Feuilleton

Mörser und Waagen

Um die Geschichte der Mörser und Waagen und ihre wichtige Bedeutung in der Apotheke geht es in einer Sonderausstellung des Brandenburgischen Apothekenmuseums in Cottbus, die bis zum Jahresende zu sehen ist.
Standwaage auf Holzkasten mit zwei Schubladen, um 1880. Die Säule stellt Hygieia, die arzneikundige Tochter des griechischen Gesundheitsgottes Asklepios, dar. Wie ihr Vater hat sie als Attribut eine Schlange.
Foto: Wylegalla

Klassische Balkenwaagen

Abbildungen weisen darauf hin, dass im Alten Ägypten schon um 2000 v. Chr. einfache Balkenwaagen in Gebrauch waren. Gut ein halbes Jahrtausend später gab es am Nil auch Waagen mit unterschiedlich langen Armen, verschiebbarem Wägestück und Strichmarkierung, welche auch in die etruskische und die römische Kultur Eingang fanden.

Bevor 1939 in den USA die ersten elektrischen Waagen die Defektur und Rezeptur von Arzneimitteln wesentlich erleichterten, benutzten die von Berufs wegen pedantischen Apotheker fast ausschließlich gleicharmige Balkenwaagen, von denen zwei Typen auf jedem Rezepturtisch präsent waren: Bei der Handwaage hängt der Balken an einem Bügel, der von der Hand gehalten wird; bei der Stand- oder Tarierwaage ruht der Balken auf einer Säule, wobei das Drehgelenk aus einer Schneide (unten in der Mitte des Balkens) und einer Pfanne aus hochfestem Stahl (oben auf der Säule) besteht.

Nach der groben Einstellung mit Metallstücken wurde die Standwaage feinjustiert. Dafür wurden winzige Granatkristalle – nach 1920 auch industriell hergestelltes Tarierschrot – in Tarierbecher gefüllt (tarieren von ital. tara = Abzug; dieses aus arab. tahara = wegnehmen, im Zusammenhang mit Waagen: ein Gewicht wegnehmen, um ein Gleichgewicht herzustellen).

Holzgefäß für Granat (links), der zum Tarieren (Justieren) von Waagen diente. Rechts 14-teiliger Gewichtssatz im Holzblock.
Foto: Wylegalla

Für das Abwiegen toxischer, brennbarer oder penetrant riechender Substanzen waren entsprechend beschriftete Waagen vorgeschrieben, die nicht für andere Stoffe verwendet werden durften (meistens Handwaagen).

Die Standwaagen wurden zu Analysen- oder Präzisionswaagen weiterentwickelt, um extrem geringe Stoffportionen präzise wiegen zu können. Hier ersetzten Achatlager die stählernen Pfannen. Mithilfe eines "Reiters" ließ sich eine Gewichtsspanne von 1 /10 bis 10 mg einstellen. Um einen Luftzug beim Abwiegen zu vermeiden, wurden die Waagen durch gläserne Gehäuse geschützt.

Spezielle Waagen

Der Franzose Gilles Personne de Roberval (1602– 1675) beschrieb 1669 das Prinzip der Tafelwaage, die allerdings erst im 19. Jahrhundert in Gebrauch kam. Hier hängen die Waagschalen nicht an einem Balken, sondern liegen indirekt auf einem durchgehenden Unterhebel. Die ersten Tafelwaagen waren nicht unproblematisch, weil Pfannen und Schneiden zwischen den Schalenträgern und dem Unterhebel sowohl auf Zug als auch auf Druck beansprucht wurden. Joseph Béranger (1802– 1870) verbesserte sie durch einen Zwischenhebel und einen geteilten Unterhebel.

1763 entwickelte der schwäbische Pfarrer und Tüftler Philipp Matthäus Hahn (1739– 1790) eine Neigungswaage mit direkter Gewichtsanzeige. Hier wird die Masse nicht durch Kompensation mit einer anderen Masse, sondern über die Auslenkung eines Zeigers auf einer Skala gemessen.

Der Elsässer Uhrmacher Jean Baptiste Schwilgué (1776– 1856) entwickelte Jahrzehnte später eine Dezimalwaage, die der Benediktiner Friedrich Alois Quintenz (1774– 1822) durch eine unten liegende Brücke verbesserte und 1821 zum Patent anmeldete. In den Apotheken wurde dieser Waagentyp aber allenfalls zum Nachwiegen größerer Rohstoffmengen benutzt.


Mohr-Westphalsche Waage für die Bestimmung der Dichte von Flüssigkeiten. Hier ist der Schwimmer nicht völlig in die Flüssigkeit eingetaucht, was notwendig wäre, um den gesamten Auftrieb messen zu können. Die Reiter müssen so auf dem Lastarm mit seinen zehn Kerben positioniert werden, dass der Balken im Gleichgewicht ist. Die vier verschieden schweren Reiter geben die vier Ziffern hinter dem Komma an, wobei der jeweilige Zifferwert ihrer Positionen auf dem Lastarm entspricht. Würde der schwerste Reiter rechts außen über dem Dreieck positioniert, entspräche dies dem Wert 1,0.
Foto: Wylegalla

Mohr-Westphalsche Waage

Erfindung und Weiterentwicklung der Mohr-Westphalschen Waage sind dem Apotheker Karl Friedrich Mohr (1806– 1879) und dem Feinmechaniker Georg Westphal (1836– 1902) zu verdanken. Die Waage misst die Dichte von Flüssigkeiten und beruht auf der Beobachtung des Archimedes, dass nach dem Eintauchen eines Körpers (geringerer Dichte) in Wasser die verdrängte Wassermenge mit dessen Dichte korreliert.

Die Mohr-Westphalsche Waage hat einen ungleicharmigen Balken; am Ende des längeren Arms (Lastarm) hängt ein Glaskörper (Schwimmer), und der kürzere Arm endet in einem Gegengewicht, sodass der Balken im Ruhezustand ein Gleichgewicht anzeigt. Wenn der Schwimmer in eine Flüssigkeit hineintaucht, wird das Gleichgewicht durch den Auftrieb gestört. Durch Reiter (Massestücke), die auf den Lastarm gesetzt werden, kann der Auftrieb kompensiert und damit die Dichte der Flüssigkeit gemessen werden. Der Lastarm ist mit zehn Teilstrichen (Kerben) versehen, die (von innen nach außen) den Zahlen von 1 bis 10 entsprechen. Es gibt vier unterschiedlich schwere Reiter, die die ersten vier Dezimalen angeben; zusammen ergeben sie die Zahl der Dichte.

Medizinalgewicht

Maßeinheiten leiten sich in der Regel von natürlichen Gegenständen oder menschlichen Körperteilen ab. In Mesopotamien war bereits im 3. Jahrtausend vor Christus die Masse eines Getreidekorns die kleinste Gewichtseinheit. Daraus entstand das Gran (lat. granum = Korn) in den abendländischen Gewichtssystemen, doch diente das Korn hier nicht mehr als Referenz. So steht in Christoph Wirsungs "Artzneybuch" (Ausgabe 1588): gran, braucht man gerstenkörner schwer dafür […]. in diesen werden gemeiniglich zwentzig für ein scrupel gerechnet. weil man aber bey vns wunderselten die gersten so vollkommen findet, sonder dasz hart dreiszig, etwa viertzig, ein scrupel wegen (= wiegen), so schickt sich basz, dasz ein vollkommen pfefferkorn für I Ga [1 Gran] genommen werde, da dann zwentzig gar gleich mit eim scrupel zutreffen.

1 Gran entsprach etwa 65 mg, wobei es lokale und regionale Unterschiede gab. 1 Unze zählte 8 Drachmen zu 3 Skrupeln zu 20 Gran (480 Gran). Während 16 Unzen 1 Handelspfund ergaben, hatte das Medizinal- oder Apothekerpfund nur 12 Unzen, also ein Viertel weniger. Das Nürnberger Apothekerpfund wog 357,6 g. Es war auch in vielen Gebieten außerhalb der Reichsstadt maßgeblich, weil die Nürnberger Gelbgießer seit dem 15. Jahrhundert präzise geeichte Einsatzgewichte (auch: Topf-und-Bechergewichte) aus Messing herstellten, die einen guten Ruf hatten.

Im 19. Jahrhundert wog ein Apothekerpfund in Österreich 420 g, in Bayern 360 g und in preußischen Offizinen sogar nur 350,723 g. Wandernde Apothekergesellen wurden also immer wieder mit neuen Gewichten konfrontiert.

In Frankreich hatte bereits 1790 eine Gelehrtenkommission das metrische System kreiert, mit dem Meter als Längenmaß und dem Gramm (1 cm3 Wasser) als Gewichtseinheit. Im Laufe des 19. Jahrhunderts übernahmen die meisten europäischen Staaten das metrische System, so das Deutsche Reich in seinem Gründungsjahr 1871, nachdem der Norddeutsche Bund mit der "Maaß- und Gewichtsordnung vom 17. August 1868" eine Vereinheitlichung der Längenmaße und Gewichte beschlossen hatte. In Artikel 7 wird ausdrücklich hervorgehoben, dass "ein abweichendes Medizinalgewicht nicht stattfindet".


Mörser aus Eisen und Stahl sowie Pillenbrett mit Zubehör.
Foto: Wylegalla

Mörser und Stoßkammer

Ein weiteres unverzichtbares Utensil in Rezeptur und Defektur – und darüber hinaus in vielen anderen Gewerben und im Haushalt – war der Mörser (lat. mortari = zermalmen). Zusammen mit dem Pistill (lat. pistillum) oder Stößel war er das ideale Instrument zum Zerkleinern vieler Rohstoffe. Die bisher ältesten bekannten Exemplare wurden im Wadi Kubbaniya in Ägypten gefunden.

Die Arbeit mit Mörser und Pistill erforderte Kraft und Ausdauer, aber keine gründlichen pharmazeutischen Kenntnisse. Deshalb beschäftigten die Apotheker dafür einen Stößer, der zugleich eine Art Hausmeister und – so wird berichtet – auch der gute Geist der Offizin war, der für die Sorgen der Angestellten ein offenes Ohr hatte. Gemäß dem maximalen Partikeldurchmesser (nach dem Sieben) wurden die Arzneidrogen grob (0,75 mm), mittelfein (0,3 mm) oder fein gepulvert (0,15 mm). Zum Vergleich: Bei Schnittdrogen unterschied man grob (4 mm), mittelfein (3 mm) und fein geschnitten (2 mm).

Weil beim Stoßen ein Teil des Pulvers in die Luft fliegt und eingeatmet wird, wenn die Nase nicht durch ein Tuch geschützt ist, hatte die Apotheke in der Regel eine separate Stoßkammer; in Preußen wurde sie allerdings erst 1902 gesetzlich vorgeschrieben, als schon gewerbliche Mühlenbetriebe die Aufbereitung von Rohstoffen in den gewünschten Feinheitsgraden übernommen hatten.

Allen Mörsern gemein sind dicke, belastbare Wände und ein halbkugelförmiger Boden im Inneren, der eine gleichmäßige Zerkleinerung der Stoffe ermöglicht. Je nach Verwendungszweck waren Exemplare mit einem Fassungsvermögen von 2 mm bis zu acht Litern in Gebrauch. Mixturenmörser waren mit einem Ausguss versehen.

Von Bronze bis Elfenbein

Mörser und Pistill wurden in der Regel aus demselben Material angefertigt. Neben den am häufigsten verwendeten Legierungen Bronze und Messing gab es Mörser aus Eisen, Hartholz, Steingut, Porzellan und Gesteinen (meist Kalkstein). Das Material musste zur Arzneidroge passen. Rosenblüten zum Beispiel wurden in Mörsern aus Alabaster zerstampft, Perlen und Korallen in Mörsern aus weißem Marmor verrieben. Nicht wenige Mörser waren künstlerisch gestaltete Prunkstücke, die das Repräsentationsbedürfnis ihrer Besitzer widerspiegelten. Besonders nobel waren Mörser aus Elfenbein, Edelmetallen oder Halbedelsteinen (Achat).


Museum


Brandenburgisches Apothekenmuseum

Altmarkt 24, 03046 Cottbus

Tel. (03 55) 2 39 97, Fax 3 83 18 48

www.niederlausitzer-apothekenmuseum.de

Geöffnet: Dienstag bis Freitag 10 bis 17 Uhr


Im 19. Jahrhundert mussten hochwirksame, potenziell toxische Substanzen wie bestimmte Alkaloide nicht nur in einem separaten Giftschrank aufbewahrt werden, sie wurden auch in speziellen Porzellanmörsern mit schwarzer Schrift auf weißem Grund zerkleinert und in speziellen Handwaagen gewogen (s. o.). Neben Geräten für "Venena" (Gifte im Allgemeinen) waren u. a. solche für "Arsenicalia", "Hydrargyra" (Quecksilberpräparate) und penetrant riechende Stoffe wie Moschus üblich.


Reinhard Wylegalla



DAZ 2011, Nr. 19, S. 76