähnlich sieht es bei Gallensteinen und Gallengrieß (Gallensludge) aus, Störungen, die ebenfalls bei Kindern selten sind, durchaus aber schon im Kleinkindalter vorkommen können und die Kinder massiv belasten.

Leiden Kinder unter unspezifischen Beschwerden, die sich durch die routinemäßig erhobenen Befunde nicht schlüssig erklären lassen oder trotz Behandlung fortbestehen, so muss stets an die Möglichkeit einer seltenen Erkrankung gedacht werden. Die Kinder sollten dann an einen pädiatrischen Gastroenterologen überwiesen werden, der die Störung oft schon mit einfachen Methoden wie einer Ultraschall- oder einer Blutuntersuchung abklären kann.

Auf Gedeihstörungen achten

Eine chronische Erkrankung ist bei Kindern insbesondere in Erwägung zu ziehen, wenn es neben den unspezifischen Beschwerden zu Gedeihstörungen kommt, wenn also die Kinder im Wachstum zurückbleiben. Auch wenn sie sich in ihrem Verhalten ändern, wenn sie müde und abgespannt wirken, nicht mehr fröhlich spielen, sondern auffallend ruhig sind und sich zurückziehen, ist das als Alarmsignal zu werten. Solche Veränderungen dürfen nicht bagatellisiert, sondern müssen beim Spezialisten abgeklärt werden. Das betreffende Kind sollte aber einem pädiatrischen Gastroenterologen und nicht etwa einem internistischen Gastroenterologen oder Hepatologen vorgestellt werden, da diese im Allgemeinen keine Erfahrung mit gastrointestinalen und hepatologischen Erkrankungen im Kindesalter besitzen.

Prävalenz der Gallensteine im Kindesalter:


Säuglinge: 0,02%

Kleinkinder: 0,05 bis 0,1%

Schulkinder: bis 0,14%

Jugendliche: bis 0,26%

Nach Entzündungen in anderen Organen fahnden

Denn die jeweiligen Krankheitsbilder präsentieren sich bei Kindern oft anders als bei Erwachsenen, wie das Beispiel der chronisch entzündlichen Darmerkrankung zeigt. Sie gehen im Kindes- und Jugendalter häufiger als bei Erwachsenen mit extraintestinalen Manifestationen der chronischen Inflammation einher und sind entsprechend häufiger mit anderen Erkrankungen assoziiert. Nicht selten gehen diese sogar der Manifestation der CED voraus. So kann es durchaus sein, dass ein Kind aufgrund von Gelenkschmerzen oder wegen seiner Kleinwüchsigkeit in der Praxis vorgestellt wird, den Auffälligkeiten de facto aber eine CED zugrunde liegt. Andererseits muss bei Vorliegen eines Morbus Crohn oder einer Colitis ulcerosa bei Kindern systematisch auch nach Manifestationen der Inflammation in anderen Organsystemen gesucht werden.

Auffällig ist derzeit ein Ansteigen der Inzidenz und Prävalenz der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in den Industrieländern und mehr noch in den sogenannten Schwellenländern. Besonders stark nimmt dabei die Häufigkeit zu bei Kindern, die in der Stadt aufwachsen, was auf Umweltfaktoren als Ursache schließen lässt. Allerdings weisen auch Kinder, die per Sectio entbunden wurden, ein höheres Krankheitsrisiko auf als Kinder nach einer Spontangeburt.

Ähnlich wie beim Erwachsenen werden Kinder und Jugendliche mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung und leicht- bis mittelgradiger Entzündungsaktivität üblicherweise mit Mesalazin behandelt, das vor allem auch bei der Erhaltungstherapie der Colitis ulcerosa einen hohen Stellenwert hat. Bei mittelstarker bis hoher Entzündungsaktivität kommen Steroide wie Prednisolon zur Remissionsinduktion zum Einsatz und alternativ Budesonid als topisch wirksames Steroid. Gute Erfolge sind bei Kindern und Jugendlichen außerdem mit einer Ernährungstherapie zu verzeichnen.

Charakteristika von Gallensteinen

Cholesterinsteine
Calciumcarbonat
Bilirubinsteine
gemischte Steine
Cholesterin
> 60%
< 5%
10 bis 50%
Zahl
1 bis viele
viele
meist einzeln
Röntgendichte
selten
meist
häufig
Konsistenz
hart, geformt
hart, bröckelig
weich
Farbe
weiß-beige
schwarz
braun

Gallensteine bei Kindern sind meist Bilirubinsteine

Ähnlich wie bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen zeigen sich auch beim Vorliegen von Gallensteinen bei Kindern und Jugendlichen Besonderheiten. Diagnostische Probleme gibt es oft bei Kindern unter drei Jahren, da diese nicht die charakteristischen Koliken entwickeln. Im Vordergrund stehen bei ihnen vielmehr ein allgemeines Unwohlsein, Unruhe, Erbrechen oder eine Diarrhö und eventuell ein paralytischer Ileus. Allerdings bleiben die Gallensteine bei rund 70% der Kinder asymptomatisch. Kinder mit Gallensteinen, die älter als drei Jahre sind, klagen meist über Bauchschmerzen, wobei allerdings auch in dieser Altersgruppe eher selten die bei Erwachsenen charakteristischen kolikartigen Oberbauchschmerzen angegeben werden. Meist sind die Schmerzen im rechten Oberbauch zu lokalisieren, oft in den Rücken ausstrahlend. Ein Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme ist häufig nicht auszumachen und auch bei Kindern über drei Jahren kann das Gallensteinleiden bis zur schweren Cholangitis und zum paralytischen Ileus führen.

Im Gegensatz zu Erwachsenen, die meist Cholesterinsteine aufweisen, liegen bei Kindern in aller Regel Bilirubinsteine vor, da die Störung meist auf eine hämolytische Erkrankung mit vermehrtem Anfall von unkonjugiertem Bilirubin zurückgeht. Ätiologisch kommt zudem eine Mukoviszidose in Betracht, eine Stase der abführenden Gallenwege, eine Infektion, eine Dehydratation der Kinder oder auch eine immobile Gallenblase sowie Veränderungen des Gallenmukus.

Wenn möglich, erfolgt die Behandlung konservativ, wobei bei Cholesterinsteinen sowie gemischten Steinen eine medikamentöse Lyse mittels der Gallensäure Ursodeoxycholsäure versucht werden kann. Lohnenswert ist ein solcher Behandlungsversuch vor allem bei Gallenblasensludge und kleinen Konkrementen bei Kindern unter drei Jahren. Sind die Steine kleiner als fünf Millimeter, so ist bei 60% der Kinder mit funktionstüchtiger Gallenblase innerhalb von sechs Monaten auf diese Weise Steinfreiheit zu erzielen. Müssen jedoch die Steine operativ entfernt werden, so geschieht dies auch bei Kindern üblicherweise laparoskopisch.


Quelle

Prof. Dr. Michael Melter; Dr. Martin Claßen, Bremen; Prof. Dr. Thomas Lang, Starnberg; Dr. Stephan Buderus, Bonn: Pädiater-Forum Gastroenterologie 2011, München, 3. Juni 2011, veranstaltet von der Falk Foundation e.V.


Medizinjournalistin Christine Vetter



DAZ 2011, Nr. 29, S. 32