DAZ-Jubiläumskongress

Glaeske: Beratungsauftrag unter Beweis stellen!

Kritisch durchleuchtete Prof. Dr. Gerd Glaeske, Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen, die Stellung der Apotheken in unserem heutigen Versorgungssystem. Nach seiner Auffassung müsste mehr Wettbewerb um Qualität und Effizienz stattfinden. Angesichts sich verändernder Rahmenbedingungen sollten die Apotheken die neuen Chancen wahrnehmen, z. B. in der geriatrischen Pharmazie. Apotheken müssen in Zukunft stärker ihren Beratungs- und Versorgungsvertrag unter Beweis stellen, so Glaeske.
Prof. Dr. Gerd Glaeske

Die Rahmenbedingungen im Gesundheitssystem ändern sich: es wird mehr Transparenz gefordert, der Wettbewerb um Qualität und Effizienz steht mehr und mehr im Vordergrund. Es müsste nach den Vorstellungen Glaeskes so etwas wie ein "Public Disclosure" im Gesundheitswesen geben, also Mitteilungen, die die Transparenz erhöhen, beispielsweise Bewertungen von Ärzten und Psychotherapeuten, "warum nicht auch von Apotheken?". Die Patienten seien unzufrieden mit den Informationen von Hausärzten über Arzneimittel und deren Nebenwirkungen. Hier könnten Apotheken mehr tun. Dies auch vor dem Hintergrund, dass der Arzneimittelmarkt "komplizierter" wird (Beispiel Biologicals). Der Anteil verordneter und selbstgekaufter Arzneimittel verändert sich durch politisch gesetzte Rahmenbedingungen. Nicht zuletzt auch wegen Rabattverträgen, notwendigen Anwendungsvorschriften und Interaktionen sieht Glaeske eine steigende Notwendigkeit für Erklärungen und Beratungen. Und das Morbiditätsspektrum verändert sich mit dem demografischen Wandel (KHK, Depression, Demenz), chronische Krankheiten nehmen zu. Glaeske: "Die Zukunft ist chronisch, nicht pharmazeutisch." Da in Zukunft bestimmte Erkrankungen eine größere Rolle spielen werden, werden auch Arzneimittel in der Onkologie oder bei Autoimmunerkrankungen (Psoriasis, rheumatoide Arthritis) mehr Bedeutung erlangen. Das Versorgungsfeld der Zytostatikarezepturen wird wachsen, wohnortnahe Herstellung und Belieferung als Effizienz- und Qualitätssicherung wird gefragt sein. Es wird zudem "Spezialpräparate" geben als Produkte mit neuen Verträglichkeits-, Wirksamkeits- und Anwendungscharakteristika – hier sieht Glaeske neue Anforderungen für Apothekerinnen und Apotheker.

Mehr geriatrische Pharmazie

Hinzu kommt, dass eine ansteigende Multimorbidität durch alterskorrelierte oder altersbedingte Erkrankungen nach entsprechenden Leitlinien für die Therapie verlangt. Ein notwendiger Mix der Heilberufe (Ärzte, Apotheker, pflegerische Berufe, Heil- und Hilfsmittelerbringer) verlangt nach interprofessionell erstellten Behandlungsempfehlungen. Und die evidenzbasierte Medizin muss stärker auf geriatrische Probleme und neue Therapiemöglichkeiten reagieren. Glaeske: "Die Arzneimittelfachleute Apotheker bekommen in diesem Zusammenhang mehr Felder für ihre Kompetenz und Qualifikation – sie müssen sie aber auch nachweisen!" Als guten Ansatz sieht er hier die Weiterbildung in geriatrischer Pharmazie – "das ist die Zukunft!". Die Priscus-Liste war ein guter Ansatz in diese Richtung. Die Liste sei allerdings mit Fehlern behaftet, die Apotheker seien nicht involviert gewesen.

Anhand von mehreren Beispielen machte er deutlich, wie wichtig der Sachverstand des Apothekers gerade im Bereich der Geriatrie ist, wenn Patienten fünf und mehr Arzneimittel am Tag einnehmen müssen, die miteinander interagieren können oder wenn die Therapie durch die Ernährung beeinträchtigt werden kann oder wenn sich Arzneimittel auf andere Erkrankungen ungünstig auswirken können.

Glaeske leitete daraus die folgenden Fragen ab:

Warum sind wir nicht die in der Fach- und Verbraucheröffentlichkeit anerkannten und vor allem gefragten Fachleute für die Arzneimittelinformation?

Warum kümmern wir uns nicht viel stärker um die häufiger werdenden Probleme der Arzneimitteltherapie älterer Menschen – verordnet und selbstgekauft?

Warum kommen multimorbiditätsorientierte Leitlinien bezüglich der Arzneimitteltherapie zur Vermeidung problematischer Polypharmazie nicht von uns?

Warum belegen wir nicht den Mehrwert aus der Vermeidung von Interaktionen? Pro Jahr sind 10,2% der Einweisungen bei den über 65-Jährigen interaktionsbedingt, was Kosten von 400 bis 600 Mio. Euro bedingt.


Glaeskes Prognose Die Apotheker werden sich in unserem System anders als ­bisher einrichten müssen. Beliebt zu sein, wird nicht mehr reichen.

"Die Apotheker empfehlen"

Glaeske mahnte darüber hinaus eine aktivere Rolle der Apotheker im Bereich der Selbstmedikation an. Da es auf dem Selbstmedikationsmarkt – neben sinnvollen Angeboten – auch Produkte gibt, die bestenfalls nur teuer, schlechtestenfalls auch noch problematisch sind, könnten sich gerade hier die Apothekerinnen und Apotheker durch Bewertungen der Präparate in der Öffentlichkeit profilieren. Glaeske: "Wo ist die Liste ‚Die Apotheker empfehlen’?" Solche öffentlichen Bewertungen vonseiten der Apotheker seien geradezu überfällig. Dies sei vor allem auf dem Markt der Schmerzmittel und der Erkältungspräparate notwendig.

Glaeske sprach sich akzentuiert gegen Kombinationsarzneimittel in allen Bereichen der Selbstmedikation aus, "sie haben in der Selbstmedikation keinen Platz". Auch die Entlassung von Arzneimitteln aus der Verschreibungspflicht (Rx-OTC-Switch) sieht er als besondere Herausforderung für die Apotheker. Die Werbung zu einigen dieser Präparate empfindet er dabei als Hypothek und Belastung im Alltag, ihm fehle dazu eine Gegenöffentlichkeit aus der Apotheke.

Wie er sich eine solche Gegenöffentlichkeit vorstellen könnte, machte er am Beispiel des Barmer GEK-Reports deutlich, dessen neuste Ausgabe vor Kurzem erschienen ist. Dieser Report wurde im Institut von Glaeske von sechs Apothekern erstellt. Der aktuelle Report befasste sich u. a. mit der zunehmenden Verordnung der Antikonzeptiva der dritten Generation und dem doppelt so großen Risiko von Thrombose, der unerwünschten und gefährlichen Renaissance von Metamizol, der Behandlung von Demenzkranken mit Neuroleptika und eine in diesem Zusammenhang beobachtete Übersterblichkeit sowie der zunehmenden Verordnung von Benzodiazepinen in der ambulanten Therapie für Alkoholkranke trotz Kontraindikation. Solche Probleme sollten von der Apothekerschaft aufgegriffen werden.

Ausdrücklich erwähnte er die neue Rubrik "Fragen aus der Praxis" in der DAZ, in der auch Apothekerinnen und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen der Arbeitsgruppe "Arzneimittelanwendungsforschung" seines Instituts, dem Zentrum für Sozialpolitik der Uni Bremen, Probleme, die von Patienten an die Kassen herangetragen werden, aufgreifen und darstellen.

Beliebt sein reicht nicht

Apotheken sind ein wichtiger Teil des Versorgungssystems, sie können zu Optimierungsstrategien in der Arzneimittelversorgung beitragen, die pharmazeutische Betreuung der Patienten übernehmen und zu einer optimalen Ressourcennutzung im Gesundheitswesen beitragen. Dies setzt allerdings die Bereitschaft voraus, im Rahmen neuer teamorientierter Arbeitsformen zu einer Neuaufteilung der Tätigkeitsfelder entsprechend der Qualifikation zu kommen und die entsprechende Verantwortung zu übernehmen.

Beliebt zu sein, wie es in einer ABDA-Werbung für die Apotheker heißt, reiche nicht aus, "‚beliebt’ ist kein Qualitätskriterium", so Glaeske. Die Apotheken sollten eine Differenzierung und Qualitätsvergleiche als Herausforderung annehmen.

Und es müssen neue Ausbildungsstrategien wie klinische Pharmazie als Basis für die notwendige Weiterentwicklung und Grundlage für den notwendigen Platz im "Professionenmix" etabliert werden. Die Apotheker werden sich, so Glaeskes Prognose, in unserem System anders als bisher einrichten müssen. Die Zukunft im Gesundheitswesen wird geprägt sein von Wettbewerbsaspekten. Man müsse akzeptieren, dass es mehrere Organisationsformen nebeneinander gebe (Präsenz- und Versandapotheken). Die Apotheke wird noch stärker das niederschwellige Beratungszentrum, nicht nur für Arzneimittel. Die Klinische Pharmazie und Arzneimittelinformation müssten noch stärker in die Ausbildung eingebunden werden. Apotheken sind für Glaeske als Arzneimittelinstitution und als "Centre of Drug Excellence" schon heute unverzichtbar. Aber sie müssen ihren Beratungs- und Versorgungsauftrag unter Beweis stellen und Präventionsaspekte einfließen lassen. Auf jeden Fall sollten die Apotheker für veränderte Rahmenbedingungen überzeugende eigene Konzepte vorlegen, sonst werden von oben Vorgaben gemacht, die man nicht wolle. Und auch in Richtung DAZ hatte Glaeske einen Vorschlag parat: "Die DAZ sollte im 151. Jahrgang einen Sachverständigenrat ‚Zukunftssicherung’ einberufen, der ergebnisoffen Vorschläge erarbeitet, unabhängig von der oftmals ‚störenden’ Argumentation von Standespolitikern."


diz

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