DAZ-Jubiläumskongress

Schon im Studium gehört der Patient in den Mittelpunkt

Einen Einblick in das amerikanische Ausbildungssystem der Pharmazeuten gab Prof. Dr. Hartmut Derendorf, Leiter des Departments of Pharmaceutics der University of Florida in Gainesville, USA. Sein Fazit: In Deutschland mangelt es an einer patientenorientierten Sichtweise. Will der Berufsstand aber zukunftsfähig bleiben, so sollte er sich tunlichst darüber Gedanken machen, wofür die Gesellschaft ihn eigentlich bezahlt.
Prof. Dr. Hartmut Derendorf

Eine große Chance für den Berufsstand sieht Derendorf darin, arzneimittelbezogene Probleme zu minimieren. Denn durch diese können enorme Kosten entstehen. Sie belaufen sich in den USA auf geschätzte 76,6 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Zu den arzneimittelbezogenen Problemen gehören eine unterlassene Arzneimittelbehandlung bzw. unnötige Arzneimittelbehandlung, die Einnahme eines falschen Arzneimittels oder einer falschen Dosis ebenso wie fehlende Compliance, unerwünschte Arzneimittelwirkung oder Interaktionen. Ziel sollte es sein, eine verantwortliche Therapiebegleitung durch den Apotheker in Zusammenarbeit mit dem Arzt zu etablieren. Es geht dabei nicht um die Arzneimittelversorgung im Sinne der Abgabe eines Arzneimittels, sondern um die Sicherstellung der Arzneimitteltherapie und die Verantwortlichkeit für diesen Gesamtvorgang. Idealerweise wäre der Apotheker mit dem Patienten und dem Verordner gemeinsam verantwortlich für ein optimales Ergebnis der Arzneimitteltherapie.

Mit dem Arzneimittel besser umgehen

Die positiven Auswirkungen solch einer Zusammenarbeit zeigt ein Blick in die Statistik. Die Fünf-Jahres-Überlebenschancen von Leukämiepatienten lag im Zeitraum von 1962 bis 1966 bei 21%. Sie ist über die Jahre immer besser geworden, heute liegt die Fünf-Jahres-Überlebenschance bei 86%. Wenn man sich die Arzneimittel anschaut, die eingesetzt werden, so haben sich diese über die Jahre nur wenig verändert. Die Ursache für die Lebensverlängerung sind nicht bessere Arzneimittel, es ist der bessere Umgang mit den Arzneimitteln! Von einer guten pharmazeutischen Betreuung profitieren aber nicht nur Patienten, vor allem die Krankenhäuser haben finanzielle Vorteile. Das wird in den USA immer stärker erkannt und entsprechende Stellen aufgestockt. Die Auswirkungen dieser erfolgreichen Arbeit der Pharmazeuten ist sogar Derendorf ein bisschen unheimlich: An "seiner" Einrichtung, dem Department of Pharmacy der University of Florida kommen heute auf 737 Klinikbetten 200 Angestellte und 70 Apotheker. Damit kommt etwa ein Apotheker auf zehn Betten. Betrachtet man die Zahlen vergleichend, so schneidet Europa sehr schlecht ab. Am besten bestellt ist die Situation noch in Estland: hier kommen auf 100 Betten 1,91 Apotheker, trauriges Schlusslicht ist weit abgeschlagen Deutschland: hier kommen auf 100 Klinikbetten nur 0,31 Apotheker. Dies sei eine erschreckende Zahl und von einer "klinischen Pharmazie" kann in Deutschland eigentlich gar nicht die Rede sein, so Derendorf. Ein "Nebeneffekt" in den USA: Freie Stellen in Krankenhäusern sind nur schwer zu besetzen, es werden händeringend Apotheker gesucht, teilweise sehr hohe "Sign-in-Prämien" bezahlt. Ähnlich die Situation bei den öffentlichen Apotheken, hier sind die Gehälter oft doppelt so hoch wie in Deutschland.


Heftige Kritik übte Professor Derendorf an der pharmazeutischen Ausbildung in Deutschland. Über das, was sich ändern muss, diskutierte er mit DAZ-Redakteurin Dr. Doris Uhl.

Ausbildung in USA und Deutschland im Vergleich

So fachlich hoch qualifiziert die Apotheker in Deutschland sind, in Tests zur Beratung in öffentlichen Apotheken fallen sie regelmäßig durch. Dass sich das mittlerweile zu einem Imageproblem entwickelt hat, darf man nicht ignorieren, sondern muss diese Kritik sehr ernst nehmen. Als eine der Hauptursachen sieht Derendorf die Ausbildung der Pharmaziestudenten. In Deutschland schließt die Ausbildung der Pharmazeuten nach fünf Jahren Studium mit einem Staatsexamen ab und ist straff naturwissenschaftlich ausgerichtet und eindeutig arzneimittelorientiert. In den USA wurde das Studium der Pharmazie in den 1990er Jahren nach und nach umgestellt. Es wurde dabei um einen ausgeprägten klinischen Teil erweitert und die Studiendauer wurde gleichzeitig verlängert. Jetzt dauert die Ausbildung sechs Jahre, schließt mit einem neu geschaffenen Titel ab, dem Doctor of Pharmacy (PharmD). Dieser Titel soll auch der Bevölkerung signalisieren, dass das Apotheker sind, die eine spezielle Ausbildung haben und eng an die klinische Pharmazie gebunden sind. Denn neben den Formalien des Abschlusses haben sich in den vergangenen Jahren vor allem die Inhalte in den USA geändert: Das Studium ist nicht nur naturwissenschaftlich ausgerichtet, sondern umfasst auch weitere Aspekte: sozialwissenschaftliche und medizinische Aspekte ebenso wie kommunikative. Und – das hob Derendorf als den größten Unterschied hervor – die Ausbildung in den USA orientiert sich eindeutig am Patienten. Vergleicht man beide Studiensysteme, so kann man nur noch ca. 20% Überlappung entdecken! Auch der Stellenwert des Berufes ist in beiden Ländern unterschiedlich. Dass in den USA das Ansehen und die Berufsaussichten für Pharmazeuten besser sind als in Deutschland, zeigen die Zahlen der Interessenten für einen Pharmaziestudienplatz: In Deutschland stagniert die Zahl der Interessenten, seit Jahren kommen auf einen Studienplatz ca. 1,8 Bewerber. In den USA stieg die Zahl in den letzten zehn Jahren stetig an, zurzeit kommen auf einen Studienplatz 7,1 Bewerber.

Problematisch schätzt Derendorf die inhaltliche Ausrichtung und das Selbstverständnis ein, das die jungen Pharmazeuten in Deutschland haben. Betrachtet man hier die Definition des Begriffs "Pharmazie", so sei es erstaunlich, dass der "Patient" als solches nicht darin vorkommt. Auch der Bundesverband der Pharmaziestudierenden wirbt stolz damit, "wer Pharmazie studiert hat, weiß nicht nur, dass eine gängige Aspirintablette genau 500 mg Acetylsalicylsäure enthalten muss, sondern kann jeden Arzneistoff analysieren und Fertigpräparate kontrollieren". Keine Rede von Krankheit, keine Rede davon, dass ein Apotheker wissen muss, wie ein Patient das Arzneimittel richtig anwenden soll! Im Gegensatz zu dieser arzneimittelorientierten Ausbildung ist die Ausbildung in den USA konsequent patientenorientiert. Zum Beispiel gehört es zu den ersten Aufgaben eines Pharmaziestudenten im ersten Semester, dass er sich aus seinem Bekanntenkreis eine Person herausgreift, die Arzneimittel einnimmt. Über diesen wird ein kleiner Bericht geschrieben: was nimmt er, was hat er, wie geht der Patient mit dem Arzneimittel und mit der Krankheit um. Zwar haben die jungen Leute noch keine Ahnung von der wissenschaftlichen Materie, aber ihnen wird von Anfang an das Gefühl vermittelt, es geht darum, Krankheiten zu lindern und Menschen zu helfen. Und dieses Denken prägt schon im Kopf des Studenten das zukünftige Berufsbild des Apothekers. Als zwingende Voraussetzungen für eine patientenorientierte Pharmazie nannte Derendorf ein patientenorientiertes Pharmaziestudium, eine langfristig ausgelegte Fort- und Weiterbildung auf hohem Niveau, eine enge Zusammenarbeit von Medizin und Pharmazie und eine enge Zusammenarbeit von Beruf und Hochschule. Auch hier haben die Deutschen große Probleme. Die Lehre habe sich weit von der beruflichen Praxis entfernt und leider fehlt an der Hochschule oft auch die Loyalität zum Apothekerberuf. Viele Hochschullehrer wollen mit Apothekern nichts mehr zu tun haben. "Manchmal hat man das Gefühl, die schämen sich sogar dafür", so Derendorf.

Konstruktiv und kollegial zusammenarbeiten

Die Gelder, die durch eine gute pharmazeutische Betreuung eingespart werden, könnten nach Derendorf dazu eingesetzt werden, um die allgemeinen Gesundheitskosten zu verringern, um den Apotheker für die geleistete pharmazeutische Betreuung zu vergüten, um es dem Arzt zu erlauben, nach vorwiegend therapeutischen Kriterien zu verschreiben und um Krankenkassenkosten zu senken. Um das zu erreichen, wurde in den USA das sogenannte Medication Therapy Management (MTM) erfolgreich eingeführt. Mit dieser Dienstleistung durch Apotheker soll der therapeutische Effekt für den individuellen Patienten optimiert werden. Dabei wird die Beratungsleistung des Apothekers von der Abgabe des Arzneimittels getrennt. Ein medication therapy management umfasst einen Medication Therapy Review (MTR), in dem systematisch Patientendaten – einschließlich Diagnose und Labordaten – aufgenommen werden ebenso wie die Analyse möglicher Medikationsprobleme und die konkrete Beratung des Patienten über die weitere Vorgehensweise. Essenziell hierbei ist die Zusammenarbeit mit dem Arzt und dem Patienten. Der Apotheker ist nicht der Konkurrent des Arztes, sondern sein gleichberechtigter Partner. Aufgabe des Apothekers ist es, zu untersuchen, ob die verordneten Medikamente bei dem einzelnen Patienten für die diagnostizierte Erkrankung optimal sind, ob die Dosierung zutreffend ist, ob eventuell notwendige Medikamente in der Therapie fehlen oder verordnete Medikamente überflüssig sind. Das ist der Kern unseres Berufs, betonte Derendorf, oder kurz zusammengefasst: "It´s the patient, stupid!"


ck

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