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Fäkale Bakteriotherapie

Beim Stichwort "Bakterien" denken wir meist an Infektionskrankheiten – aktuell vor allem an EHEC – sowie an Desinfektion, Antibiotika und Hygiene. Dabei übersehen wir, dass Homo sapiens kein isolierter Organismus ist, sondern ein Biotop aus hunderten verschiedenen Lebensformen [1]. Der Mangel an bestimmten Bakterien kann eine Krankheitsursache sein, weshalb ihre Zufuhr ein Therapieprinzip darstellt. Sogar Kot kann wegen des Gehalts an Bakterien heilsam sein. Die "Transplantation" von Kot bei Patienten mit Colitis wird jetzt klinisch geprüft.

Allein im Darm leben über tausend verschiedene Bakterienarten; die Anzahl aller Bakterien im Darm ist zehnmal größer als die Anzahl der Zellen des Menschen [2, 3]. Auch auf den sonstigen Schleimhäuten und auf der Haut leben symbiontische Bakterien, die üblicherweise keinen Schaden anrichten.

Gesunde und ungesunde Darmflora

Bereits bei der natürlichen Geburt werden Babys mit den Darmkeimen der Mutter infiziert, während Kaiserschnittkinder zunächst "steril" sind. Babys und Kleinkinder nehmen ständig neue Keime auf und verbreitern ihre Darmflora. Die Keime helfen bei der Verdauung der Lebensmittel, sie produzieren Vitamine und wehren pathogene Keime ab. Eine Gastroenteritis oder eine Antibiotikatherapie kann die Darmflora nicht nur schwächen, sondern auch langfristig schädigen [7], was zu einer Adipositas führen kann [4]. Letztere Erkenntnis ist nicht so überraschend, wenn man sich erinnert, dass Antibiotika in der Schweinemast als "Leistungsförderer" eingesetzt wurden, weil sie die Gewichtszunahme beschleunigen.

Nach einer Antibiotikatherapie können sich Pilze und pathogene Bakterien wie Klebsiella pneumoniae, Clostridium difficile und Proteus mirabilis im Darm ausbreiten und eine pseudomembranöse (Antibiotika-assoziierte) Colitis verursachen [5]. Gesunde Menschen unterscheiden sich in ihrer Darmflora deutlich von Colitis- oder Crohn-Patienten.

Human Microbiome Project

Das Ökosystem Mensch ist gerade Thema eines der größten Forschungsprojekte geworden: Im Human Microbiome Project versuchen die amerikanischen National Institutes of Health seit 2007 alle Gene der Darmflora zu identifizieren – es wurden schon mehr entdeckt als im menschlichen Genom – und nachzuweisen, wie sie den Menschen beeinflussen. Schon seit längerer Zeit ist bekannt, dass die Darmflora eine große Bedeutung für das menschliche Immunsystem hat [6].

In unserem Darm tummeln sich Bakterien der Taxa Firmicutes, Bacteroidetes, Actinobacteria, Fusobacteria, Proteobacteria, Verrucomicrobia und Cyanobacteria, von denen die beiden ersteren 90 bis 98% ausmachen [7]. Die Zusammensetzung der Darmflora ist bei jedem Menschen etwas anders. Daher wurde vorgeschlagen, sie – ähnlich wie die Blutgruppen – zur Typisierung von Menschen zu nutzen [8].

Bakterien in Lebensmitteln

Allerdings hängt die Darmflora auch von der individuellen Ernährung ab und lässt sich demgemäß beeinflussen. So kann rohes Fleisch von einwandfreier Qualität auf seiner Oberfläche bis zu 10.000 Bakterien/cm² enthalten [9]. Unterstellen wir, dass die Magensäure davon 99,99% abtötet, erreicht immer noch eine beträchtliche Anzahl lebender Bakterien den Darm.

Insbesondere rohes Gemüse, Sauerkraut, Jogurt, Kefir und Käse sind als preiswerte Quelle meist verträglicher Keime nicht zu unterschätzen.

Gezielte Supplementierung von Bakterien

Es gibt eine Reihe von Arzneimitteln, die den Darm gezielt mit einzelnen Bakterienspezies bereichern sollen [10]. Genannt seien hier Alfred Nißle‘s E. coli , seit 1917 als Mutaflor erhältlich, sowie Symbioflor 1 (Enterococcus spp., Enterococcus faecalis), Symbioflor 2 (E. coli), Utilin, Utilin N und Bactisubtil (Bacillus subtilis, Mycobacterium phlei). Weiterhin ist eine Vielzahl von Präparaten mit Lactobacillus-, Bifidobacterium - oder Streptococcus -Arten verfügbar, zumeist als probiotische Kulturen in Lebensmitteln, deren Wirkung gegen Diarrhö auch nachgewiesen ist [11].

Faeces per os oder per anum

Der Arzt Franz Christian Paullini hatte schon 1696 in seiner "Dreck-Apotheke" die Anwendung von Fäkalien gegen verschiedene Erkrankungen empfohlen. Zudem wurde bei verschiedenen Tieren wie Koalas, Hunden, Gorillas und Schimpansen beobachtet, dass sie Kot essen und gesundheitlich davon profitieren; diese Koprophagie ist für den Menschen jedoch nicht akzeptabel.

Ben Eiseman experimentierte mit der analen Route: Er applizierte seinen als unheilbar eingestuften Colitis-Patienten in den 1950er Jahren Kot mit dem Klistier ("fecal enema") [12]. Auch die Bayer AG hat sich mit diesem Thema befasst, allerdings nur für die Tierzucht [13].

Transplantation mit Magen-Darm-Sonde

Thomas Borody entwickelte die "Fecal Bacteriotherapy" weiter und "transplantiert" seinen Patienten die Faeces mithilfe einer Magen-Darm-Sonde [14]. Auf die Faeces kann die Bakteriotherapie auch heute noch nicht verzichten, da die meisten der im menschlichen Darm vorkommenden Bakterien nicht im Labor gezüchtet werden können – selbst der Nachweis wachsender Kulturen gelingt im Labor nur für wenige Arten.

Der Spender der Faeces muss gesund sein und sollte mit dem Patienten nah verwandt sein. Borody hat mit dem Verfahren einige Fälle von Colitis erfolgreich behandelt [15]. Neuerdings wurden auch Patienten, deren Darm mit einem hypervirulenten, weitgehend antibiotikaresistenten Stamm des Bakteriums Clostridium difficile besiedelt ist, durch ein "fecal transplant" geheilt (s. Abb.).

Im Internet kursieren Anweisungen für die Selbstbehandlung mit Faeces [16] – das Risiko einer fatalen Infektion wird dabei allerdings ausgeblendet.

Klinische Studie hat begonnen

Die "Fäkale Bakteriotherapie" ist derzeit eine Außenseitertherapie. Der Arzt darf sie nur bei Patienten, die als unheilbar gelten, als "Heilversuch" anwenden. Hilft eine Therapie in Einzelfällen, wird das Ergebnis gern publiziert, und weitere Patienten schöpfen Hoffnung. Doch erst wenn die Ergebnisse einer klinischen Studie vorliegen, kann die Evidenz der Therapie belegt werden. In den USA hat eine solche Studie, die die "Fäkale Bakteriotherapie" bei Colitis-Patienten testet, soeben begonnen [17].


Literatur

[1] Mehlhorn H (Ed). Nature Helps … – How Plants and Other Organisms Contribute to Solve Health Problems (Parasitology Research Monographs). Springer, New York/Berlin 2011.

[2] Sagan D, Margulis L. Garden of Microbial Delights: A Practical Guide to the Subvisible World. Kendall/Hunt, Dubuque 1993.

[3] Ley RE, et al. Ecological and Evolutionary Forces Shaping Microbial Diversity in the Human Intestine. Cell 2006;124:837 – 848. DOI 10.1016/j.cell.2006.02.017.

[4] DiBaise JK, et al. Gut microbiota and its possible relationship with obesity. Mayo Clin Proc 2008; 83(4):460 – 469.

[5] Garrett WS, et al. Enterobacteriaceae Act in Concert with the Gut Microbiota to Induce Spontaneous and Maternally Transmitted Colitis. Cell Host Microbe 2010;8:292 – 300.

[6] Hapfelmeier S, et al. Reversible Microbial Colonization of Germ-Free Mice Reveals the Dynamics of IgA Immune Responses. Science 2010;328(5986):1705 – 1709. doi: 10.1126/science.1188454.

[7] Qin J, et al. Human gut microbial gene catalogue established by metagenomic sequencing. Nature 2010;464(7285):59 – 65. doi:10.1038/nature08821.

[8] Arumugam M, et al. Enterotypes of the human gut microbiome. Nature Advance Online Publication 2011-04-20; doi: 10.1038/nature09944.

[9] Bundesinstitut für Risikobewertung. Ausgewählte Fragen und Antworten zu verdorbenem Fleisch. 2005; www.bfr.bund.de/cm/276/ausgewaehlte_fragen_und_antworten_zu_verdorbenem_fleisch.pdf.

[10] Heuer H, Heuer L, Saalfrank V. Lebende Arzneimittel. Dtsch Apoth Ztg 2010;150:4122 – 4130.

[11] Schlenger R. Probiotika kürzen Diarrhö ab. Dtsch Apoth Ztg 2010;150:5785 – 5786.

[12] Eiseman B, et al. Fecal enema as an adjunct in the treatment of pseudomembranous enterocolitis. Surgery 1958;44:854-859.

[13] Zündorf U. Salmonellen – Vorbeugender Schutz für Küken. Research Bayer-Forschungsmagazin 1997; 9:53 – 55.

[14] Floch MH. Fecal Bacteriotherapy, Fecal Transplant, and the Microbiome. J Clin Gastroenterol 2010; 44(8):529 – 530.

[15] Borody TJ, et al. Treatment of Ulcerative Colitis Using Fecal Bacteriotherapy, J Clin Gastorenterol 2003; 37(1):42 – 47

.

[16] Ash M. Pass the POO/Medicine; www.ihcltd.co.uk/?p=465. 201105-20.

[17] National Institutes of Health. Patients with bowel disease eager to test ‚fecal‘ therapy. www.eurekalert.org/pub_releases/2011-06/uocm-pwb060111.php, 2011-06-02.



Autoren

Apothekerin Heike Heuer
Dr. rer. nat. Lutz Heuer
Am Krausberg 31
41542 Dormagen
nievenheimer1@t-online.de



DAZ 2011, Nr. 24, S. 58

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