Arzneimittel und Therapie

Therapieversagen bei HIV-infizierten Kindern

Das Therapieversagen unter einer antiretroviralen Dreifachtherapie ist bei Kindern relativ gering, liegt aber höher als bei Erwachsenen. Da infizierte Kinder eine lebenslange Therapie benötigen, sind Strategien zur Verbesserung der Compliance, zur frühen Identifizierung von Therapieversagern und zur Vereinfachung der Therapie dringend erforderlich.

Bei erwachsenen HIV-Patienten kommt es unter einer antiretroviralen Dreifachtherapie (Nukleosid-Reverse-Transkriptase-Inhibitoren, Nicht-Nukleosid-Reverse-Transkriptase-Inhibitoren und Protease-Inhibitoren) nur langsam zu einem virologischen Versagen, so dass in den meisten Fällen eine langfristige Unterdrückung der viralen Belastung erreicht werden kann. Dies ist auch dann noch der Fall, wenn der Zugang zu den Medikamenten erschwert ist. Doch wie sieht es mit dem virologischen Ansprechen bei Kindern aus, bei denen eine langfristige Unterdrückung der Viruslast erforderlich ist? Mit dieser Frage befasste sich eine retrospektive Kohorten-Studie, in der die Rate der Therapieversagen bei Kindern in Europa ermittelt wurde. Die erforderlichen Daten stammen aus dem europäischen Kohortenverband COHERE (Collaboration of Observational HIV Epidemiological Research Europe).

In 14 Kohorten des europäischen Verbandes wurden 1007 europäische Kinder unter 16 Jahren ermittelt, die perinatal (Ansteckung über die Mutter vor oder während der Geburt) mit HIV infiziert worden waren. Die meisten von ihnen stammten aus Großbritannien, Irland, Spanien, den Niederlanden und Frankreich, ein kleinerer Teil aus Dänemark, Italien und Belgien. Bei ihnen war zwischen 1998 und 2008 eine antiretrovirale Therapie mit drei oder mehr Medikamenten eingeleitet worden. Mithilfe einer Kaplan-Meier-Schätzung und des Cox-Regressionsmodells wurden Risiken und Prädiktoren für ein virologisches Versagen unter der Dreifachtherapie ermittelt.

Therapieversagen bei 12%

24% der Kinder hatte eine antivirale Dreifachtherapie erhalten. Die Inzidenz des Therapieversagens unter einer Dreifachtherapie stieg mit der Behandlungsdauer an: Nach fünf Jahren lag die Inzidenz des Therapieversagens bei 12%, nach acht Jahren bei 20%. Weitere Analysen zeigten, dass das Risiko für ein Therapieversagen mit dem Alter der Kinder bei Therapiebeginn anstieg. Ein Vergleich mit dem Therapieansprechen bei Erwachsenen zeigt folgendes: Bei den 686 Kindern, die eine antiretrovirale Therapie mit Nukleosid-Reverse-Transkriptase-Inhibitoren und entweder einem Nicht-Nukleosid-Reverse-Transkriptase-Inhibitor oder einem Ritonavir-verstärkten Protease-Inhibitor begonnen hatten, war die Versagensrate rund doppelt so hoch wie bei Erwachsenen, deren HIV-Infektion heterosexuell übertragen wurde (Hazard ratio 2,2).

HIV-Infektionen bei Kindern


Weltweit sind über zwei Millionen Kinder mit dem HI-Virus infiziert, die meisten von ihnen leben in Entwicklungsländern. Die Infektion erfolgte fast ausschließlich perinatal. Täglich sterben etwa 700 Kinder an den Folgen ihrer Infektion. Ohne antiretrovirale Therapie stirbt rund die Hälfte der infizierten Kinder vor dem zweiten Lebensjahr. Mithilfe antiretroviraler Therapien kann der Verlauf einer Infektion dramatisch abgeschwächt werden; die Behandlung sollte so früh wie möglich begonnen werden.

Kommentar: Behandlung von Kindern unzureichend

Diese Ergebnisse zeigen einmal mehr, dass die antiretrovirale Therapie bei HIV-positiven Kindern verbessert werden muss, um eine langfristige Virussuppression zu erzielen. Wichtig sind hierbei die frühe Identifizierung von Kindern, die nicht auf ihre antiretrovirale Therapie ansprechen, die Unterstützung der Compliance und eine Vereinfachung der Therapie. Mit diesen Forderungen beschäftigt sich auch ein Begleitkommentator zu obiger Studie. Er weist darauf hin, dass die Behandlungsmöglichkeiten für Kinder derzeit unzureichend sind. Ein großes Problem besteht in den mangelnden Ressourcen. Über 90% der infizierten Kinder lebt in Entwicklungsländern mit mangelhafter medizinischer Versorgung. Weitere Schwachpunkte sind die fehlende Zulassung vieler antiviraler Wirkstoffe für Kinder und unzureichende galenische Formulierungen. Von 22 in den USA eingesetzten Wirkstoffen sind fünf nicht für die Anwendung bei Kindern zugelassen und bei sechs fehlt eine kindgerechte Arzneiform. Die meisten für Kinder zugelassenen HIV-Medikamente werden als Sirup angeboten, was mit Problemen bei Lagerung und Transport verbunden sein kann oder sind wie geboosterte Protease-Inhibitoren vom Geschmack her wenig kindgerecht. Derzeit stehen für Kinder nur vier qualitätsgesicherte Dreifachkombinationen generischer Hersteller mit zweckmäßiger Galenik zur Verfügung und weniger geeignete Formulierungen sind in der Überzahl.

Die Notwendigkeit einer besseren Versorgung HIV-infizierter Kinder wurde auch von der Initiative Drugs for Neglected Diseases erkannt, die dieses Anliegen unlängst in ihr Programm aufgenommen hat.


Quelle

The Pursuing Later Treatment Options II (PLATO II) project team for the Collaboration of Observational HIV Epidemiological Research Europe (COHERE): Risk of triple-class virological failure in children with HIV: a retrospective cohort study. Lancet online DOI: 10.1016/S0140-6736(11)60208-0 vom 20. April 2011.

Calmy A., et al.: Improving treatment outcome for children with HIV. Lancet online DOI: 1016/S0140-6736(11)60363-2 vom 20. April 2011.


Apothekerin Dr. Petra Jungmayr



DAZ 2011, Nr. 22, S. 38

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