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Mainzer Kräuterbuch-Inkunabeln

Brigitte und Helmut Baumann, Die Mainzer Kräuterbuch-Inkunabeln, "Herbarius Moguntinus" (1484), "Gart der Gesundheit" (1485) und "Hortus Sanitatis" (1491), Wissenschaftshistorische Untersuchung der drei Prototypen botanisch-medizinischer Literatur des Mittelalters, VIII, 444 Seiten, 68 Farbabbildungen auf 32 Tafeln sowie 86 schwarz-weiß Abbildungen, > Denkmäler der Buchkunst, Band 15

Es gab sowohl in der Wissenschaft und der Wissenschaftsgeschichte immer wieder Ehepaare, die Beachtliches geleistet haben – man denke nur an Madame und Monsieur Lavoisier, die Curies, an Rupert Hall und Marie Boas Hall oder Margarete und Wolfgang Schneider. Auch Brigitte und Helmut Baumann hatten sich, gemeinsam mit ihrer Tochter Susanne Bauman-Schlei-hauf, durch ihre 2001 erschienene Studie zu Leonhart Fuchs bereits einen guten Ruf in der Wissenschaftsgeschichte erworben, ehe sie 2010 ein großformatiges Buch zu den Mainzer Kräuterbuch-Inkunabeln.

Der nobel gebundene Band überrascht den Leser zunächst mit 37 Farbtafeln, die Abbildungen aus den untersuchten Werken wiedergeben. Im Vorwort geben die Baumanns vor allem Auskunft über ihre Methode, die Pflanzennamen zu ermitteln. Im Gegensatz zu früheren Autoren bieten sie nicht ein Bündel von Namen in ihren Tabellen an, sondern legen sich auf einen deutschen oder lateinischen Namen fest.

In einem ersten Großkapitel stellen Brigitte und Helmut Baumann die teils handschriftlichen, teils erst im 16. Jahrhundert oder später gedruckten Vorläufer der drei Mainzer Kräuterbücher vor: Isidor von Sevilla, das "Capitulare de Villis", den "Hortulus" des Walahfrid Strabo, die "Physica" Hildegards von Bingen, die Pflanzenwerke des Albertus Magnus, Konrad von Megenbergs "Buch der Natur" sowie den lateinischen und deutschen "Macer". Im Anschluss an jedes Kapitel, das die bekannte Literatur bestens verarbeitet, finden sich – wie im ganzen Buch – Tabellen mit den Pflanzennamen, ihren Synonymen und der heutigen wissenschaftlichen Bezeichnung.

Ein zweiter Hauptteil wendet sich den Kräuterbuch-Inkunabeln "Pseudo-Apuleius-Platonicus" (1481/1482) und "Promptuarium Medicinae" (1483) zu. Hier wird nun auch der wertvolle Abschnitt "Forschungsstand" eingeführt, der einen vertieften Einblick in die verwendete Literatur ermöglicht.

1484 kam als erstes der lateinische "Herbarius Moguntinus" in der Offizin des Peter Schöffer zu Druck, wobei als Kompilator der Frankfurter Arzt Johann Wonnecke vermutet wird. Bei diesem Druck stellt sich – wie bei den Nachfolgern auch – die Frage nach der Herkunft der Pflanzenabbildungen und ihrer späteren Verwendung in anderen Büchern, der die Baumanns zwar nachgehen, die sie aber auch nicht endgültig lösen können.

Besser untersucht als der "Herbarius" ist sicherlich der deutschsprachige "Gart der Gesundheit", 1485 ebenfalls bei Schöffer gedruckt. Alleine der Forschungsstand umfasst hier mehrere Seiten, wobei Einflüsse und Textübernahmen aus den vorangegangenen Kräuterbüchern diskutiert werden. Auch bei diesem Buch steht die Frage nach den Pflanzenbildern im Vordergrund, wobei Brigitte und Helmut Baumann jeder erdenklichen Provenienzmöglichkeit nachgehen. Die Pflanzenabbildungen des "Gart" haben Baumanns mit Akribie bearbeitet, wobei ihnen manch wertvolle Korrekturen und Ergänzungen zu den einzelnen Pflanzen zu verdanken sind. Eine Tabelle zur Pflanzenbestimmung weist nun auch bei jedem Exemplar auf die Naturtreue der Darstellungen hin.

Als dritte Kräuterbuch-Inkunabel wird der "Hortus Sanitatis", den Jakob Meydenbach 1491 ebenfalls in Mainz herausbrachte, einer eingehenden Analyse unterzogen. Wie der "Herbarius" ist auch der "Hortus" in lateinischer Sprache abgefasst, und wie bei den anderen Büchern werden Textüberlieferungen und Pflanzenabbildungen ebenso diskutiert wie Ergänzungen und Korrekturen vorgenommen.

Der Abschuss der Untersuchungen gilt der Rezeptionsgeschichte der Kräuterbuch-Inkunabeln. Als einen Exkurs kann man die "Kulturgeschichte einiger wichtiger Nutzpflanzen" bezeichnen, in dem sowohl einzelne Pflanzen wie beispielsweise Saxifraga oder Mandragora als auch die Citrus-Arten kulturhistorisch beschrieben werden. Etwas versteckt findet man Ausführungen zu der bislang nur wenig beachteten Kolorierung der Kräuterbücher.

Als Anhang sind dem Werk eine umfängliche "Gesamtübersicht über das Arteninventar" und ein wertvolles Synonymverzeichnis beigegeben, ein Register der Pflanzennamen und Heilmittel hilft bei der Erschließung. Es ist Brigitte und Helmut Baumann mit Akribie und Fleiß überzeugend gelungen, nicht nur diesem opulent ausgestatteten Band der "Denkmäler der Buchkunst", sondern auch sich selbst ein Denkmal in der Wissenschaftsgeschichte zu setzen.


Prof. Dr. Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Privilegierte Apotheke, Kirchen



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DAZ 2011, Nr. 23, S. 116

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