Arzneimittel und Therapie

Studie zur Niacin-Therapie vorzeitig abgebrochen

Bislang war man von "gutem" und "schlechtem" Cholesterin ausgegangen, wenn es um eine Bewertung der HDL- bzw. LDL-Cholesterinspiegel als kardiovaskulären Risikofaktoren ging. Während sich die Senkung des LDL-Cholesterins unter einer Statintherapie auch als erfolgreich erwiesen hat, konnte eine Erhöhung der HDL-Werte unter Niacin keine Verbesserung der Prognose für Patienten zeigen. Eine große Endpunktstudie wurde daher jetzt vorzeitig abgebrochen. Niacin ist der dritte Wirkstoff, der trotz Erhöhung der HDL-Werte die Prognose nicht verbesserte.

Ursprünglich war man der Auffassung, für die koronare Herzerkrankung sei ein erhöhter Cholesterinspiegel kausal verantwortlich. In jüngerer Zeit wurde diese Hypothese dann modifiziert und zwischen HDL- und LDL-Cholesterin unterschieden. Ein hoher LDL-Cholesterinspiegel gilt danach als ungünstig, ein hoher HDL-Cholesterinspiegel hingegen als günstig. Populärwissenschaftlich wird entsprechend dieser Vorstellung HDL als "gutes" Cholesterin, LDL als "schlechtes" Cholesterin bezeichnet. Die Senkung des LDL-Cholesterins durch Statine hat sich zur Prävention von kardiovaskulären Ereignissen als erfolgreich erwiesen, allerdings nur in begrenztem Umfang. Als weitere Ansatzpunkte für eine vorbeugende Therapie bietet sich daher eine Erhöhung niedriger HDL-Cholesterinspiegel sowie eine Senkung des Triglycerid-Spiegels an.

Wasserlösliches Vitamin aus dem B-Komplex

Nicotinsäureamid (Niacin, Nicotinamid) ist ein wasserlösliches Vitamin aus dem B-Komplex und ein natürlicher Bestandteil vieler Nahrungsmittel, der aber auch im Säugetierorganismus aus Tryptophan gebildet werden kann. Der Wirkungsmechanismus, über den Niacin das Lipidprofil verändert, ist noch nicht vollständig geklärt. Jedoch ist bekannt, dass Niacin die Freisetzung von freien Fettsäuren aus dem Fettgewebe hemmt. Dadurch gelangen weniger freie Fettsäuren in die Leber und werden dort zu Triglyzeriden verestert und anschließend in VLDL inkorporiert. Dies kann zu einer verringerten LDL-Bildung führen. Durch eine Steigerung der Lipoprotein-Lipase-Aktivität kann Nicotinsäure die Eliminationsrate von Triglyzerid-reichen Chylomikronen aus dem Plasma steigern. Auf diese Weise vermindert Niacin die Syntheserate von hepatischem VLDL und nachfolgend von LDL. Niacin ist in Deutschland zugelassen zur Behandlung von Fettstoffwechselstörungen, insbesondere bei Patienten mit kombinierter Dyslipidämie, die durch erhöhtes LDL-Cholesterin und erhöhte Triglyzeride sowie niedrige HDL-Cholesterin-Werte gekennzeichnet ist, und bei Patienten mit primärer Hypercholesterinämie.

Trotz erhöhtem HDL-Spiegel keine bessere Prognose

Eine Endpunktstudie des National Heart, Lung and Blood Institute (NHLBI) zur präventiven Therapie unter Niacin (Nicotinsäure, Niaspan® ; Abbott) wurde jetzt vorzeitig abgebrochen. Seit 2006 hatten 3414 Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen an der randomisierten, klinischen AIM-HIGH (Atherothrombosis Intervention in Metabolic Syndrome with Low HDL/High Triglycerides: Impact on Global Health)-Studie teilgenommen. Alle Probanden hatten erhöhte LDL-Cholesterinspiegel, niedrige HDL-Cholesterin-Werte und erhöhte Triglyceride. Für alle Patienten war eine Therapie mit Simvastatin und z. T. Ezetimib als zweitem LDL-Cholesterinsenker vorgesehen. Niacin sollte die HDL-Cholesterin-Werte erhöhen und die Triglyceridwerte senken. Der Abschluss der Studie war für Ende 2012 vorgesehen; das Data and Safety Monitoring Board entschied Ende April nach einer Zwischenauswertung, die Studie vorzeitig zu beenden, da zu diesem Zeitpunkt trotz Erhöhung der HDL-Werte und Senkung der Triglyceride keine Besserung der Prognose für die Patienten zu erkennen war. Außerdem wurde unter Niacin ein geringer Anstieg der Zahl der Schlaganfälle beobachtet.

Die US-Arzneibehörde FDA kündigte eine Prüfung an; es dürfte jedoch künftig "schwer werden, Patienten zur Einnahme eines Wirkstoffs mit problematischer Verträglichkeit zu motivieren, wenn außer besseren Laborwerten keine Effekte erzielt werden". Niacin ist allerdings bereits der dritte Wirkstoff, der trotz Steigerung des HDL-Cholesterins und Senkung der Triglyceride zu keiner verbesserten Prognose der Patienten führte. Bereits 2006 war es unter der Therapie mit Torcetrapib (CP-529414, Pfizer) zu einer erhöhten Rate von kardiovaskulären Ereignissen und Todesfällen gekommen, und im vergangenen Jahr hatte auch die ACCORD (Action to Control, Cardiovascular Risk in Diabetes)-Studie keine Reduzierung der Häufigkeit von kardiovaskulären Ereignissen unter der Therapie mit Fenofibrat gezeigt.


Quelle

www.public.nhlbi.nih.gov: NIH stops clinical trial on combination cholesterol treatment. Mitteilung vom 26. Mai 2011.

www.fda.gov: FDA Statement on the AIM-HIGH Trial. Mitteilung vom 26. Mai 2011.

www.aerzteblatt.de: Niacin: Nach Studienabbruch Zweifel am "guten" Cholesterin. Mitteilung vom 27. Mai 2011.


Dr. Hans-Peter Hanssen



DAZ 2011, Nr. 23, S. 32

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