Arzneimittel und Therapie

HIV-assoziierte Neuropathien topisch behandeln

Bis zu zwei Drittel aller HIV- oder Aids-Patienten leiden unter schmerzhaften peripheren Neuropathien. Ein Pflaster mit achtprozentigem Capsaicin (QutenzaTM) kann ihre Symptome über mehrere Monate lindern, ohne mit der Therapie der Grunderkrankung zu interagieren.

Neben Diabetes mellitus, Alkoholabusus, Herpes-Zoster-Infektion kann auch eine HIV-Infektion schmerzhafte Neuropathien auslösen. Die genauen Pathomechanismen sind noch nicht erforscht; sowohl die Erkrankung selbst als auch die zur Behandlung eingesetzte hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART) können eine Rolle spielen. Eine HIV-assoziierte vorwiegend sensible Neuropathie (HIV-distal-symmetrische Polyneuropathie) wird bei 36 bis 44 Prozent der HIV-Infizierten mit mittlerer bis schwerer Immundefizienz beobachtet. Nach anderen Daten leiden 29 bis 62% der Patienten mit HIV bzw. Aids an schmerzhaften HIV-assoziierten Polyneuropathien. Damit sind sie die häufigste neurologische Manifestation der HIV-Infektion.

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Bei neuropathischen Schmerzen leiten Nerven akut von außen verursachte Schmerzsignale nicht mehr weiter, sondern sind selbst Schmerzverursacher. Der Schmerz entsteht, weil Nervenfasern geschädigt oder zerstört sind. Capsaicin wirkt als selektiver Agonist der TRPV1-Kanäle in den Nozizeptore und defunktionalisiert diese nach einmaliger Anwendung reversibel für Monate.

Interaktion mit HAART erschwert Schmerztherapie

Systemisch wirksame Schmerzmedikamente können bei HIV-Patienten unter HAART mit dieser interagieren. Das erschwert die Auswahl eines geeigneten Analgetikums. Die European Federation of Neurological Societies empfiehlt in ihrer Leitlinie zur Therapie neuropathischer Schmerzen das Antikonvulsivum Lamotrigin oder ein hochkonzentriertes Capsaicinpflaster oder Cannabisrauch für HIV-Patienten. Dabei ist zu bedenken, dass etliche HIV-Patienten ihre Infektion im Rahmen einer Suchtkarriere erworben haben: Eine erneute Konfrontation mit potenziell abhängigkeitsfördernden Cannabispräparaten könnte ihren Resozialisierungsprozess konterkarieren.

Lokale Behandlung reduziert Schmerz für Monate

Bei der topischen Therapie mit dem folienartigen Pflaster QutenzaTM mit achtprozentigem Capsaicin sind Interaktionen mit der HAART nicht zu befürchten. Auch mit unerwünschten systemischen Wirkungen wie Sedierung oder erektiler Dysfunktion ist nicht zu rechnen. Das Pflaster ist zur Mono- oder Kombinationstherapie erwachsener, nicht-diabetischer Patienten mit peripheren neuropathischen Schmerzen zugelassen. Es bietet ein neues Behandlungskonzept: Capsaicin wirkt als selektiver Agonist der TRPV1-Kanäle (transient receptor potential channels der Vanilloid-Rezeptor Unterfamilie) in den Nozizeptoren und defunktionalisiert diese nach einmaliger Anwendung reversibel für etwa drei Monate. An einer randomisierten, kontrollierten, doppelblinden Multicenterstudie nahmen 307 HIV-Patienten mit mittleren bis starken neuropathischen Fußschmerzen teil. 225 von ihnen wurden einmalig mit dem hochkonzentrierten Capsaicinpflaster behandelt, die übrigen mit einem Pflaster mit 0,04-prozentigem Capsaicin, jeweils für 30, 60 oder 90 Minuten. Vorbestehende analgetische Therapien durften zusätzlich fortgeführt werden. Die Schmerzstärke auf der nummerischem Analogskala (primärer Studienendpunkt) wurde in der Verumgruppe in den Wochen zwei bis zwölf insgesamt um 23%, in der Kontrolle um 11% verringert. Dieser Unterschied war signifikant. Eine Anwendung über 30 Minuten hinaus brachte an den Füßen keinen Vorteil. Die Schmerzlinderung setzte rasch ein und hielt lange an: Mit dem hochkonzentrierten Capsaicinpflaster behandelte Patienten mit schmerzhafter HIV-assoziierter Neuropathie wünschten im Median nach 18 Wochen eine Wiederholung der Therapie.


Quelle

Dr. Till Wagner, Aachen; Prof. Dr. Ingo W. Husstedt, Münster: "QutenzaTM – Hohe Wirksamkeit mit lokaler Anwendung bei HIV-assoziierter Neuropathie", Hannover, 16. Juni 2011, veranstaltet von der Astellas Pharma GmbH, München.


Medizinjournalistin Simone Reisdorf



DAZ 2011, Nr. 25, S. 38