Arzneimittel und Therapie

Schützt Vitamin D vor Krebs?

Vitamin D und seine Metaboliten sind unter anderem in der Lage, Apoptose zu induzieren und die Angiogenese zu hemmen. Ausreichend hohe Blutspiegel könnten daher vor Krebs schützen. Gestützt wird diese Hypothese durch Ergebnisse zahlreicher epidemiologischer Untersuchungen und Interventionsstudien. Wie hoch die Vitamin-D-Konzentrationen sein sollten und ob eine Vitamin-D-Supplementierung für die Prävention und Behandlung von Tumorerkrankungen sinnvoll ist, darüber sind sich die Experten noch nicht einig.

Die Frage nach den Zusammenhängen zwischen Sonnenexposition, Vitamin-D-Blutspiegeln und Krebsrisiko bzw. -mortalität beschäftigt die Wissenschaftler schon seit längerer Zeit. Bereits 1941 war eine umfassende Untersuchung veröffentlicht worden, die analysiert hatte, inwieweit die Krebssterblichkeit in den USA von der geografischen Lage abhängt. Das Ergebnis: die Hautkrebsmortalität nahm von den nördlichen zu den südlichen Bundesstaaten hin zu, bezüglich aller Krebsarten war jedoch eine Abnahme der Mortalität in Richtung Süden zu verzeichnen.

Im Jahre 1980 wurde erstmalig die Vermutung geäußert, dass ein Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Blutspiegeln und Krebsrisiko bestehen könnte. Diese Hypothese konnte durch verschiedene Studien untermauert werden. Heute geht man davon aus, dass bei verschiedenen Krebsarten ein kausaler Zusammenhang zwischen niedrigen Vitamin-D-Serumspiegeln und einer erhöhten Krebsinzidenz und -mortalität besteht.

Niedriger Vitamin-D-Status ist Risikofaktor

Die größte Studie zur Krebsinzidenz und -mortalität in Abhängigkeit vom Vitamin-D-Blutspiegel (gemessen als 25-Hydroxy-Colecalciferol, Calcidiol) kam zu dem Ergebnis, dass eine Erhöhung der Plasmakonzentrationen um 25 nmol/l zu einer 17%igen Reduktion der Gesamtkrebsinzidenz und zu einer 29%igen Reduktion der Gesamt-Krebssterblichkeit führte. In der Untergruppe der Tumoren des Verdauungstraktes kam es sogar zu einer 45%-igen Reduktion.

Eine retrospektive Untersuchung mit Melanompatienten zeigte, dass bei Patienten mit höheren Calcidiolspiegeln die krebsbedingten Hautveränderungen schwächer ausgeprägt und das rezidivfreie Überleben länger waren als bei denen mit vergleichsweise niedrigen Spiegeln.

Eine Metaanalyse zum Kolorektalkarzinom ergab einen inversen Zusammenhang zwischen der Vitamin-D-Aufnahme bzw. dem 25-Hydroxy-Vitamin-D-Status und dem Krebsrisiko.

Vitamin-D-Aufnahme: Empfehlungen der Fachgesellschaften versus Expertenmeinung


Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt pro Tag 200 I.E. Calciferole (das heißt Ergocalciferol und Colecalciferol) für gesunde Erwachsene und 400 I.E. für Säuglinge und Senioren ab 65. Das amerikanische Institute of Medicine (IOM) hat seine Empfehlungen kürzlich auf 600 bis 800 I.E./d erhöht. Experten betrachten diese Empfehlungen als nicht ausreichend. Zur Reduktion des Krebsrisikos halten sie auf der Basis von Studienergebnissen eine tägliche Aufnahme zwischen 1100 und 4000 I.U. für notwendig. Die dabei anzustrebenden 25-Hydroxy-Vitamin-D-(Calcidiol-)Spiegel sollten zwischen 60 und 80 ng/ml liegen.

Ist eine Supplementierung sinnvoll?

Studien zum Effekt einer Vitamin-D-Supplementierung auf die Krebsinzidenz bzw. -mortalität sind bisher nur relativ selten durchgeführt worden. Eine randomisierte kontrollierte Studie mit postmenopausalen Frauen konnte jedoch zeigen, dass eine Vitamin-D-Gabe (1100 I.U./d) mit einer signifikant um 80% reduzierten Krebsinzidenz verbunden war.

Um die verschiedenen Studien zur Thematik Vitamin D und Krebsrisiko vergleichbar zu machen, berechnete man in einer Übersichtsarbeit die Risikoreduktion, die pro Anstieg der Calcidiol-Spiegel um 10 ng/ml entsteht. Sie lag zwischen 17 und 60%. Zwar waren nicht alle Ergebnisse signifikant, zeigten aber einen deutlichen Trend in Richtung verminderte Krebsmortalität bzw. -inzidenz.

Molekulare Mechanismen der Vitamin-D-Wirkung

Experten ziehen aus den bisher vorliegenden Untersuchungen das Fazit, dass sich noch nicht abschließend beurteilen lässt, ob eine Vitamin-D-Supplementierung tatsächlich vor Krebs schützen oder sogar die Krebstherapie unterstützen kann. Dazu sind weitere groß angelegte Studien notwendig. Auf jeden Fall scheint es aber sinnvoll zu sein, einen Vitamin-D-Mangel zu behandeln und gegebenenfalls danach zu streben, den Vitamin-D-Status in der Allgemeinbevölkerung anzuheben.

Relativ gut erforscht sind bisher die molekularen Mechanismen, die für die Krebs-protektive Wirkung von Vitamin D verantwortlich sein könnten. So ist beispielsweise durch experimentelle Studien belegt, dass Vitamin D eine Vielzahl von Genen reguliert, darunter auch solche, die für die Tumorentstehung verantwortlich sind. Darüber hinaus ist bekannt, dass Vitamin D und seine Metaboliten die Tumorproliferation und die Angiogenese hemmen, Apoptose induzieren und antiinflammatorische Eigenschaften besitzen.


Quelle

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Giovannucci E, et al.: Prospective study of predictors of vitamin D status and cancer incidence and mortality in men. J Natl Cancer Inst 98(7): 451 – 459 (2006).

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Touvier M, et al.: Meta-analyses of vitamin D intake, 25-hydroxyvitamin D status, vitamin D receptor polymorphisms and colorectal cancer risk. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2011 Mar 11 (Epub ahead of print).

Pilz S, et al.: Epidemiology of vitamin D insufficiency and cancer mortality. Anticancer Res 29(9): 3699 – 3704 (2009)

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Garland CF, et al.: Vitamin D supplement doses and serum 25-hydroxyvitamin D in the range associated with cancer prevention. Anticancer Res. 31(2):607 – 611 ( 2011).

Lappe JM, et al.: Vitamin D and calcium supplementation reduces cancer risk: results of a randomized trial. Am J Clin Nutr 85(6): 1586 – 1591 (2007).


Apothekerin Dr. Claudia Bruhn


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DAZ 2011, Nr. 19, S. 40